Karin Prien
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es steht außer Frage: Die langen Schulschließungen während der Pandemie haben bundesweit zu massiven negativen Folgewirkungen für Kinder und Jugendliche geführt. Besonders betroffen waren Grundschülerinnen und Grundschüler, die erst einmal lernen müssen, eigenverantwortlich zu arbeiten. Im OECD-Vergleich waren die Schulen in Deutschland besonders lange geschlossen, das bekommen wir jetzt auch im Rahmen von Lernstandserhebungen zu spüren. Der IQB-Bildungstrend zeigt: Bundesweit erreichen immer mehr Grundschülerinnen und Grundschüler nicht die Mindeststandards. Ihnen fehlen die Basiskompetenzen in den Bereichen Lesen, Schreiben, Zuhören und Rechnen. Zudem steigt die soziale Ungleichheit in den Bildungsergebnissen – in der Pandemie nochmals mehr –, und es zeigen sich deutliche Nachteile für Kinder mit Zuwanderungshintergrund. Auch in Schleswig-Holstein entspricht die Entwicklung leider dem bundesweiten Trend. Im Bereich Zuhören haben die Schülerinnen und Schüler ein vergleichsweise gutes Ergebnis: In diesem Bereich schneiden die Kinder in SchleswigHolstein im Mittel besser ab als der bundesdeutsche Durchschnitt und liegen an der Spitze der Bundesländer. In den Bereichen Mathematik, Lesen und Orthografie liegt Schleswig-Holstein nur im Mittelfeld. Es gibt in allen drei Bereichen eine Zunahme von Risikoschülerinnen und -schülern und weniger Kinder, die mindestens den Regelstandard erreichen. Allerdings ist es so, dass die sozialen Disparitäten in Schleswig-Holstein in allen Bereichen nach wie vor geringer sind als im Bundestrend. Das heißt, wir haben einen geringeren Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft/Migrationshintergrund und Leistung. Das ist übrigens auch im IQB-Bildungstrend 2021 so. Richtig ist aber auch: Nur im Bereich Mathematik gibt es eine signifikante Verschlechterung in den Jahren 2011 bis 2022. Meine Damen und Herren, aus dem, was ich Ihnen beschrieben habe, zeigt sich: Bildung muss gesamtgesellschaftlich Priorität haben und hätte es auch in der Pandemie stärker haben müssen. Die Lehre daraus ist, dass, egal welche gesellschaftlichen Debatten wir in Zukunft führen werden, Bildung immer Vorrang haben muss. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Denn alle Kinder haben das Recht auf eine erfolgreiche Bildungsbiografie. Sie haben ein Recht darauf, die Mindeststandards der Grundschule zu erreichen. Der IQB-Bildungstrend beschreibt allerdings nur die Symptome, er nennt keine Ursachen – schon gar nicht länderscharf – und empfiehlt im Übrigen auch keine Maßnahmen. Deshalb analysieren wir jetzt die Ergebnisse in einem dialogischen Prozess mit den Schulleitungen, den Schulaufsichten und unseren Hochschulen, sowohl für Schleswig-Holstein als auch bundesweit in der Kultusministerkonferenz. Wir können schon jetzt sagen, dass die Ergebnisse ganz offensichtlich und wenig überraschend auch eine Folge der Coronapandemie und der Schulschließungen sind, zumal die Daten 2021 unmittelbar nach dem zweiten Lockdown erhoben wurden. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auf die Frage eingehen, warum eine Auswertung der Daten mit Blick auf die Ausstattung beziehungsweise den Wechselunterricht in Schleswig-Holstein anders als in manch anderen Ländern nicht erfolgen konnte. Die Antwort ist einfach: Die Stichprobe war zu klein, und bis 2021 sah das Schulgesetz keine Ver- (Ministerin Karin Prien) pflichtung der Schulleitungen vor, sich an dieser Umfrage zu beteiligen. Das haben wir mit der Schulgesetzänderung 2021 geändert, wie Sie alle wissen. Jetzt müssten die Schulleitungen diese Angaben machen. Aber im Schulgesetz, das bis dato galt, war das nicht der Fall. Wir tragen gemeinsam die Verantwortung dafür, dass das bis 2021 nicht der Fall war. (Christopher Vogt [FDP]: Das waren gute Zeiten!) – Das waren gute Zeiten. Meine Damen und Herren, auch wenn die Pandemie großen Einfluss auf die Ergebnisse hatte, muss man sich ehrlich machen: In der Pandemie hat sich ein negativer Trend fortgesetzt. Der negative Trend betraf und betrifft nach wie vor vor allem die Kinder, die ihre Bildungsbiografie unter schlechten Startbedingungen beginnen. Sie erreichen immer weniger die Mindeststandards. Deshalb haben wir in der vergangenen Legislaturperiode intensiv daran gearbeitet, sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler