Malte Krüger
Sehr geehrte Präsidentin! Wenn Schulen oder Universitäten Besuch aus dem Ausland bekommen, wird häufig nicht schlecht gestaunt. Dies liegt aber nicht an der guten Ausstattung. Man ist nicht selten überrascht, dass es immer noch nicht flächendeckend gutes WLAN oder gute Computer gibt. Ich erinnere gern daran, dass ich an dieser Stelle bereits vor einigen Wochen über die existierenden Overhead-Projektoren gesprochen habe. Auch diese werden mit nostalgischem Interesse wahrgenommen. Das Bild Deutschlands als fortschrittliches und digitales Land ist weit gestreut. Als Industrieland seien wir Spitzenreiter auf allen technischen und digitalen Ebenen. Eine Studie des European Center for Digital Competitiveness zeichnet aber ein anderes Bild. Auf dem vorletzten Platz rangiert Deutschland unter den G-7-Ländern, und das zum zweiten Mal in Folge. Andere europäische Staaten haben im Vergleich in den vergangenen Jahren einen wesentlichen Fortschritt in der Digitalisierung erreichen können. Zwar rangiert Deutschland im europäischen Digitalisierungsgrad knapp über EU-Durchschnitt, dadurch allerdings auch nur im Mittelfeld. Verstehen Sie mich nicht falsch: Deutschland hat in den vergangenen Jahren erhebliche Erfolge und Verbesserungen erreichen können. Dennoch: Das Abschneiden im internationalen Vergleich kann und soll nicht Anspruch sein. Für uns in Schleswig-Holstein gilt dies besonders, bedenkt man, dass wir mit Dänemark einen echten Vorreiter beim Thema Digitalisierung als Nachbarn haben. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission hat im September als unabhängiges wissenschaftliches Beratungsgremium der Kultusministerkonferenz das Gutachten zur Digitalisierung im Bildungssystem vorgelegt. Das Gutachten geht einen Schritt weiter als bisherige Gutachten und nimmt die gesamte Bildungskette von der Kita bis zur Hochschule in den Fokus; darauf hat die Ministerin bereits hingewiesen. Die Kommission gibt 14 Handlungsempfehlungen, die in den kommenden Monaten und Jahren unternommen werden müssen, um erfolgreiche Lehr- und Lernprozesse in einer digitalisierten Welt zu ermöglichen. Die Ministerin hat in ihrem Bericht schon viel zu den Empfehlungen der Kommission gesagt. Deshalb werde ich nur noch zu ausgewählten Punkten etwas sagen. Die Kommission empfiehlt unter anderem, digitale Medienbildung als Bildungsziel in die Rahmenund Orientierungspläne der Kitas aufzunehmen. Wir haben uns in den Koalitionsverhandlungen darauf verständigt, dass wir gemeinsam mit den Kitas und unter wissenschaftlicher Begleitung die Bildungsstandards und -leitlinien der Kitas weiterentwickeln und verbindlicher gestalten wollen. Die Empfehlung wird die Landesregierung bei der Überarbeitung sicherlich berücksichtigen können. Auch empfiehlt die Kommission, dass digitale Medienbildung in Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Personals – das zieht sich wie ein roter Faden von der Kita bis zur Hochschule – eine größere Rolle spielen muss. Dass die Ausbildung in diesem Punkt besser werden muss, ist ein Punkt, den ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Es ist zum einen die Medienbildung, also wie ich Kindern und Jugendlichen Medien näherbringe, aber auch der Umgang von Lehrkräften mit digitalen Medien und der Einsatz im eigenen Unterricht. Bei Letzteren habe ich in meinem eigenen Unterricht kaum von meinem Studium profitieren können. Ich weiß, dass es vielen Kolleginnen und Kollegen ebenso geht. Viele profitieren eher davon, dass sie mit digitalen Geräten aufgewachsen sind und sich selbst dafür interessieren. Das Studium muss hier noch mehr Anknüpfungspunkte bieten, damit ich mein mitgebrachtes Wissen und meine (Malte Krüger) mitgebrachten Kompetenzen weiterentwickeln kann, damit ich das, was ich kann, für den Unterricht gewinnbringend einsetzen kann. