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Dr. Frank Kromer

CDU 25.03.2026 Sitzungen 8/26

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wer würde nicht zustimmen? Es heißt: Mehr Bildung ist sinnvoll; wir brauchen mehr Bildung, auch ökonomische Bildung. Davon kann man nie genug haben, das ist doch richtig – gerade in einer Welt, die von ökonomischen Zusammenhängen und Abhängigkeiten so fundamental geprägt ist wie die unsrige. Aber steht es um die ökonomische Bildung wirklich so schlecht, wie es uns die AfD gerade eben glauben machen wollte? (Zurufe AfD: Ja!) Als Kronzeugin bemühen Sie in Ihrem Antrag die OeBiXStudie – das steht für ökonomische Bildung –, verantwortet von der Universität Oldenburg und durchgeführt im Auftrag der Flossbach-von-Storch-Stiftung. Also lohnt es sich, diese Studie einmal etwas genauer anzuschauen. Der Maßstab, der dort für die ökonomische Bildung herangezogen wird, ist die Anzahl der Stunden in einem einzigen Kernfach: Wirtschaft. Das heißt, alle anderen Fächer und die dort vermittelte Bildung fallen unten durch. Das ist schon eine große Schwäche dieser Studie; denn dieses Modell bevorzugt natürlich nur die Unterrichtsmodelle, in denen alle möglichen Wirtschaftsthemen in einem Fach gebündelt werden. Wenn sich diese Themen über mehrere Fächer verteilen, dann ist das in dieser Studie gleich negativ bewertet, weil die entsprechenden Fächer dort gar nicht gezählt werden. Was heißt das für Sachsen? Nur einmal ein Beispiel: Für ein sächsisches Gymnasium wird das Kernfach GRW gezählt, das passt so weit. Was aber nicht gezählt wird: die Thematisierung von Wirtschaftsräumen, Globalisierung, Strukturwandel im Fach Geografie. Ebenso unberücksichtigt bleibt die Betrachtung von Industrialisierung, Wirtschaftskrisen und Wirtschaftssystemen wie Planwirtschaft oder Marktwirtschaft, die im Geschichtsunterricht vermittelt wird. Auch die Behandlung wirtschaftsethischer Fragen wie etwa Konsumverhalten, im Religions- und Ethikunterricht thematisiert, findet einfach keine Berücksichtigung. All das setzt ein großes Fragezeichen hinter Ihre Kronzeugin, hinter diese Studie als Maß für den Unterricht in Sachsen. Der pauschale Ruf nach einem Fach Wirtschaft und damit nach mehr Unterrichtsstunden wird jedenfalls der tatsächlichen Unterrichtssituation in Sachsen nicht gerecht. Sie wird übrigens auch der Lebenssituation nicht gerecht; denn wirtschaftliche Zusammenhänge spielen nun einmal in vielen Gebieten eine Rolle, sie spielen in viele Gebiete hinein. Daher ist es auch sinnvoll, sie dort zu behandeln. Übrigens berücksichtigt die OeBiX-Studie auch die Zeiten von Betriebspraktika überhaupt nicht; das ist die zweite große Schwäche. Betriebspraktika würden nämlich einen Gutteil der geforderten insgesamt 200 Stunden in der Sekundarstufe I bereits abdecken; denn laut der Allianz für Aus- und Weiterbildung – einem Zusammenschluss von Bundesländern, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften – sind Betriebspraktika Teil der sozioökonomischen Bildung. Damit gehören Praktika eben auch in die Wirtschaftsbildung mit hinein und müssten dort gezählt werden. Niemand behauptet ernsthaft, der Ruf nach mehr wirtschaftlicher Kompetenz sei völlig unbegründet. Aber das hier gemalte Negativszenario bildet die Realität an sächsischen Schulen einfach nicht ab. Meine Damen und Herren, wer genau hinhört, der vernimmt auch noch viel mehr Rufe als nur den nach mehr ökonomischer Bildung. Ich höre: mehr Zeit für die MINT-Fächer von der Allianz für Sachsen. Ich höre: mehr Zeit für individuelle Förderung und Unterrichtsqualität von der GEW. Ich höre: mehr Zeit für Integration und Sprachförderung, ebenfalls von der GEW. Ich höre: mehr Zeit für Berufsorientierung und praktische Kompetenzen vom Landesschülerrat. Ich höre: mehr Zeit für Medienbildung, so heute Morgen von unserem Kultusminister Conrad Clemens bekräftigt und vorgetragen auf der Fachtagung Medienpädagogik im Januar. Ich höre: mehr Zeit für Sport und Bewegung vom Sportlehrerverband, vom Deutschen Fußballbund, vom Deutschen Olympischen Sportbund. Ich höre: mehr Zeit für Gesundheit und Ernährung vom Deutschen Jugendinstitut, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Ich höre: mehr Zeit im Schulunterricht für Krisenvorsorge, so erst jüngst gefordert von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Wer würde sagen, dass alle diese Forderungen in Gänze unberechtigt sind? Was ich aber leider nicht höre, ist, was alles dafür nicht mehr gelehrt werden soll, wenn wir diese Themen aufnehmen; (Beifall CDU) denn dabei hört der Konsens schnell auf. Das haben wir jüngst bei der Diskussion um das schriftliche Dividieren in Niedersachsen erlebt. Man kann all die anderen berechtigten Anliegen nicht einfach außen vor lassen und nur an einer Stelle ein neues Fach Wirtschaft