Luise Neuhaus-Wartenberg
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Nicht nur die Anhörung im Bildungsausschuss hat gezeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht, was die fehlende Anerkennung der Dyskalkulie als Teilleistungsschwäche in Sachsen betrifft. Auch betroffene Schülerinnen und Schüler, Eltern und Vertretungen berichten uns und haben dem heutigen Tag, an dem die Anerkennung endlich beschlossen wird, entgegengefiebert. Das Thema war für uns dann doch etwas komplexer, als der ursprüngliche Antrag des BSW suggeriert, und ich verstehe ihre Freude, Herr Kollege Wurzler. Dennoch möchte ich daran erinnern, dass der Antrag heute keine Mehrheit finden würde, wenn wir feste Mehrheiten im Sächsischen Landtag hätten. Das ist aus der Not geboren: eine Situation, in der es an manchen Stellen ein Geben und ein Nehmen gibt. Umso besser, dass wir mit den demokratischen Fraktionen einen gemeinsamen Antrag erarbeitet haben, der die Hinweise aus der Anhörung aufnimmt und einen klaren Fahrplan festlegt. Das war ein gutes Arbeiten, wie ich finde. Vielen Dank dafür. Nun hoffen wir auf eine schnellstmögliche Umsetzung. Wichtig ist uns vor allem, dass die konkrete Ausgestaltung der Anerkennung als auch der möglichen Nachteilsausgleiche durch Experten entwickelt wird. Dazu gehören Personen aus der Wissenschaft, beispielsweise aus der Didaktik, Mathematik, Psychologie, Lerntherapie, aus der frühkindlichen Bildung und pädagogischen Praxis aus dem Kindergarten, dem Hort und der Schule unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Schularten. Die individuelle Förderung der betroffenen Schülerinnen und Schüler muss ermöglicht werden. Die Lehrkräfte an den sächsischen Schulen sowie angehende Lehrkräfte müssen im Umgang damit geschult werden, und es braucht Präventionsmaßnahmen. Diese und weitere Punkte wurden unter anderem in den gemeinsamen Änderungsantrag aufgenommen, so dass wir diesen heute sehr gern mittragen können. Wir wollen – auch das hat die Debatte gezeigt – weg von der Unterstellung, dass hiermit versucht werde, Kindern einen Vorteil zu verschaffen, weil diese irgendwie nicht fähig genug wären. Vielmehr muss im Vordergrund die Perspektive bzw. die Zukunft der Kinder stehen. Es geht nicht nur darum, schlecht in Mathe zu sein, sondern das führt nicht selten zu Schulangst, zu psychischen Belastungen und vor allem zu fehlenden Schulabschlüssen. Diese Entwicklung führt dazu, dass Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen oder aufgrund von schlechten Noten ihren Traumberuf nicht erleben können. Über ein Studium brauchen wir an dieser Stelle überhaupt nicht zu sprechen. Die fehlende Anerkennung und damit einhergehende ausbleibende Unterstützung für Schülerinnen und Schüler mit Dyskalkulie verbaut jungen Menschen die Zukunft. Deshalb ist es gut, dass wir diese jetzt haben. Jedenfalls werden wir über all diese Dinge in unserem Bildungssystem weiter diskutieren, und zwar so lange und mit voller Kraft, wie Teile dieses Parlaments – und das auch in Sachsen bzw. in Deutschland – ausschließlich auf gute Noten und nicht auf die individuelle Förderung abzielen. Deshalb herzlichen Dank noch einmal für diesen Änderungsantrag. Wir sind froh, dass er heute beschlossen wird. (Beifall Die Linke) Vierter Vizepräsident Albrecht Pallas: Das war Frau Kollegin Neuhaus-Wartenberg für die Fraktion Die Linke. Ich erkenne Aussprachebedarf bei der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Kollegin Melcher, bitte schön.
