Dr. Ingolf Huhn
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der Antrag, über den wir hier reden, ist zunächst einmal eine Gedenkstunde und Dankeschön-Veranstaltung für das Kulturhauptstadtjahr Chemnitz, und das ist auch richtig so. Ich kann mich dem für unsere Fraktion nur anschließen. (Beifall BSW) Meine verehrten Vorrednerinnen, Frau Dr. Maicher und Frau Gockel, haben das alles, was wir gesehen haben, bereits detailliert beschrieben. Wir haben tolle Sachen erlebt. Wir haben das Wunder der Verwandlung einer passiven Skepsis in ein von vielen getragenes Herzensengagement erlebt. Eine Stimmung – das ist nicht wirklich neu; im Erzgebirge haben wir das immer mal – musste herausgekitzelt und aktiviert werden und dann ist sie abgegangen wie eine Rakete. Noch einmal: Das war großartig. (Beifall BSW und Staatsministerin Barbara Klepsch) Und wie das so ist, möchte man jeden Tag Geburtstag haben. Ins Nüchterne übersetzt heißt das: Nach solch einem Jahr schaut man, wie wir den Dampf, den Schwung, das Hochgefühl weitertragen können. Vielleicht können wir es gar verstetigen. Wir alle wissen, dass das nicht ganz einfach ist. Schauen wir uns mal an, was wir hatten: Erstens. Es gab viele feste Festivals, den Bergaufzug – der dieses Jahr noch viel größer war –, städtische Ereignisse, Sportliches. Es waren lauter Sachen, die es auch sonst gibt und die die Macher klug in das Programm eingebaut hatten. Es war in diesem Jahr für manches bestimmt mehr Geld vorhanden, aber auch mehr Werbung weit über Chemnitz hinaus, gar national, gar europaweit. Das wird es alles auch weiterhin geben. Selbstverständlich muss man schauen, wie es mit dem Geld ist. Wir wissen, dass wir nächstes Jahr „Theater der Welt“ haben werden. Das ist eine großartige Sache. Wir wissen, dass es Ideen zu einer Kulturhauptstadt Biennale gibt. Der Erfahrungsschatz solcher Bemühungen ist – Sie wissen, ich gehöre zum Kirchentag –, dass es nicht unproblematisch ist, solch einen Titel zu reaktivieren, oder ob man nicht vielleicht schauen sollte, einen neuen zu finden. Zweitens. Der Freistaat hat verdienstvollerweise alles, was es auch sonst so gibt, in diesem Jahr nach Chemnitz gepackt: Preisverleihungen, Tagungen, die Museumstagung, das Finale des Musikschul-Ensemblewettbewerbs, die Eröffnung des Jahres der jüdischen Kultur. Dann tagt natürlich auch das Präsidium unseres Hohen Hauses einmal in Chemnitz. Das war alles richtig. Es war richtig, alles, was irgendwie geht, nach Chemnitz zu packen. Das wird nicht so bleiben. Da werden jetzt auch die anderen mal wieder den Finger heben. Drittens. Es gab großartige Einzelprojekte, Ausstellungen: European Realities, Munch, Clara Mosch, aber auch diese wunderbare „Schneeberger-Geflecht“-Ausstellung von der Angewandten Kunst in Schneeberg, Silberglanz & Kumpeltod usw. Es gab Theaterereignisse wie die „Rummelplatz“-Uraufführung, es gab Konzerte und noch anderes. Das alles sind Dinge, die zu einem erheblichen Teil durch die Großzügigkeit des Kulturhauptstadtgeldes zustande gekommen sind. Das wird in den nächsten Jahren gewiss kleiner oder, wenn sich die Befürchtungen über die städtischen Haushalte hier und in ganz Sachsen bewahrheiten, sehr viel kleiner. Viertens. Es gab Feste aus Anlass: die Eröffnung, das Abschlusswochenende usw. Das fällt weg, wenn der Anlass wegfällt. Fünftens. Dann gab es Dinge, die für ein längeres Leben angelegt sind, und zwar gegenständliche. Zu nennen ist natürlich zuerst der PURPLE PATH. Wie wohl Path ein Euphemismus ist – kennen Sie jemanden, der diesen Pfad richtig nacheinander gegangen ist? Oder ist das nicht doch so ein Geflecht und man kann da immer mal wieder hingehen? Bei den Bauten – der Hartmannfabrik, dem Karl SchmidtRottluff Haus – kann man bei allem nur sagen: Schön, dass sie da sind und hoffentlich noch lange. Die Skulpturen, das Rottluff-Museum brauchen keine Begründung. Für die Hartmannfabrik wird es eine Nutzungskonzeption für die nächsten Jahrzehnte geben. Geld kostet so etwas auch weiterhin. Selbst die Skulpturen brauchen ja Betreuung, Pflege, Bewachung und manchmal auch Betriebskosten. Sechstens. Das Wichtigste ist, denke ich, etwas Immaterielles: das, was die Leute miteinander erlebt haben, das, was sie wirklich gemeinsam erlebt und gemeinsam gemacht haben. Wenn man davon etwas durch geschickte Projekte und durch geschicktes Am-Kochen-Halten für einen längeren Zeitraum bewahren könnte, wäre das schon großartig. Mein Lieblingsbild ist das gemeinsame Tanzen, das ist eine Metapher. Nicht nur, wir packen gemeinsam etwas an und dann schaffen wir ein Ergebnis, sondern auch: Wer bist du denn? Den anderen wahrnehmen, sich auf den anderen einlassen. Wenn daraus etwas werden könnte, was länger als ein oder zwei Jahre hält, das wäre toll. Es ist viel über neues Selbstbewusstsein geredet worden. Das hat manchmal so ein bisschen was von oben herab Sozialpädagogisches. Die Leute sind auch vorher nicht als verschämte Aschenbrödel durch die Welt gelaufen. