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Martin Balasus

CDU 23.11.2022 Sitzungen 20/10

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Bürgerinnen und Bürger! Vor 22 Jahren schockten die Ergebnisse der PISA-Studie die deutsche Öffentlichkeit. Die Empörung damals war groß – das weiß ich noch, damals war ich nämlich selbst noch Schüler. Intensiv wurde über die Ursachen diskutiert, dann aber wurde gehandelt. Anschließend ging es mit der deutschen Schulbildung wieder bergauf. Nun liegen uns heute die Ergebnisse der Nachfolgestudie vor, des IQB-Bildungstrends, der ebenfalls ein düsteres Bild zeichnet. Die Auswertungen der Vergleichsstudie für den Primarbereich haben gezeigt, dass in ganz Deutschland immer mehr Grundschülerinnen und Grundschüler nicht die Mindeststandards erreichen. Besondere Defizite herrschen in den Basiskompetenzen, also Lesen, Schreiben und Rechnen. In Mathematik hat der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die den Mindeststandard nicht erreichen, seit 2016 bedeutsam zugenommen. Auch im Lesen und in der Orthografie sind Defizite zu verzeichnen. Einzige Ausnahme bildet der Kompetenzbereich Zuhören, wo unsere Kinder an der Bundesspitze stehen. Wenn man aber das Gesamtbild betrachtet, müssen wir feststellen: Damit können wir nicht zufrieden sein, und damit wollen wir auch nicht zufrieden sein. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Doch die Frage, die sich natürlich stellt, ist: Wo liegen die Ursachen? Natürlich haben die coronabedingten Schulschließungen, dazu noch Distanz- und Wechselunterricht für eine deutliche Verschlechterung der schulischen Kompetenz gesorgt. Deshalb sage ich ganz klar: Schulschließungen darf es nicht noch einmal geben! (Beifall CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Aber wir sollten jetzt nicht den Fehler machen, ausschließlich Corona für den Leistungsabfall verantwortlich zu machen. Corona wirkte eher wie ein Katalysator für Entwicklungen, die bereits schon länger vorhanden waren. Fest steht: Auch unsere Schülerschaft hat sich gewandelt. Sie ist weitaus heterogener als noch vor einigen Jahren: Stadt oder Land, bildungsfern oder bildungsnah, steigender Migrationsanteil durch die Flüchtlingskrise, immer weniger Unterstützer in den Elternhäusern und so weiter. Dazu kommen noch allgemeine gesellschaftliche Trends wie ein zunehmender Medienkonsum oder – die Ministerin sagte es eben – dass immer seltener vorgelesen wird. All das verschärft noch die Situation, all das fordert unsere Lehrkräfte in besonderer Weise. So unterrichten zum Beispiel Grundschullehrkräfte auf zahlreichen Niveaustufen. Manchmal haben sie es in einer ersten Klasse zum einen mit Kindern zu tun, die kein Wort Deutsch sprechen, zum anderen mit Kindern, die schon sicher lesen können. Das ist eine riesige Spanne. Wenn ich ehrlich bin, drehten sich meiner Wahrnehmung nach in Deutschland auch viele Bildungsdebatten der letzten Jahre häufig um die falschen Fragen, um irgendwelche Nebensächlichkeiten, die von den wahren Herausforderungen abgelenkt haben. (Martin Habersaat [SPD]: Gendern zum Beispiel!) Im Fokus müssen von nun an der umfassende Erwerb und die Förderung der Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen stehen. Aus diesem Grund – wir haben es eben auch gehört – hat die Landesregierung fest vor, je eine zusätzliche Stunde Deutsch und Mathe in der ersten und zweiten Klasse einzuführen. Es soll nicht einfach irgendein Unterricht mehr sein, mir ist ganz wichtig, dass das wirklich Deutsch und Mathe sind. Das sind nämlich die Fächer, die für den Erfolg in vielen Unterrichtsfächern maßgeblich sind. Insgesamt sollten wir uns auch mehr mit dem Elementarbereich beschäftigen. Die Grundlagen für das Lernen werden im frühkindlichen Alter gelegt. Es braucht im Kitaalter mehr an frühzeitiger Sprachdiagnostik, und wenn Handlungsbedarf festgestellt werden