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Weiterhin empfiehlt die Kommission die Einführung eines Pflichtfachs Informatik. Dazu haben wir bereits etwas gehört. Auch darauf haben wir uns bereits in den Koalitionsverhandlungen verständigt. Es ist richtig, dass wir diesen Weg einschlagen. Informatik wird fester Bestandteil des Stundenplans. Es ist unsere Verantwortung, dass wir diesen Schritt zu einem Erfolg machen, von dem dann kommende Generationen profitieren. Das Gutachten empfiehlt auch die dauerhafte Einrichtung länderübergreifender Zentren für digitale Bildung. Das ist eine super Idee. Lassen Sie uns nicht auf den Bildungsföderalismus schimpfen, sondern lassen Sie uns länderübergreifend denken. Um es im Bernd-Buchholz-Sprech zu sagen: Lassen Sie uns eine Beschäftigungsdegression oder – wie ich es nennen würde – eine Föderalismusdegression vornehmen. Das heißt, jedes Land braucht digitale Bildung. Also können die Länder über solche Zentren auch gemeinsam profitieren. Frau Ministerin Prien hatte das auch schon gesagt. Nicht jedes Land muss das Rad neu erfinden. Das Gutachten zeigt auf, dass gerade mit der Coronapandemie der Bedarf nach digitaler Lehre wesentlich gestiegen ist und auch im Präsenzunterricht eine wesentliche Rolle spielt beziehungsweise spielen sollte. Natürlich soll Digitalisierung nicht bedeuten, dass Schülerinnen und Schüler sowie Studentinnen und Studenten nur noch aus der Ferne unterrichtet werden. Digitale Lehre heißt auch Vielfalt im Methodeneinsatz, heißt digitale Infrastruktur vor Ort. Verschiedentlich wird die Forderung erhoben, nur noch hybriden Unterricht zu erteilen. Ich halte das für einen sehr gewagten Ansatz. Mit den derzeitigen technischen Voraussetzungen würde es meistens daran scheitern. Und ganz wichtig: Die Ständige Wissenschaftliche Vertretung fordert es nicht einmal annähernd. Ich verstehe den Wunsch, bin davon aber überhaupt nicht überzeugt. Ein Punkt, der bei den vielen Vorschlägen schon fast untergeht, ist, dass das Prüfungswesen weiterentwickelt werden soll. Schülerinnen und Schüler schreiben ihre Klausuren meistens noch mit Füller auf einem Stück Papier. Zwar wird man viele Prüfungsleistungen auch immer noch mit Blatt und Stift bewältigen, aber zu einem digitalisierten Bildungssystem gehört auch, dass ich in einem ersten Schritt einige Prüfungen in digitaler Form ablegen kann. Das übt die Digitalisierung von Schülerinnen und Schülern und schont den Rücken von Lehrkräften, die nicht unzählige Klausurhefte hin- und hertragen müssen, sondern das Ganze digital haben. Wir wünschen uns bei der Analyse für SchleswigHolstein einen pragmatischen Ansatz. Das Land soll Lösungen für den Bildungssektor anbieten, die einfach und unbürokratisch umgesetzt werden können. Was schnell umgesetzt werden kann, soll auch schnell umgesetzt werden. Mit Vernunft und guter Planung soll das Land im weiteren Verlauf digital und zukunftssicher aufgestellt werden. Mit dem Gutachten erhalten wir schließlich einen umfangreichen Leitfaden für eine bessere digitale Bildung, den wir nun gezielt nutzen sollten und den wir auch schon gezielt nutzen. Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal klar sagen: Wir wollen nicht, dass Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten sowie Angehörige des Bildungssystems abgehängt werden. Wir wollen nicht, dass sie im internationalen Vergleich schlecht dastehen. Digitale Transformation ist der Schlüssel für technologischen Fortschritt und Wachstum. Dabei spielt die Bildung eine ganz zentrale Rolle. Ein digitalisiertes Bildungssystem bedeutet Fortschritt auf allen Ebenen, in Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Lassen wir endlich den Overhead-Projektor oder die überforderte Lehrkraft am Beamer ein Relikt aus alten Zeiten werden! – Vielen Dank. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)
