Martin Dulig
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als ich am Sonnabend mit meiner Frau bei der Abschlussveranstaltung im Industriemuseum war, wurde relativ am Anfang ein kleiner Film, ein Rückblick gezeigt. Ich ertappte mich dabei, dass es mich traurig, auch wehmütig gemacht hat. Das waren sehr emotionale Bilder, emotionale Geschichten, bei denen man immer das Gefühl hatte: Mensch, was hättest du eigentlich noch alles sehen wollen, was hättest du alles erleben wollen? Aber wenn man sich an Dinge erinnert, die man erlebt hat, dann ist das etwas, was bleibt. Dazu gehört für mich auch der Satz, den der Oberbürgermeister gesagt hat: Diesen Titel kann uns niemand mehr wegnehmen. Dieser einfache Satz war mit so viel Selbstbewusstsein und Stolz verbunden, dass es einen riesengroßen Beifall dafür gab. Zu Recht haben sich am Sonnabend alle mit diesem Beifall bedankt. Ehrlicherweise können wir das auch hier tun: Danke sagen an die Macherinnen und Macher und an die Stadtgesellschaft, die trotz so mancher Vorbehalte am Anfang diese Kulturhauptstadt gelebt haben. Ich möchte an dieser Stelle einfach nur sagen: Herzlichen Glückwunsch an die Stadt Chemnitz! Ihr habt das richtig gut gemacht. (Beifall SPD, CDU, AfD, BSW, BÜNDNISGRÜNE, Die Linke und Staatsministerin Barbara Klepsch) Den Titel kann uns keiner mehr nehmen, sagte Sven Schulze. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist: Was soll denn bleiben? Alle wünschen sich, dass dieser Spirit bleibt. Die Frage ist nur: Wie? Der Legacy-Prozess soll jetzt beantworten, in welchen Strukturen und mit welchen Inhalten und erfolgreichen Projekten in Chemnitz und in der Kulturhauptstadtregion das jetzt weitergetragen werden kann, wie die Stadtgesellschaft aktiv bleibt und gerade auch die vielen Freiwilligen weiterhin Teil dieses Prozesses sind und wie man diesen internationalen Gedanken weiterlebt. Das ist eine große Verantwortung, die in den Händen der Kulturhauptstadt und der Region liegt. Klar ist aber auch, dass das keine Sache ist, die man den Chemnitzerinnen und Chemnitzern und der Region einfach so überlassen kann. Wenn wir konsequenterweise am Anfang sagen, dass das kein regionales Ereignis ist, sondern dass wir Kulturhauptstadt sind, dass Chemnitz für uns alle sozusagen diesen Titel errungen hat, heißt das für uns, dass wir nach wie vor in der Verantwortung sind, diesen Prozess aktiv mitzugestalten. (Beifall SPD) Es gehört aber auch ein wenig Klarheit in diesen Prozess. In den letzten Wochen sind nur noch einige Papiere ausgetauscht worden und Ähnliches. Darin sehe ich durchaus ein gewisses Spannungsfeld und das muss man miteinander besprechen. Ich glaube, was nicht funktionieren wird, ist eine Art Katalogdenken: Man schreibt alles auf, was man gerne machen würde, sagt dann aber: Das machen wir nur, wenn es der Freistaat Sachsen finanziert. Die Verantwortlichkeiten müssen klar sein, dass Strukturen und Hauptprojekte in der Verantwortung der Kulturhauptstadt und der Region liegen, wir jedoch deutlich machen, was wir unter dem überregionalen Ansatz verstehen, der weitergetragen werden muss. Ja, für mich ist der Gedanke der Biennale einer der wertvollsten, weil er eine riesengroße Chance beinhaltet. Er kann die Dinge, die vor Ort entstanden sind, mit dem Gedanken einer Biennale verbinden. Eine Biennale kann genauso die Sachen eines PURPLE PATH einbinden wie einen Garagen-Campus, Makerhubs oder andere Interventionsflächen. Das kann man auch einfordern. Aber der große Vorteil, den ich in einer Biennale sehe, ist, dass damit die Chance gewahrt wird, diesen Kulturhauptstadtgeist auch überregional und international tragfähig zu machen. Es geht nicht nur darum, wie sehr der Geist vor Ort konserviert wird – das wird nicht funktionieren –, sondern auch darum, in welchem Maße dieser Anspruch, den die Kulturhauptstadt Europas für sich formuliert hat – wir zeigen Euch, was wir sind; C the Unseen –, quasi verknüpft wird und so das Scheinwerferlicht weiterhin international auf Chemnitz und diese Region lenkt. Das bedeutet aber auch, dass der Gedanke einer Kulturhauptstadt im Sinne einer Biennale permanent neu erfunden werden muss. Es ist ein Prozess, der sich verbraucht, wenn wir jetzt entscheiden, diese und jene Projekte in dieser und jener Struktur umzusetzen. Das ist noch keine Garantie dafür, dass genau das, was wir als Legacy wollen, in zehn Jahren noch lebendig ist. Das ist für mich die große Chance, die schützenswerten Dinge der Kulturhauptstadt in diesen Legacy-Prozess einzubinden und das mit einem Biennale-Gedanken zu verknüpfen. Das kann dem internationalen Anspruch gerecht werden und die Kulturhauptstadt als permanente Neuerfindung darstellen, um deutlich zu machen, dass wir neben Dresden und Leipzig einen neuen gleichberechtigten Stern am Kulturhimmel sehen, der mit seiner eigenen Geschichte und Erzählung deutlich machen kann, was es wert ist, weitergetragen zu werden. (Beifall SPD) Deshalb richte ich meinen großen Dank an die Chemnitzerinnen und Chemnitzer, an die Macherinnen und Macher. Danke für den Antrag, dass wir die Chance haben, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir diesen LegacyProzess aktiv unterstützen und gestalten können. Vielen Dank. (Beifall SPD, BÜNDNISGRÜNE und Staatsregierung) Dritter Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Scheibe: Wir hörten für die SPD-Fraktion Herrn Abg. Dulig. Als Nächste erhält Frau Abg. Schaper das Wort für Die Linke. Bitte schön.