sollte, anschließend auch eine systematische Förderung der Kinder. Hier kann uns Hamburg als Vorbild dienen, wo der Sprachstand der Viereinhalbjährigen verbindlich erhoben wird. Anschließend, nach der Kitazeit, sollten in der Grundschule mehr Lernstandserhebungen aufzeigen, wie das einzelne Kind entsprechend seiner individuellen Bedürfnisse gefördert werden kann. Wichtig wäre mir, dass diese Förderprogramme (Martin Balasus) auch verbindlich umgesetzt werden, dass es also nicht bei bloßen Lippenbekenntnissen bleibt. Da der sozioökonomische Status weiterhin Auswirkungen auf den Schulerfolg hat, ruhen meine Hoffnungen auch auf dem Ausbau unseres PerspektivSchul-Programms und – wir haben es das letzte Mal im Bildungsausschuss gehört – auch auf der Ausweitung dieser Idee auf den Kitabereich, das wäre das Stichwort „PerspektivKitas“. Programme wie „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“, „Lernchancen:SH“, „Niemanden zurücklassen“, „Mathe macht stark“, „Lesen macht stark“ et cetera müssen fortgesetzt werden – all das gilt es zu intensivieren. Dass unsere Landesregierung um den Stellenwert der Sprache für die Entwicklung und Zukunft der Kinder und Jugendlichen weiß, hat sie erst vor Kurzem bewiesen, als sie nämlich bei den Sprachkitas eingestiegen ist und diese gerettet hat, als sich die Ampel auf Bundesebene kläglich aus der Verantwortung gezogen hat. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf SPD – Zuruf: Die CDU auch!) – Sehe ich nicht so. Angesichts der besorgniserregenden Ergebnisse des IQB-Bildungstrends sollten wir jetzt – das ist ganz wichtig – unbedingt vom Reden ins Handeln übergehen. Wir brauchen eine Gesamtstrategie, um die Leistungen in den Basiskompetenzen zu verbessern. Der gesamte Bildungsverlauf soll in den Blick genommen werden, alle Phasen der Lehrkräftebildung und die Verbesserung des multiprofessionellen Arbeitens. Wichtig ist, dass die Umsetzung der getroffenen Maßnahmen anschließend auch überprüft wird. Im Kontext der Ergebnisse der IQB-Bildungsstudie wurde auch die Frage über den Stand der Inklusion gestellt. Das habe ich auch mehrfach in der Zeitung gelesen, deshalb möchte ich darauf gern eingehen. Wir haben einen Antrag „Rahmenkonzepte zur Etablierung von Campusklassen erstellen“ vorgelegt. Mit den Campusklassen wollen wir denjenigen Schülerinnen und Schülern das Leben und Lernen leichter machen, für die Schule eine größere Herausforderung bedeutet als für andere Kinder und Jugendliche. Wir möchten ihnen eine bessere Möglichkeit geben, sich zu entfalten. Sie haben genauso ein Anrecht auf Förderung ihrer geistigen Entwicklung wie alle anderen Kinder. Mit den Campusklassen schaffen wir für sie mehr Chancengerechtigkeit. (Vereinzelter Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Kinder aus Förderzentren werden Campusklassen in Regelschulen besuchen. Das ist ein wichtiger Baustein zur Inklusion. Jedes Kind ist verschieden, jedes hat seine Schwächen, aber vor allen Dingen seine Stärken. Das ist natürlich bei Kindern mit nicht anders als bei Kindern ohne den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Das ist ganz klar. Der eine ist gut in Musik, der andere vielleicht in Naturkunde. Aber die Kinder ohne Förderschwerpunkt haben ein homogeneres Grundniveau als Kinder, die in Campusklassen gehen. Deswegen halten wir diese Idee für sinnvoll. Wichtig ist uns, dass wir an diesen Schulen für Durchlässigkeit sorgen, sodass man in den Regelunterricht gehen kann oder auch nicht. Lassen Sie mich ein Beispiel skizzieren: Ein Kind ist vielleicht beim Lesen oder Schreiben lernverzögert, hat andererseits aber Stärken im mathematischen Bereich. Dann wird dieses Kind in Mathe am Regelunterricht teilnehmen können, während es in der Campusklasse in Ruhe am Lese- und Schreibthema arbeiten kann, ohne durch die Anforderungen an den Deutsch-Regelunterricht überfordert oder frustriert zu