Martin Dulig
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Für die Fortsetzung der Erfahrungen, die wir in dem Themenjahr gewonnen haben, gibt es für mich zwei Gründe: das Normale und das Abnormale. Das Normale ist genau das, was jüdisches Leben ausmacht: eben nicht das Exklusive, nicht der Blick von außen, nicht die folkloristische Betrachtung, sondern das Verständnis als Bestandteil unseres Lebens, unserer Gesellschaft und unserer Entwicklung. Es ist grenzwertig, wenn man Leistungen, die Menschen erbracht haben, nur mit ihrem Glauben verbindet, obwohl es zunächst einmal die Leistung dieser Menschen ist. Diese Normalität ist heute früh so wunderbar beschrieben worden. Ich bin dankbar, dass wir heute den Antrag diskutieren, an dem Tag, an welchem wir den Festakt hatten. Ich will mich an dieser Stelle für die starken Reden bedanken, auch ausdrücklich bei Ihnen, Herr Landtagspräsident. Frau Kulakova hatte in ihrer Rede genau darauf hingewiesen, wie häufig sie erklären muss, wenn es um jüdisches Leben geht, dass es eigentlich um Stereotype geht, dass es um Holocaust geht, um Shoah, um Antisemitismus, um Essen usw. usf. Diese Normalität, dass jüdisches Leben immer dazugehört hat und auch dazugehören soll, hat sie von uns eingefordert. Deshalb müssen wir uns weiterhin darum kümmern. Trotzdem haben wir einen wachsenden Antisemitismus. Wir haben einen neuen linken Antisemitismus. Wir haben einen wachsenden Antisemitismus durch Migration, weil der Grundkonsens, den wir in unserer Gesellschaft haben, dort nicht gelebt wurde. Wir haben den alten Antisemitismus. Das mag widersprüchlich klingen, weil ich gerade gesagt habe, dass es genau darum geht, jüdisches Leben nicht darauf zu reduzieren; wenn aber Menschen hier in unserem freiheitlichen Land wieder Angst haben, dann hat das mit Normalität nichts zu tun. Dann heißt das eben, dass wir uns weiterhin damit auseinandersetzen müssen. Genau das ist der Auftrag, den wir mit diesem Antrag erfüllen wollen, dass es nicht nur um ein Themenjahr geht, sondern um die permanente Auseinandersetzung mit dem, was für uns Normalität sein soll. Vielen Dank. (Beifall SPD, CDU, BÜNDNISGRÜNE und Die Linke)
