Dr. Frank Kromer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! 80 Jahre nach dem Ende von Weltkrieg und Holocaust kündigt Yad Vashem die Gründung einer Bildungsstätte in Deutschland an. Es wäre die erste ihrer Art außerhalb Israels. Zur Motivation dieser Gründung heißt es von Yad Vashem, dass man weltweit eine alarmierende Zunahme von Antisemitismus und Holocaust-Verzerrungen beobachte. Bei aller Diskussion um einen Standort muss uns doch zuallererst erschrecken, dass Yad Vashem diesen Schritt überhaupt für notwendig und erforderlich hält. Ein weltweit zunehmender Antisemitismus ist die bedrückende Botschaft hinter dieser Gründungsinitiative. (Beifall CDU, GRÜNE, Staatsregierung) Es ist ein Alarmzeichen und ein Auftrag, der sich auch an uns richtet. Meine Damen und Herren! Als CDU-SPD-Koalition in Sachsen stellen wir uns jeder Form von Antisemitismus und Relativierung des Holocaust entschieden entgegen. (Beifall CDU, SPD, GRÜNE und Staatsregierung) Als Freistaat Sachsen sind wir geehrt, als Standort eines Bildungszentrums von Yad Vashem in die nähere Auswahl gekommen zu sein. Es zeigt, dass die lebendige jüdische Gegenwart, der lokale Umgang mit dem jüdischen Erbe, aber auch unser stetes Ringen um die Verantwortung, die aus dem Holocaust erwächst, in Israel gesehen und wahrgenommen wird. Auch die CDU-SPD-Koalition im Bund bekennt sich im Koalitionsvertrag zu einem Yad Vashem Education Center in Deutschland. Dafür sind wir dankbar. Mit seinem pädagogischen Ansatz will Yad Vashem dabei helfen, Geschichte besser zu verstehen. So lassen Sie es verlautbaren. Es ist genau der richtige Zeitpunkt für diese Hilfe; denn während Ost-West-Unterschiede in der Holocaust-Rezeption aus den Jahren bis 1989 zunehmend verklingen, stehen wir vor neuen Herausforderungen. Begegnungen mit Zeitzeugen sind nicht mehr oder kaum mehr möglich. Auch in den Familien gibt es kaum mehr persönlich Beteiligte. Familienerzählungen können nur noch auf den Umgang mit dem Thema in den Jahren nach 1945 eingehen. Es kommen Zuwanderer zu uns, die selbst keinen Bezug zur deutschen Geschichte und zur Holocaust-Aufarbeitung haben. Es kommen auch Zuwanderer aus islamischen Regionen zu uns, die häufig stark vom Nahostkonflikt geprägt sind und vielfach eine Israel-Feindlichkeit mitbringen, die sich mitunter zu Antisemitismus steigern kann. Rechte politische Kräfte versuchen, die Relevanz des Holocaust herunterzuspielen oder leugnen ihn ganz. Mit den sozialen Medien dringen diese Positionen direkt in die Kinderzimmer vor und auch der schulische Umgang mit dem Holocaust sieht sich zunehmend mit den Versuchen von Delegitimierung konfrontiert. Es bleibt eine pädagogische Herausforderung, einerseits, die Monstrosität der Zahl von sechs Millionen getöteter Jüdinnen und Juden im Holocaust zu vermitteln und gleichzeitig trotzdem persönliche Schicksale Einzelner in den Blick zu nehmen. Ohne persönliche Schicksale gibt es keine Empathie; Mitgefühl bindet sich an Menschen, nicht an Zahlen. Von meinem eigenen Besuch in Yad Vashem weiß ich um den gelungenen pädagogischen Ansatz dort. Das Buch der Namen oder die Kindergedenkstätte seien als Beispiel genannt. Viele der Opfer bekommen dort ihre Sichtbarkeit zurück. Wir können es daher nur begrüßen, wenn sich Yad Vashem mit seiner Expertise und seiner pädagogischen Erfahrung als Akteur in die Bildungsarbeit bei uns einbringt. Folgt man den Standortkriterien von Yad Vashem, so bietet sich Leipzig als hervorgehobener Standort innerhalb Sachsens durchaus an, auch wegen der Verkehrsanbindungen. Gleichzeitig gibt es dort mit dem Ariowitsch-Haus bereits einen vorhandenen Partner, auf dessen Netzwerk und bestehende Erfahrung aufgebaut werden kann. Mein Kollege Rick Ulbricht wird darauf noch näher eingehen. Sachsen steht zu seiner Geschichte und zu seinen Gedenkstätten. Daher bin ich sicher, dass perspektivisch auch weitere Orte des Erinnerns und der aktiven pädagogischen Arbeit in das Netzwerk um das Yad-Vashem-Bildungszentrum, wenn es nach Sachsen kommt, einbezogen werden können. In vielerlei Hinsicht ist die Gesellschaft bei uns im Mitteldeutschland volatiler und weniger festgefügt als in den alten Bundesländern. Gesellschaftliche Entwicklungen zeigen sich daher bei uns früher und werden erst später im Westen nachvollzogen. Für eine Bildungsstätte kann es nur von Vorteil sein, früh am Puls der Zeit zu sein. Das spricht für Sachsen. Für Sachsen spricht auch die Möglichkeit einer internationalen Kooperation mit unseren Partnern und Nachbarn in Tschechien und Polen. Meine Damen und Herren! Pädagogisch geht es um Fakten, es geht um die Einordnung von Aussagen oder das Erkennen von Falschdarstellungen. Erste Vizepräsidentin Ines Saborowski: Die Redezeit.