werden. Man stelle sich einmal vor, welche Erfolgserlebnisse und Motivationsschübe diese Form der Differenzierung für die Kinder mit sich bringen kann. Campusklassen sind also eine ideale Möglichkeit, individuell auf jeden Schüler und jede Schülerin einzugehen. Das Beste kommt erst noch: Das Beste am Konzept der Campusklassen ist, dass für Schülerinnen und Schüler, die bereits Campusklassen besuchen – zum Beispiel in Süderbrarup –, Inklusion überhaupt kein Thema ist. Kein Kind fragt: Warum ist das so? In ihrer Vorstellung ist ja jede Schule so. Jeder lernt von und mit jedem. Jedes Kind arbeitet dort, wo es hingehört, ganz nach seinen Begabungen. Und alle Kinder kommen untereinander in Kontakt, entweder im Unterricht oder bei Ausflügen, in der Mittagspause in der Cafeteria – alles möglich. Schülerinnen und Schüler mit Handicap kommen so aus ihrer Komfortzone in der Förderschule hinaus. Alle anderen lernen einen rücksichtsvollen und selbstverständlichen Umgang miteinander. Campusklassen, das bedeutet so viel Integration wie möglich, aber auch so viel Differenzierung wie nötig. Jetzt sprach ich über die Campusklassen und natürlich auch über den IQB-Bildungstrend, aber ein Thema fehlt natürlich noch: Alle Bemühungen zur Verbesserung des schulischen Unterrichts werden keine Früchte tragen, wenn wir nicht mehr Lehrkräfte gewinnen. Im letzten Schuljahr ist mehr Un- (Martin Balasus) terricht ausgefallen oder improvisiert erteilt worden, zum Beispiel durch EVA, das heißt eigenverantwortliches Arbeiten. Das ist ein sehr bedauernswerter Umstand. Ein höherer Krankenstand, Quarantäneregelungen oder nachgeholte Klassenfahrten, Ausflüge et cetera haben dafür gesorgt. Aber vor allem spüren wir die Auswirkungen des Lehrkräftemangels. Die Generation der Babyboomer geht sukzessive in Pension, und es kommen zu wenige Studentinnen und Studenten, zu wenige Pädagogen nach. Das ist eine bundesweite Entwicklung, und in Schleswig-Holstein betrifft sie uns natürlich auch. Die Gewinnung neuer Lehrkräfte, die Begeisterung von Studentinnen und Studenten für den Beruf des Lehrers und der Lehrerin ist in meinen Augen die zentrale Aufgabe der Bildungspolitik. Ich freue mich – das möchte ich an dieser Stelle einmal explizit betonen – schon auf die Vorschläge der Allianz für Lehrkräftebildung, die wir Ende des Jahres erwarten. Es gibt viele Ideen, die im Raum stehen: mehr Seiten- und Quereinstiege – ganz wichtig ist natürlich: mit ausreichender pädagogischer Nachqualifizierung –, die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, der Ein-Fach-Lehrer, das Ermöglichen von dualen Berufsbiografien sowie die Senkung der Studienabbrecherquote durch mehr Praxis. Das alles sind Ideen, die im Raum stehen. Vielleicht auch ein intensiverer Kontakt zwischen Studenten und Schulen, dass man da mal zu Besuch kommt und etwas vorstellt. Das sind alles Möglichkeiten. Wichtig ist, dass wir so einen Strauß von kreativen Lösungsideen entwickeln, um die bestmögliche Beschulung unserer Kinder in der Zukunft sicherzustellen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Es gibt aber auch etwas, was wir alle tun können: Lehrerinnen und Lehrer verdienen Respekt. Sie haben nicht nur während Corona Herausragendes, manchmal bis weit über die Belastungsgrenze, geleistet. Die Anforderungen an das Berufsbild steigen kontinuierlich. Unterricht ist nur noch eine Aufgabe von vielen. Ich finde: Das muss in unserer Gesellschaft auch ausreichend Würdigung erfahren. Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Herausforderungen an unseren Schulen sind vielfältig und groß. Wir müssen sie weiter angehen. Nun heißt es, die Ärmel hochkrempeln und handeln – ganz so, wie wir es vor 22 Jahren nach der PISA-Studie getan haben –, und dann geht es auch wieder bergauf. – Vielen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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