Thomas Losse-Müller
Zweiter Antrag! Wir sind nicht größer als ihr! (Heiterkeit) Es fühlt sich manchmal so an; ich weiß. (Beifall SPD – Peter Lehnert [CDU]: Du bist vielleicht länger, aber nicht größer! – Weitere Zurufe) – Es ist nicht so? – Wir haben aber so viel mehr zu sagen! Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Modelle, die uns das Helmholtz-Zentrum in Geesthacht und GEOMAR hier gegenüber schon aufgelegt haben, sind eindeutig. Der Klimawandel verändert unser Land. Die Frage ist nur noch, ob die Temperatur um 1,2 Grad steigt, wenn wir alle unsere Klimaziele halten, oder um 3,4 Grad, wenn wir nichts tun, ob wir noch einen Winter haben oder WP) - 13. Sitzung (neu) - Mittwoch, 14. Dezember 2022 nicht. In Klimasprech: Sind es nur 23 Tage oder 68 Tage weniger unter fünf Grad als heute? Steigt der Meeresspiegel um einen halben Meter – das wird er sicher tun – oder um zwei Meter? Dabei geht es nicht nur um physikalische Größen und die Veränderung unserer Umwelt, sondern um ernsthafte ökonomische Fragen. Der Klimawandel zerstört Landflächen, Agrarproduktion, Ökosysteme, Biodiversität. Die Produktivität in unseren Unternehmen leidet darunter. Wir haben mehr Hitzekranke und Hitzetote. Alles das wurde schon gesagt. Es ist wichtig, dass wir in der Diskussion wissen, was der ökonomische Schaden ist und was das alles für uns bedeutet, weil wir heute und in den nächsten Monaten und Jahren Entscheidungen über sehr große Summen treffen müssen, die wir investieren müssen. Wir haben solche Zahlen für SchleswigHolstein nicht. Für eine transparente Diskussion in Schleswig-Holstein wäre es wichtig, sie zu haben – auch in diesem Haus. Es wäre wichtig, dass die Landesregierung benennt, was es heißt, was diese Temperaturschwankungen, diese weniger Tage an Abkühlung, diese mehr Tage an Hitze bedeuten. Wir wissen nur, dass beispielsweise die Unternehmensberatung Deloitte für die gesamte Bundesrepublik schätzt, dass allein der ökonomische Schaden 730 Milliarden Euro beträgt. Wenn man nur den Anteil des Bruttosozialprodukts nimmt, dann wären das 25 Milliarden Euro Schaden in Schleswig-Holstein. Viele von Ihnen kennen das Plakat da hinten von Scientists for Future hier in Schleswig-Holstein. Es zeigt, wie viel Landfläche wir verlören, wenn der Meeresspiegel stiege, und zwar gar nicht einmal, weil das Wasser einströmt, sondern weil das Wasser gar nicht mehr rauszukriegen ist. Viele Flächen liegen in Steinburg. Scientists for Future schätzen, dass auf den Flächen, die wir in Schleswig-Holstein verlören, 350.000 Menschen leben und dass Landund Immobilienwerte in Höhe von 49 Milliarden Euro verloren gingen. Ja, wir brauchen eine Klimaanpassungsstrategie, weil sich das Klima und weil sich das Land verändern werden, und darauf müssen sich unsere Städte einstellen, darauf müssen sich die Menschen einstellen. Wir müssen dafür auch andere Infrastrukturen bauen. Wir brauchen eine andere Agrarlandschaft, und wir müssen mit dem Wandel von Biodiversität, also der Arten von Tieren und Pflanzen, die hier leben, umgehen. (Thomas Losse-Müller) Meine Damen und Herren, aber wir brauchen erst einmal eine vernünftige Klimaschutzstrategie, damit aus den 1,2 Grad Celsius nicht 3,4 Grad Celsius werden, damit aus dem halben Meter nicht zwei Meter werden. (Beifall SPD) Das ist unser zentraler Vorwurf an Ihre Landesregierung: Wo ist denn jetzt der Klimaplan? Wo sind die Kalkulationen? Wo sind die Maßnahmen, die wirklich dazu führen, dass wir bis 2030 die Reduzierung von 65 Prozent erreicht haben? Wir müssen 12 Millionen Tonnen CO – an Treibhausgasequiva2 lenten – reduzieren. Das ist das Dreifache von dem, was wir in den letzten zwölf Jahren geschafft haben. Wir haben uns die Mühe gemacht, einmal zusammenzurechnen, was das alles bedeutet, und ich glaube, das sind Ziele, die wir alle gemeinsam tragen: 40 % aller Haushalte an ein Wärmenetz, flächendeckende Ladeinfrastruktur, Durchfinanzierung des Landesnahverkehrsplans. Wir kommen auf 10 Milliarden Euro. Wir werden diese Zahlen, die nur grob geschätzt sind, in den nächsten Wochen und Monaten noch von Expertinnen und Experten unterlegen lassen. Wir werden die Rechenwege offenlegen, aber uns allen hier ist klar: Das ist wirklich sehr viel Geld, das wir investieren müssen. Aber die Frage, ob 10 Milliarden Euro eine lohnende Investition sind, entscheidet sich natürlich an der Frage, wie viel Kosten wir reduzieren wollen. Deswegen wollen wir, dass die Landesregierung vorlegt, was das alles für Schleswig-Holstein heißt: Sind es 50 Milliarden Euro Verluste? Sind es 35 Milliarden Euro Verluste? Wir brauchen dies, damit wir den Menschen zeigen können: Wir müssen jetzt handeln, damit wir nicht Land verlieren und damit wir in einem Land leben können, das wir noch wiedererkennen und in dem zu leben es wert ist. Wir unterstützen Ihren Antrag zu einer Klimaanpassungsstrategie. Diese ist notwendig. Wir müssen uns auf den Wandel einstellen, der kommt. Wir wollen aber vor allen Dingen eine Grundlage für einen ehrlichen Diskurs hier darüber, wie viel wir investieren können, wie viel es sich lohnt, zu investieren. Wenn es Kosten von 70 Milliarden Euro sind, dann bedeuten 10 Milliarden Euro an Investitionen ein Verhältnis von eins zu sieben. Für jeden Euro, den wir jetzt investieren, ersparen wir uns sieben Euro Verluste. Wir unterstützen Ihre Strategie, aber mehr noch und wichtiger: Wir fordern Sie auf, endlich eine Klima-Sitzung (neu) - Mittwoch, 14. Dezember 2022 887 schutzstrategie vorzulegen. Dafür brauchen wir transparente Zahlen. Wir werden dafür unseren Job tun, aber leider wäre das eigentlich Ihr Job. Deswegen: Tun Sie ihn! (Beifall SPD)
