Martin Habersaat
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Ergebnisse unserer Grundschulen bei der IQB-Studie müssen uns dazu bringen, verschiedene Bereiche unseres Schulwesens neu in den Blick zu nehmen und bestehende Strukturen zu hinterfragen. Nach Lektüre der montäglichen Pressemitteilung von Herrn Balasus bitte ich die CDU dringend: Machen Sie es den Schülerinnen und Schülern nicht zu schwer, indem Sie es sich zu einfach machen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK empfehlen mit guten Gründen, den Unterricht in Deutschland nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gestalten. Dazu gehören auch intensivere und längere Übungsphasen. Ich zitiere aus der Empfehlung: „Die Grundschule muss dringend die basalen sprachlichen und mathematischen Kompetenzen fokussieren. Dafür ist es erforderlich, nicht nur Einzelmaßnahmen zu ergreifen, sondern eine Strategie zu entwickeln, die das gesamte System von der Schule über die Schulaufsicht bis zu den Kultusministerien in die Verantwortung nimmt.“ Fünf Bausteine für eine solche Strategie schlagen wir Ihnen heute vor. Das Fach Mathematik, die Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler und die gestressten Familien haben es verdient, dass Sie sich ernsthaft damit beschäftigen. Erstens: mehr Ressourcen für den Mathematikunterricht. Das dürfte zunächst sogar unstrittig sein. Der Streit geht bei der Frage los, ob diese zusätzlichen Ressourcen allein für zusätzliche Stunden aufgewandt werden. Wir wissen aus der IQB-Studie: WP) - 13. Sitzung (neu) - Mittwoch, 14. Dezember 2022 Viele Schülerinnen und Schüler haben Angst vor Mathe, und diese Angst vor Mathe beheben Sie nicht durch eine Stunde mehr in der Woche. Diese Stimmung überträgt sich auf den heimischen Schreibtisch, wenn geübt werden soll. In zu vielen Familien ist es der Matheunterricht, der für Frust sorgt und oft, wo man es sich leisten kann, für den Gang zur Nachhilfelehrkraft. Aber Mathematik muss nicht wehtun. Das Fach darf nicht als Selektionsinstrument missbraucht werden. (Beifall SPD, FDP und Jette WaldingerThiering [SSW]) Zweitens. Mathe macht stark. Lassen Sie uns das Erfolgsprojekt ausweiten. Herr Balasus, ich las, Sie seien mit unserem Antragstitel „Mathe stark machen“ nicht einverstanden gewesen. Ich hoffe, das Projekt „Mathe macht stark“ findet trotz seines Namens Ihren Segen; denn es hilft, mathematische Grundvorstellungen systematisch aufzubauen und Fehlvorstellungen zu beheben. Drittens. Lassen Sie uns mit den Hochschulen über zeitgemäße Didaktik, Methodik und die Inhalte des Studiums für angehende Mathematiklehrkräfte reden, und lassen Sie uns darauf achten, dass wir nicht die falschen rausprüfen, wo wir pädagogische Fachkräfte dringend brauchen. Viertens. Entwickeln Sie einen Fahrplan zur Einführung von flächendeckenden tutoriellen Systemen. Eine Metastudie der TU München im Auftrag der Kultusministerkonferenz kam zu dem Schluss, dass intelligente tutorielle Systeme, also Computerprogramme, die mitdenken und die gut begründet die nächste Aufgabe oder die nächste Wiederholungsaufgabe vorschlagen, die größte positive Wirkung auf die Lernergebnisse in den MINT-Fächern haben. Diese Studie stammt aus dem Jahre 2017. Fünftens. Lassen Sie uns eine Fortbildungsoffensive Mathematik starten, und zwar mit drei Bausteinen: a) kritische Überprüfung der Lernmaterialien. Der qualitative Unterschied von Mathematikschulbüchern kann ein Drittel eines Schuljahres ausmachen. Das ist doch eine Nachricht, die zum Handeln auffordert. Leider scheint der Elan aufseiten der Bildungsministerin schon wieder am Erlöschen. Im November berichtete sie dem Bildungsausschuss, eine Untersuchung des IPN habe ergeben, dass die beliebtesten Mathematikbücher an Grundschulen die schlechtesten Ergebnisse bei der Erreichung von Mindest- und Regelstandards erzielten. Man wolle Empfehlungen abgeben und Schulbücher zertifizieren. So das Protokoll des Bildungsausschusses. Auf (Martin Habersaat) meine begeistert gestellte Kleine Anfrage nach konkreten Maßnahmen wurde mir dann allerdings beschieden: Die Entscheidung über den Einsatz von Schulbüchern obliegt den Lehrkräften. – Ende Gelände. Das ist doch traurig. Auch diese Studie ist drei Jahre alt, und passiert ist nichts. Zweiter Baustein für die Fortbildungsoffensive: die Verzahnung von Mathematik mit anderen Fächern. Wie Sie wissen, bin ich gelernter Deutschlehrer, und im Deutschunterricht ist es seit Jahren üblich, dass es eine sprachliche Grundbildung gibt, an der alle Fächer mitwirken. Warum machen wir so etwas nicht auch bei der mathematischen Grundbildung? Und – b) -: Fügen Sie die Ergebnisse aus a) und b) auf verbindlichen Schulentwicklungstagen für alle Grundschulen zusammen und machen Sie Mathematik zu einem Anliegen des gesamten Kollegiums. Machen Sie Mathe stark. Wir sind uns sicher: Wenn vorhandene und zusätzliche Ressourcen klug genutzt werden, kann es besser werden, und zwar, liebe schwarz-grüne Regierung, an allen Schulen und nicht wieder nur an fünf ausgewählten Testschulen im Land. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD, FDP und SSW)