zu stärken. An vorderster Stelle will ich hier das PerspektivSchul-Programm nennen, mit dem wir 2019 begonnen haben. Dazu gehört aber auch die Ausweitung des Programms „Niemanden zurücklassen – Lesen macht stark – Mathe macht stark“. Seit dem Schuljahr 2018/19 gibt es ein ergänzendes Trainingsprogramm für basale Kompetenzen im Lesen und Schreiben. Wir haben 2019, weil wir schon zum damaligen Zeitpunkt die klare Tendenz erkannt haben, den Masterplan Mathematik mit zahlreichen Maßnahmen etabliert. Er beinhaltet zum Beispiel die Stärkung der Mathematik in der Lehrkräftebildung, eine zusätzliche Stunde in den Jahrgängen 1 und 2 und die Notwendigkeit, für fachfremd unterrichtende Lehrkräfte Mathematikzertifikate zu erwerben. Darüber hinaus haben wir die Anzahl der Schulen, die ein Ganztagsangebot vorhalten, in den letzten fünf Jahren um insgesamt 62 Schulen erhöht. Mittlerweile stellen rund 96 Prozent der öffentlichen Grundschulen unterrichtsergänzende Ganztags- und Betreuungsangebote bereit. Meine Damen und Herren, klar ist aber auch: Mit Beginn der Pandemie standen die Schulen plötzlich vor sehr großen Herausforderungen. Sie waren insbesondere damit beschäftigt, überhaupt Unterricht anbieten zu können. Natürlich haben sich die Schulen in den letzten zweieinhalb Jahren nicht in hinreichendem Umfang auf die Durchführung von individuellen Fördermaßnahmen konzentriert. Das ist so gewesen, aber ich frage Sie: Wer wollte dies der einzelnen Lehrkraft oder der Schulleitung vorwerfen? Natürlich wurden Förderprogramme in dieser Zeit nicht überall so umgesetzt, wie wir es uns wünschen. Inzwischen ist das anders. Im Rahmen unseres Programms „Aufholen nach Corona“ werden die Förderprogramme inzwischen mit großem Engagement umgesetzt. Wir haben in dieser Zeit vieles getan, um insbesondere Kinder, die schlechtere Startchancen haben, besser zu versorgen. So steht zum Beispiel die Ausstattung mit Endgeräten, die wir mit Bundes- und Landesmitteln umgesetzt haben, an vorderster Stelle, und das Programm „Aufholen nach Corona“ setzen wir, wie Sie wissen, in diesem Schuljahr fort. Wir konzentrieren uns hier insbesondere auf leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler, und wir konzentrieren uns ganz bewusst auf die Kernkompetenzen Deutsch, Mathematik und Englisch. Wir konzentrieren uns übrigens auch genau auf die Schülerinnen und Schüler, die wir 2021 im IQB-Bildungstrend getestet haben, die jetzt schon in der 6. Klasse sind. Meine Damen und Herren, der Schulbesuch ist für das Erlernen der Mindeststandards zentral. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass Kinder in der Grundschule die Mindeststandards erreichen. Dafür müssen wir auf vielen Ebenen arbeiten. Wir müssen die Eltern stärker mit ins Boot holen, und wir müssen die Zusammenarbeit zwischen Kita und Schule deutlich verbessern. Ich will heute noch einmal einen banalen Satz sagen: Vorlesen ab dem Kleinkindalter bleibt eine der wichtigsten Fördermaßnahmen für Kinder. Das betrifft Eltern, Kita und Grundschule. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD und Dr. Bernd Buchholz [FDP]) Natürlich müssen wir auch weitere Maßnahmen entwickeln, um die Basiskompetenzen der Grundschülerinnen und Grundschüler zu stärken. Deshalb haben wir im Ministerium eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die an einem „Handlungsplan basale Kompetenzen“ arbeitet. Darin entwickeln wir kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen für die frühkindliche und schulische Bildung. Es geht darum, erprobte und geeignete Programme und Maßnahmen, die wir bereits auf den Weg gebracht haben, noch mehr Schulen zur Verfügung zu stellen und an der einen oder anderen Stelle die Anwendung verpflichtend zu machen – da, wo dies bisher nur freiwillig geschieht. Ganz konkret beginnen wir mit der Prüfung, an welchen Grundschulen der Einsatz bewährter Pro- (Ministerin Karin Prien) gramme wie „Niemanden zurücklassen“ noch mehr gefördert und von den Schulaufsichten gefordert werden muss. Es geht darum, Lehrkräfte besser zu qualifizieren und den Einsatz dieser gut evaluierten Programme und der darin enthaltenen Trainingsmaterialien voranzutreiben. Wir werden zukünftig noch mehr Wert auf die Erhebung von Lernständen legen. Bereits jetzt stehen den Schulen neben den flächendeckenden Vergleichsarbeiten eine ganze Reihe von diagnostischen