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Luise Neuhaus-Wartenberg

Die Linke 12.05.2026 Sitzungen 8/28

Sehr geehrter Herr Präsident! Wenn junge Menschen zum ersten Mal merken, dass sie komplizierte technische oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen können, dann entsteht etwas sehr Wichtiges, nämlich Neugier. Neugier ist vielleicht eine der demokratischsten Fähigkeiten überhaupt; denn sie bedeutet, die Welt nicht hinzunehmen, sondern sie verstehen zu wollen, sie zu hinterfragen. Darum sollte es bei guter MINT-Bildung gehen, und nicht nur darum, möglichst früh die nächsten Fachkräfte zu produzieren. Junge Menschen sollten die Möglichkeit bekommen, Zusammenhänge zu verstehen, Technik einzuordnen, kritisch zu denken und, ja, die Welt mitzugestalten. Meiner Meinung nach ist das keine abstrakte Forderung. Wir erleben gerade eine wirtschaftliche Umwälzung, die in ihrer Dimension wohl nur mit der industriellen Revolution zu vergleichen ist. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Automatisierung, Robotik – darauf müssen wir Schülerinnen und Schüler vorbereiten. Jenseits davon brauchen wir diese Kompetenzen als Gesellschaft im Ganzen: für die Energiefrage, für das Verständnis der Klimakrise, für den Umgang mit allem, was noch kommt. Natürlich ist MINT-Bildung auch eine Frage demokratischer Teilhabe. Deshalb ist es richtig, dass wir darüber sprechen, wie wir diese Kompetenzen stärken können. Ja, der MINT-Hub Sachsen kann ein sinnvoller Baustein sein. Die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Wissenschaft und Wirtschaft kann neue Perspektiven eröffnen. Praxisnähe kann Begeisterung wecken. Aber es muss klar sein: Naturwissenschaften dürfen nicht selektiv gefördert werden, also nicht nur dort, wo sie ökonomisch verwertbar erscheinen. Dass Unternehmen über das MINT-Hub Schulen unterstützen, ist nicht prinzipiell falsch; aber ihre Interessen dürfen das Ziel einer umfassenden Bildung nicht infrage stellen. Unsere Schulen sollen keine Wissensfabriken sein, sondern Orte humanistischer Bildung; denn Technik und Wirtschaft sind Mittel, keine Zwecke. Sie sagen uns nichts darüber, wie wir gleichberechtigt, friedlich und gut miteinander leben können. Dafür brauchen junge Menschen auch die kulturellen, sozialen, musischen und sprachlichen Fächer. Wir halten es deshalb für falsch, unter dem Vorwand, MINT zu stärken, andere Fächer zusammenzustreichen. Gerade in Sachsen beobachten wir, dass Wissen allein nicht reicht, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern. Demokratiebildung und Medienbildung dürfen nicht hinten runterfallen. Ferner ist da noch die soziale Frage, die wir immer mitdenken müssen. Mädchen sind in technischen Bereichen weiterhin unterrepräsentiert. Geschlechterklischees wie „Jungs können gut mit Zahlen, Mädchen können gut mit Worten“ werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung, wenn wir sie nicht überwinden. Projekte wie „MINT to be“ leisten hier wichtige Arbeit. Auch der MINT-Hub Sachsen muss hier einen klaren Schwerpunkt setzen. Kinder aus einkommensarmen Familien haben oft schlechteren Zugang zu außerschulischen Angeboten. Abseits der Großstädte fehlen vielerorts Möglichkeiten, junge Menschen früh für Naturwissenschaften oder Informatik zu begeistern. Es reicht eben nicht, über Spitzenförderung zu reden. Wir müssen darüber reden, wie wir allen Kindern gute Bildung ermöglichen; denn Talente gibt es überall, Chancen leider nicht. Trotzdem: Begeisterung kommt nicht durch Strategiepapiere oder neue Überschriften. Begeisterung kommt, wenn Kinder Zeit haben, Dinge auszuprobieren, wo Unterricht nicht nur aus Stress und Prüfungsdruck besteht, wo Schulen vernünftig ausgestattet sind und wo Lehrkräfte nicht dauerhaft überlastet arbeiten. Ein MINT-Hub ersetzt keine funktionierende Schule. Kinder sind keine Fachkräfte auf Vorrat, sie sind junge Menschen mit Interessen, Fähigkeiten und Fragen. Schule sollte der Ort sein, an dem sie lernen, die Welt zu verstehen – nicht nur, später im Arbeitsmarkt zu funktionieren. Jeder junge Mensch sollte technische und naturwissenschaftliche Zusammenhänge wirklich verstehen können; aber dafür ist mehr nötig als Netzwerke und Modellprojekte. Es geht nicht ohne gute Schulen, ohne gute Arbeitsbedingungen, ohne Zeit zum Lernen und ohne Chancengerechtigkeit. Neugier entsteht dort, wo junge Menschen das Gefühl haben: Diese Welt ist auch für mich da. Ich kann sie verstehen und verändern. Herzlichen Dank. (Beifall Die Linke und Christin Melcher, BÜNDNISGRÜNE) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Kollegin NeuhausWartenberg sprach für die Fraktion Die Linke. Kollege Berger hat keinen Redebedarf angezeigt. Wir könnten jetzt in die zweite Rederunde gehen. Ich übergebe das Wort wiederum an die CDU-Fraktion, an Herrn Kollegen Dr. Kromer. Bitte schön.

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