Martin Balasus
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist schwierig, auf die Lehrergewinnung einzugehen, wenn unsere Gedanken bei den ermordeten Schülern, bei ihren Familien und bei ihren Angehörigen sind. Ihnen allen gilt unser tiefes Mitgefühl. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, einmal unserer Ministerin zu danken, die heute Morgen vor Ort an der Schule war und mit den Schülerinnen und Schülern und den Lehrerinnen und Lehrern gesprochen hat. (Beifall CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Lehrer zu sein, ist nicht immer leicht. Es ist aber ein ganz wichtiger Beruf. Ich persönlich finde, dass Lehrersein kein Beruf ist, sondern eine Berufung. Junge Menschen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden zu begleiten, sie zu prägen und sie zu fördern, das ist wundervoll und erfüllend. Dieser Dienst am Menschen und an der Gesellschaft verdient unsere Anerkennung und unsere Unterstützung. (Beifall CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Das ist das, was wir alle tun können. Manche Stellschrauben kann aber nur die Politik stellen. Sie muss für die richtigen Rahmenbedingungen für gelingendes Lernen sorgen. Dazu gehört, dass der zunehmenden Mangel an Lehrkräften aufgehalten wird. Der Bedarf an Pädagoginnen und Pädagogen ist in den letzten Jahren noch gewachsen. Seit dem letzten Jahr sind 7.000 ukrainische Schülerinnen und Schüler gekommen. Auch durch Zuzug, eine sich verändernde Schülerschaft und eine sich verändernde Gesellschaft werden unsere Lehrerinnen und Lehrer zunehmend vor Herausforderungen gestellt. Eine Person vor 28 Kinder zu stellen, ist vielleicht nicht immer zeitgemäß; wir wollen, dass zunehmend in multiprofessionellen Teams gearbeitet wird. Zaubern kann leider keiner von uns. Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, um Studentinnen und Studenten zu gewinnen, fruchten erst in vielen Jahren. Deswegen müssen wir uns an Lösungen machen, die heute und morgen greifen. Dabei wollen wir nicht wie der vorliegende FDP-Antrag auf einzelne, überhastete Schnellschüsse setzen, sondern auf eine langfristige und vielschichtige Strategie zur Gewinnung neuer Lehrkräfte. (Beifall CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Das wollen wir als Schleswig-Holstein im Übrigen auch nicht alleine tun, sondern gemeinsam mit allen anderen Bundesländern. Die Kultusministerkonferenz weiß um dieses große Problem: Das Thema wurde – nicht zuletzt von der KMK-Präsidentin 2022, unserer Ministerin Karin Prien – nicht totgeschwiegen, sondern gemeinsam mit der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK angepackt. Denn die Gemengelage ist komplex, sodass sie einer umfassenden Strategie und keiner Einzelmaßnahmen bedarf. Wir bitten die Landesregierung daher, bis zum zweiten Quartal eine Handlungsstrategie zu entwickeln und uns vorzustellen. Enger Partner dabei wird die Allianz für Lehrkräftebildung sein, eine Institution, bei der sich Akteure aller drei Phasen der Lehrkräfteausbildung einbringen und zusammen Ideen entwickeln. Es wird hier eben nicht von oben verordnet, sondern gemeinsam an einem Strang gezogen. Das ist in Deutschland einmalig. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir benötigen dringend Maßnahmen, um die Studienabbrecherquote zu senken. Vielleicht könnte ein höherer Praxisbezug im Studium dazu beitragen, so wie es zum Beispiel an der Uni Flensburg der Fall ist. Ich selbst war im ersten Semester einen festen Tag an einer Schule und wusste daher genau, was im Berufsleben auf mich zukommt. Auch mehr Flexibilisierung im Referendariat, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, möglicherweise ein leichterer Laufbahnwechsel zwischen den verschiedenen Lehrämtern oder die Überprüfung von Sabbatical-Regelungen könnten wertvolle Beiträge leisten. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) (Martin Balasus) Außerdem muss die Beratung zu den Studienfächern intensiviert werden, um Pädagoginnen und Pädagogen für diejenigen Fächer zu gewinnen, die wir so dringend brauchen, zum Beispiel Mathe, Physik und Musik. Warum nicht die Weiterqualifizierung für das Drittfach ausbauen, so wie uns das gerade bei Informatik gelungen ist? Das ist ein absolutes Erfolgsmodell. Selbstverständlich müssen wir uns auch die Frage stellen, wie wir aktuell mehr Menschen ins System bekommen können. Quer- und Seiteneinstiege gilt es daher zu fördern und auszubauen, jedoch – das betone ich ausdrücklich – mit damit einhergehenden Qualifizierungsmaßnahmen. Was unter Britta Ernst, der SPD-Bildungsministerin in Brandenburg, passiert, dass nämlich Bachelor-Absolventen, also Personen, denen der zweite Studienteil fehlt – der Master zum Beispiel –, als Lehrkräfte verbeamtet werden, halte ich für unverantwortlich. Daraus ergibt sich eine Zweiklassengesellschaft im Lehrerzimmer – die vollwertigen Lehrer mit hoher Besoldung und die „Hilfslehrer“, und – was noch viel schlimmer ist – das Ganze geht zulasten unserer Kinder. (Zuruf Martin Habersaat [SPD]) – Herr Habersaat, das noch zu verteidigen, finde ich ganz grob fahrlässig. (Zuruf Martin Habersaat [SPD] – Beifall CDU) Nein, liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist nicht der Weg für Schleswig-Holstein. Wir setzen auf Qualität und arbeiten mit Nachdruck an der Quantität. Nur gut ausgebildete Kinder und Jugendliche haben die Chance auf ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben. – Vielen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
