Christin Melcher
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu stärken, ist ohne Zweifel ein richtiges Ziel; denn wir reden hierbei über die Frage, wie junge Menschen befähigt werden, eine zunehmend technologische und zugleich ökologisch herausfordernde Welt mitzugestalten. Die neue Vereinbarung zwischen Kultusministerium und der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft formuliert genau diesen Anspruch: mehr MINTBildung, praxisnah und flächendeckend. Das klingt gut, aber wie so oft lohnt sich ein Blick hinter die Überschrift; denn die Ziele dieser Vereinbarung sind aus unserer Sicht keineswegs neu: Praxisnähe, Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft, Berufsorientierung, MINT-Förderung – all das gibt es in Sachsen bereits seit vielen Jahren, und zwar erfolgreich. Seit Langem existiert die gewachsene Struktur mit regionalen Koordinierungsstellen, dem Arbeitskreis SCHULEWIRTSCHAFT Sachsen und der Landesarbeitsstelle Schule-Jugendhilfe Sachsen, kurz LSJ. Über diese Strukturen arbeiten Schulen, Kammern, Kommunen, Wirtschaft und die Bundesagentur für Arbeit verlässlich zusammen, gerade im ländlichen Raum. Das Entscheidende dabei ist: Diese Strukturen wurden nicht zufällig aufgebaut. Nachdem die Aufgaben bis 2019 beim VSW lagen und dort eben nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt wurden, hat das Kultusministerium die Verantwortung bewusst an die LSJ übertragen. Das war richtig; denn dort wurden funktionierende Netzwerke aufgebaut, Kooperationen entwickelt und Berufsorientierung auch fachlich weiterentwickelt. Deshalb stellt sich uns heute schon die Frage: Warum dreht man diesen Schritt jetzt wieder zurück? Probleme wurden aus unserer Sicht nicht benannt. Weder Schulen noch Landkreise noch Kammern haben erklärt, dass die bestehenden Strukturen nicht funktionieren würden. Im Gegenteil, vieles läuft gut. Genau deshalb müssen wir offen aussprechen: Hier geht es weniger um neue Inhalte als um eine Verschiebung von Verantwortung und Einfluss. Das wirft aus unserer Sicht schon ein paar Fragen auf, zum Beispiel: Warum soll zukünftig ausgerechnet die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft die koordinierende Rolle übernehmen, obwohl bestehende Strukturen diese Aufgaben bereits erfolgreich erfüllen? Warum wurden diejenigen, die diese Arbeit seit Jahren aufgebaut haben, noch nicht einmal ernsthaft beteiligt? Die LSJ Sachsen und die regionalen Koordinierungsstellen wurden bei dieser weitreichenden Entscheidung weder eingebunden noch angehört. Das ist aus unserer Sicht kein gutes Verfahren, und – ehrlich gesagt – auch kein guter Respekt gegenüber der geleisteten Arbeit. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bei aller Kritik an den Strukturverschiebungen bleibt die eigentliche Aufgabe dennoch zentral: Wie stärken wir MINT-Bildung wirklich? Denn auch wenn Sachsen im IQB-Bildungstrend weiterhin vergleichsweise gut abschneidet, sehen wir: Die Kompetenzen sinken eben auch bei uns; vor allem sinkt das Interesse an den MINT-Fächern. Genau das ist aus unserer Sicht der entscheidende Punkt; denn gute Leistung entsteht nicht durch Verordnungen allein, sie entsteht dort, wo Neugier geweckt wird, wo Lernen als sinnvoll erlebt wird, wo guter Unterricht stattfindet und wo junge Menschen verstehen, warum Mathematik, Naturwissenschaften und Technik etwas mit ihrem eigenen Leben und mit ihrer Zukunft zu tun haben. Deshalb ist eine stärkere Vernetzung von Schule mit außerschulischen Partnern grundsätzlich richtig. Praxisnähe kann Motivation schaffen. Projekte können Lernen greifbar machen. Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN unterstützt diesen Ansatz daher ausdrücklich, aber mit einer klaren Erwartungshaltung. Erstens. Der Zugang muss für alle offen sein. MINT-Förderung darf nicht nur diejenigen erreichen, die ohnehin schon privilegiert sind oder früh Zugang erhalten. Zweitens. Kooperation braucht klare Leitplanken. Ja, die Zusammenarbeit mit Unternehmen kann sinnvoll sein, aber Bildung ist eben ein öffentlicher Auftrag. Deshalb müssen Inhalte, Qualitätsstandards und pädagogische Ziele klar durch die Bildungsseite definiert werden, nicht durch kurzfristige Fachkräfteinteressen. Drittens. Zukunftsorientierung heißt für uns natürlich auch, Nachhaltigkeit mitzudenken. Wenn wir über künstliche Intelligenz, Robotik und neue Technologien sprechen, dann müssen wir auch darüber sprechen, wie diese Technologien beispielsweise zur Bewältigung der Klimakrise, zur Ressourcenschonung und zu einer nachhaltigen Wirtschaft beitragen können. Zukunftskompetenzen bedeuten eben mehr als reine Technikkompetenzen. Schließlich gilt: Zusätzliche Projekte ersetzen noch lange keinen guten Unterricht. Ein MINT-Hub kann Schule eben nur ergänzen, aber er kann keinen Unterrichtsausfall kompensieren und leider auch keinen Lehrkräftemangel lösen. Deshalb gehört beides zusammen: innovative Angebote auf der einen Seite und eine starke schulische Basis auf der anderen Seite. Lassen Sie mich zum Schluss kommen. Der Erfolg dieser Vereinbarung wird sich aus unserer Sicht nicht daran messen lassen müssen, wie viele Projekte gestartet werden oder wie modern die Überschrift klingt. Er muss sich daran messen lassen, ob wir wirklich mehr junge Menschen für MINT begeistern, ob wir Teilhabe stärken und ob wir Bildung zukunftsfähig machen. Diese Ziele sind richtig; neu sind sie allerdings nicht. Entscheidend sind deshalb nicht die nächsten Strukturreformen, sondern dass wir gemeinsam an guter Bildung arbeiten. Vielen Dank. (Beifall BÜNDNISGRÜNE) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Kollegin Melcher sprach für die Fraktion BÜNDNISGRÜNE. Nun spricht für die Fraktion Die Linke Kollegin Neuhaus-Wartenberg. Bitte schön.