einführen. Der Kanon der Schulbildung ist eine Gesamtheit und als Gesamtheit zu betrachten. Die berechtigten Anliegen sind auch im Detail anzuschauen und zu betrachten. Diese Mühe der Detailarbeit hat sich die Antragstellerin leider nicht gemacht; aber diese Mühe muss man sich machen, wenn es einem wirklich um die Kinder und Jugendlichen geht. Meine Damen und Herren, wir lehnen diesen Antrag daher ab. Im Weiteren ist mir der Blick darauf wichtig, was Alltag in unseren Schulen ist. Dazu gibt es eine jüngst veröffentlichte Studie, die darauf schaut, wie es den Jugendlichen geht und wie sie den Schulalltag erleben. Das ist eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung. Sie wurde im Wesentlichen durch die Universität Leipzig durchgeführt. Diese Studie hat gezeigt, dass die psychischen Belastungen, die Kinder und Jugendliche erfahren, in den letzten beiden Jahren noch einmal deutlich gestiegen sind. Das hatte nach Corona eine gewisse Entlastung erfahren, ist aber im letzten Jahr um 3 % angestiegen. Die Hälfte der Jugendlichen drückt aus, dass sie hohen Leistungsdruck verspüren. Das mindere ihr Wohlbefinden. Heute Vormittag haben Sie, Herr Urban, gesagt, dass es in der Schule keine Leistungsanforderungen mehr gäbe. Die Schüler erfahren und erleben dort etwas anderes. Leistung spielt auf jeden Fall eine Rolle. Sie erleben diesen Leistungsdruck. Das verhindert, mehr Inhalt in den Schulalltag hineinzupacken. Was empfehlen die Studienautoren? Sie empfehlen mehr Unterstützung und Förderung von Lehrkräften, aber keine Überforderung. Sie empfehlen ein besseres Klassenklima, also bessere Mobbingvorsorge. Sie empfehlen mehr Mitbestimmung von Schülerinnen und Schülern. Die Vorschläge kann man alle im Einzelnen diskutieren. Nicht darunter war die Forderung nach einem weiteren Schulfach, egal in welcher Ausprägung. Ein Obendrauf ist an dieser Stelle keine Lösung. Bessere Bildung folgt nicht automatisch aus mehr Unterricht von der gleichen Art. Schauen wir noch einmal auf Ihren Antrag und die direkt geforderten Aspekte. Was konkret der Inhalt von ausgeweiteter ökonomischer Bildung sein soll, scheint in Ihrem Antrag keine so wichtige Rolle zu spielen; denn davon ist im Antragstext keine Rede. Lediglich in der Begründung kommen die Themen ganz kurz vor. Darüber hinaus wird auf die Verlautbarung der Allianz für Sachsen und deren Forderung nach mehr unternehmerischer Bildung verwiesen. Diese Intention ist gar nicht so schlecht. Aber leider ist das von Ihnen vorgeschlagene Mittel dafür die völlig falsche Wahl. Es kann nicht darum gehen, die Theorie der Unternehmensführung in einem klassischen Schulfach flächendeckend zu vermitteln. Im Übrigen gibt es Gymnasien, bei denen das Profilfach unternehmerische Bildung vorkommt. Wir brauchen mehr Mut zum Gründen und mehr Mut zum Unternehmertum in Sachsen. Das ist richtig. Das ist aber eine Empfindung, ein Gefühl, eine Einstellung, Bereitschaft, Dinge zu gestalten und dafür Verantwortung zu übernehmen. Dafür braucht man kein eigenes Schulfach, sondern ein Format, das diese Erfahrungen und diese Erlebnisse schafft und ermöglicht. Wer einmal unternehmerisches Tun als positiv und bereichernd erlebt hat, für den wird Unternehmertum auch später eine denkbare Option sein. Meine Damen und Herren! Es gibt diese Formate. Diese Erfahrungen können vermittelt werden. Ein Beispiel für dieses Format ist die Simulation „Schule als Staat“. Vielleicht kennt sie der eine oder andere. Dabei können Schüler in einer Woche verschiedene Rollen übernehmen, auch die Rolle des Unternehmers, und das Essensangebot in dieser Woche wie in einem Restaurantbetrieb mit Einnahmen und Ausgaben komplett managen. Ein weiterer Aspekt sind die über 150 Schülerfirmen, die es in Sachsen an den verschiedensten Schulformen gibt: an Gymnasien, Oberschulen, Förderschulen, Berufsschulen. 39 davon werden sogar durch den Freistaat gefördert. In diesen Schülerfirmen werden Schulkleidung verkauft sowie Kalender und Snacks angeboten, Nachhilfeservices werden organisiert, Eventorganisation findet statt, IT- und Reparaturservices werden angeboten, um nur einige Beispiele zu nennen. Das sind Ansätze, die Unternehmertum positiv konnotieren, die Lust wecken, unternehmerische Freiheiten einmal auszuprobieren. Das sind Ansätze, die ausgebaut und weiterentwickelt werden sollten, weil sie Unternehmertum erlebbar und erfahrbar machen. Ein reines Unterrichtsfach Wirtschaft und ein Zählen abgeleisteter Stunden wird und kann nichts Vergleichbares leisten. Wir lehnen Ihren Antrag daher ab. Danke schön. (Beifall CDU und SPD) Dritter Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Scheibe: Wir hörten für die CDU-Fraktion Herrn Abg. Dr. Kromer. Als Nächster spricht für die BSW-Fraktion Herr Abg. Wurzler.

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