Silke Backsen
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die norddeutsche Tiefebene ist traditionell eines der bedeutendsten Durchzugs- und Rastgebiete für ziehende Wasservögel in Europa. Die Schwärme der nordischen Gänse waren schon immer ein charakteristischer Bestandteil der schleswig-holsteinischen Landschaft. Während viele Wiesenbrüter – wie Feldlerche, Kiebitz und Uferschnepfe – infolge der Intensivierung der Landbewirtschaftung immer seltener werden, profitieren einige Gänsearten vom Anbau energiereicher Pflanzen in den Rast- und Überwinterungsgebieten, aber auch von der allgemeinen Eutrophierung der Landschaft. Die Population der Weißwangengans, auch Nonnengans genannt, hat in den letzten Jahren deutlich - Freitag, 30. September 2022 555 zugenommen und hält sich seit einiger Zeit stabil auf einem hohen Niveau. Das ist zunächst einmal ein Erfolg des Naturschutzes. Der Bestandsanstieg dieser Art ist neben dem oben genannten Schutz auch darauf zurückzuführen, dass Klimaveränderungen und mildere Winter für bessere Bedingungen sorgen. Zudem ist ein Anstieg des Bruterfolgs vor allem auf ein großes Angebot an nährstoffreicher Nahrung auf den landwirtschaftlichen Flächen zurückzuführen. Die Gänse weichen aufgrund der Zerstörung ihrer natürlichen Habitate mehr und mehr auf landwirtschaftliche Flächen aus. Dies führt – wie meine Kollegin gerade schon sagte – in vielen Bereichen an der Westküste, aber generell im Land, in der Marsch, auf Eiderstedt und auf den Inseln, zu einem großen Konflikt mit der Landwirtschaft, da die Gänse extreme Fraßschäden anrichten können. Das Problem ist seit vielen Jahren bekannt und wahrscheinlich auch hier schon intensiv diskutiert worden. Es hat sich in den letzten Jahren regional und lokal verschärft. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, und ich weiß eben auch, wie verzweifelt die Landwirtinnen und Landwirte sein können und sind. Ich kann sehr gut nachempfinden und nachvollziehen, dass die betriebliche Situation bei einigen Landwirten extrem darunter leidet. Auf der anderen Seite weiß ich allerdings auch, dass solche Notsituationen in den Betrieben niemals nur eine Ursache haben. Hinzu kommt – das muss man fairerweise auch sagen, lieber Kollege –, dass abgefressene Flächen in einem wüchsigen Frühjahr oder Frühsommer eine hohe Resilienz zeigen können. Es gibt also keine einfachen Antworten auf dieses Problem. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Anfrage an die EU-Kommission zur Aufnahme der Weißwangengans ist bereits erfolgt. Die Weißwangengans würde bei einer positiven Antwort im Anhang II geführt werden und wäre damit jagdbares Wild mit regulären Jagd- und Schonzeiten. Die Möglichkeit der Bejagung wäre dann ein weiterer Baustein im Management dieses Problems. Weiterhin – da möchte ich mich meiner Kollegin anschließen – sollte der Fokus aber eben auch auf das breite Spektrum der möglichen Maßnahmen und eine dahingehende Ausweitung gelegt werden. Es müssen bessere Vertragsnaturschutzmuster her. Die sind aber auch bereits in Arbeit. Die landwirtschaftlichen Anbaustrategien im Hinblick auf weniger attraktive Pflanzen für die Gänse müssen stärker unterstützt werden. Es muss flexiblere Entschädi- (Silke Backsen) gungsmodelle geben. Ein angepasstes Management der landeseigenen Flächen müsste zumindest einmal überprüft werden. Ebenso müssen alternative Möglichkeiten erwogen, aber auch eine Unterstützung bei der Tierfutterbeschaffung in den extremen Hotspots, also in den Gebieten, in denen die Schäden überproportional hoch sind, gewährleistet werden. Ich schließe mich ebenfalls an, dass ein Austausch mit den Nachbarländern immer wichtig ist und man den Blick auf gemeinsame Lösungen intensivieren muss. Wir müssen allerdings auch weiterhin mit den Betroffenen vor Ort nach Lösungen suchen, und dort habe ich bisher tatsächlich wenige Kolleginnen und Kollegen gesehen. In den Zeiten, in denen es brennt, sind die allermeisten nicht vor Ort. Wir müssen bereit sein – alle Seiten müssen bereit sein –, Dinge zu verändern, zu akzeptieren und aufeinander zuzugehen. Auch hier spreche ich aus Erfahrung und weiß, wie emotional und wie wenig sachlich diese Debatten geführt werden. Gleichzeitig benötigen wir dringend einen Umbau und eine Ökologisierung der Landwirtschaft. Regionale Wertschöpfungsketten und die Vermarktung lokaler Produkte vor Ort könnten ebenfalls eine Lösung sein, und dies müssen wir – auch im Hinblick auf neue Betriebswege und Wirtschaftszweige – unterstützen. – Ich freue mich sehr auf Herrn Kumbartzkys Beitrag, der jetzt schon darüber lacht. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)
