Gerald Eisenblätter
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Abgeordnete! Wir sprechen heute über einen Antrag, der nach Astrophysik und einem Blick in die Sterne klingt. In Wahrheit beginnt diese Reise nicht im Weltall, sondern ganz nah und tief unter unseren Füßen, in der Lausitz. Dort könnte ein Teil des Einstein-Teleskops entstehen, als europäische Forschungsinfrastruktur von Weltrang. Und – Herr Scheibe – die wird im Übrigen von Bund und EU finanziert. Das ist eine einmalige Chance, internationale Spitzenforschung, Innovation und Wertschöpfung in der Lausitz zu verankern. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Doktorand. Die Zusage für eine Messzeit am Berliner Experimentierreaktor war aufregend! Ich war vier Tage am Lise-Meitner-Campus in Berlin-Wannsee. Die Messzeit war rund um die Uhr und außerdem gab es Teamarbeit und intensiven Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie sehr kurze Nächte im Gästehaus. So fühlt sich echte Forschungsinfrastruktur an: konzentriert, international, ein bisschen chaotisch und elektrisierend. Heute haben wir die Chance, ein solches Forschungsumfeld in der Lausitz aufzubauen. Aber die Entscheidung für oder gegen die Lausitz fällt nicht in Hochglanzbroschüren. Sie fällt im Gestein, in der geologischen Realität unter uns. Für die Gravitationswellenforschung, also für das EinsteinTeleskop, braucht es maximale Ruhe und Stabilität. Und hier kommt das Lausitzer Granitmassiv ins Spiel. (Zuruf Franziska Schubert, BÜNDNISGRÜNE) Der Granodiorit in der Lausitz ist kein beliebiges Gestein. Es ist alt, kompakt, wenig geklüftet, geologisch bereits gut erkundet – ein massiver, mechanisch stabiler Block. Für hochempfindliche Gravitationswellendetektoren ist das ein entscheidender Vorteil; denn jede noch so kleine Erschütterung stört das Signal. Als Chemiker sage ich augenzwinkernd: Wir arbeiten gern mit effektvollen Reaktionen. Es muss knallen und puffen. Physiker bevorzugen stabile Fundamente. Physiker bedienen sich dabei häufig des Postulats der idealen Bedingungen. In der Lausitz ist diese jedoch weit mehr als theoretische Annahme. Sie ist Realität. Wenn wir also über Standortfragen reden, reden wir im Kern über die Geologie. Und hier hat uns und der Lausitz Mutter Natur einen echten Trumpf in die Hand gegeben. Diesen Trumpf müssen wir ausspielen. Es reicht nicht, das Einstein-Teleskop zu feiern. Wir müssen die konkreten Stärken der Lausitz aktiv ins Auswahlverfahren einbringen. Gleichzeitig muss dieses Verfahren transparent, wissenschaftsbasiert und fair bleiben: keine Vorfestlegung, weder national noch europäisch. Mit Partnern wie der TU Dresden und der TU Bergakademie Freiberg bringen wir starke geowissenschaftliche und technische Expertise in die Erkundung und Machbarkeitsstudien ein. Hier arbeiten bereits Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher daran, die Eigenschaften des Granitmassivs im Detail präzise zu bewerten. Mit dem Deutschen Zentrum für Astrophysik in Görlitz – es fand bereits Erwähnung – verfügt die Lausitz über ein nationales Spitzenforschungszentrum. Es wird eine zentrale Rolle in der kommenden Ära der Grundlagenforschung spielen und kann auch eine koordinierende Funktion für das Einstein-Teleskop übernehmen, unabhängig vom finalen Standort. Mit dem Low Seismic Lab entsteht bereits jetzt ein weiterer wichtiger Baustein für die Zukunftsvision Lausitz. Meine sehr geehrten Damen und Herren! So geht Strukturwandel. Und dabei geht es nicht nur um Erkenntnisgewinn, sondern auch um technologische Wertschöpfung. Prof. Scheibe, Wertschöpfung entsteht in solchen Großforschungseinrichtungen, wo Techniker tüfteln, Innovationen und Patente zutage bringen und in die konkrete Umsetzung gehen. Glasindustrie, IT, KI – all diese Themen wurden heute schon adressiert und genau daraus wird Wertschöpfung entstehen. Für uns als SPD ist klar: Ein Projekt dieser Größenordnung ist ein Versprechen an die Menschen vor Ort, an eine Region mitten im Herzen Europas, die sich im Wandel befindet. Es geht um gute Arbeit, um Ausbildung, um Fachkräfte und um regionale Wertschöpfung. Strukturwandel heißt für uns, Zukunft auf einem Fundament zu bauen, das im wirklichen wie im übertragenen Sinne stabil ist. Das Einstein-Teleskop ist ein europäisches Projekt. Die neue L-Form-Konfiguration macht die Kooperation mit Italien, insbesondere mit Sardinien, strategisch besonders wichtig. (Beifall Laura Stellbrink, SPD) Damit stärken wir die europäische Dimension dieser Forschungsinfrastruktur gleich mehrfach. Den bestehenden Kooperationsvertrag zwischen Sachsen und Sardinien müssen wir nun zügig, durch gemeinsame Forschung, abgestimmte Beiträge und Partnerschaft auf Augenhöhe, mit Leben erfüllen. Unser Ziel ist klar: Sachsen soll als verlässlicher, gestaltender Partner wahrgenommen werden, der geologische und wissenschaftliche Stärken erkennt und konsequent einbringt. Weil dieser Prozess von besonderer Tragweite ist, wollen wir als Koalition das Parlament auch künftig eng einbinden. Die regelmäßigen Berichte, die wir mit unserem Änderungsantrag fordern, schaffen Transparenz und parlamentarische Kontrolle. Sehr geehrte Damen und Herren! Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal als Mineraloge und Materialwissenschaftler sagen: Man beurteilt ein Gestein nicht nur nach der glänzenden Oberfläche, sondern auch nach seinen inneren Eigenschaften. Das Lausitzer Granitmassiv ist kein PR-Argument; es ist ein massiver Standortvorteil. Wenn wir ihn klug nutzen und gleichzeitig unsere europäische Zusammenarbeit, insbesondere mit unseren Nachbarländern Polen und Tschechien, aber auch – wie bereits erwähnt – mit Sardinien stärken, kann die Lausitz zu einem europäischen Zentrum der Gravitationswellenforschung werden. Die SPD geht diesen Weg – gemeinsam mit den Menschen in der Lausitz, mit Respekt vor ihrer Region und dem klaren Willen, durch Bildung, Forschung und fairen Strukturwandel Zukunft zu gestalten. Der hier oft angesprochene Änderungsantrag von CDU und SPD ist hiermit formal eingebracht. Für diesen und den gesamten Antrag bitte ich um Ihre Zustimmung. Ich bedanke mich ausdrücklich bei der BÜNDNISGRÜNEN-Fraktion, dass dieser Antrag heute vorliegt und wir ihn hoffentlich gemeinsam beschließen können. Vielen Dank. (Beifall SPD, BÜNDNISGRÜNE und Staatsregierung) Dritter Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Scheibe: Wir hörten für die SPD-Fraktion Herrn Abg. Eisenblätter. Jetzt spricht für die Fraktion Die Linke Herr Hartmann.