Unterstützungsinstrumenten des IQSH zur Verfügung. Ergänzend dazu finden sich ab dem Schuljahr 2022/23 im Lernmanagementsystem itslearning Lernstandserhebungen für die Jahrgangsstufen 3, 4 und 6 bis 10. Die Lernrückstände an den Übergängen sind besonders relevant. Daher wird den Schulen seit diesem Schuljahr für den 5. Jahrgang eine standardisierte Online-Erhebung in Deutsch und Mathematik zur Verfügung gestellt. Damit kann die Lernausgangslage der Schülerinnen und der Schüler erhoben werden. Sie wird mit passgenauem Trainingsmaterial für die Verwendung im Anschluss ergänzt. Das ist besonders wichtig, denn hier sprechen wir über die Kinder, die am meisten unter den Folgen der Coronapandemie und der Coronamaßnahmen gelitten haben. Anhand der VERA-3-Ergebnisse aus dem Frühjahr werden wir die Schulen ermitteln, die einen hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern aufweisen, die den Mindeststandard verfehlen. So können wir eine enge Begleitung und Unterstützung durch die Schulaufsichten sicherstellen. Perspektivisch wird das bereits in der Erprobung befindliche digitale Datenblatt zur datengesteuerten Schulentwicklung ein weiteres zentrales Instrument sein. Damit können wir für die Schulen und Schulaufsichten Entwicklungsbereiche identifizieren, um passgenaue Maßnahmen zu ergreifen, aber auch, um gegebenenfalls bei der Ressourcensteuerung noch Akzente zu setzen. Darüber hinaus erwarten wir im Dezember dieses Jahres das Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK mit weiteren Empfehlungen für die Grundschulen und den Erwerb der basalen Kompetenzen in den Grundschulen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Der IQB-Bildungstrend ist erhoben worden, weil die KMK diesen Auftrag erteilt hat. Ich kann Ihnen sagen, es gab durchaus erhebliche Diskussionen in der KMK, ob man das in dieser Situation, 2021, so tun sollte. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir genau diese Ergebnisse wollten, um handeln zu können. Das Gleiche gilt für den Auftrag an die Ständige Wissenschaftliche Kommission zu diesem Gutachten. Wir werden das im Dezember bekommen. Das Gutachten wird wiederum Empfehlungen für die Kita, für die Grundschule, aber auch für die Hochschulen enthalten. Auch daran werden wir uns bei unserem Handlungsplan orientieren. Lassen Sie mich noch zwei, drei Bemerkungen zum Thema Lehrkräftegewinnung machen. Um erfolgreich zu sein, sind natürlich weitere Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte erforderlich, ebenso dürfen wir in unseren Anstrengungen, Lehrkräfte zu gewinnen, nicht nachlassen. Wir haben hier in den letzten Jahren gute Erfolge erreicht. So konnten wir insbesondere im Bereich der Sonderpädagogik die Anzahl der Studienplätze ausbauen. Das trägt erfreulicherweise Früchte. Wir können in diesem Bereich deutlich mehr Planstellen besetzen. Wir konnten die Unterrichtsversorgung im Schuljahr 2020/2021 erneut weiter ausbauen. Die allgemeinbildenden Schulen haben inzwischen eine Unterrichtsversorgung von 102 Prozent, die berufsbildenden Schulen erreichen 100 Prozent. Erfreulich ist auch, dass wir inzwischen wieder so viel grundständig ausgebildete Absolventen unserer Hochschulen im Grundschulbereich haben, dass wir keine Quer- und Seiteneinsteiger im Vorbereitungsdienst haben, sondern wir können ausschließlich grundständig ausgebildete Lehrkräfte in das Referendariat übernehmen. Meine Damen und Herren, ich will an dieser Stelle schließen und deutlich sagen: Die Vermittlung der Basiskompetenzen an den Grundschulen ist zentrale Aufgabe der Bildungspolitik dieser Landesregierung. Wir werden darauf einen starken Fokus richten. Das wird sowohl die Frage, wie viel Unterricht wir in den Grundschulen in Zukunft in SchleswigHolstein haben werden, als auch die Frage der Fokussierung auf diese Basiskompetenzen beinhalten. Wir werden unsere Fördermaßnahmen, aber auch die datengestützte Schulentwicklung insbesondere in diesen Bereichen ausbauen. Unser Ziel ist es, beim nächsten IQB-Bildungstrend deutlich besser abzuschneiden. Das muss unser Ziel sein. Jedes Kind braucht Basiskompetenzen, damit es überhaupt die Chance hat, im weiteren Verlauf einen erfolgreichen Bildungsweg zu gehen. Ich freue mich auf die Debatte hierzu im Bildungsausschuss und bin sicher, dass wir das gemeinsam gut schaffen werden. – Ich danke Ihnen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
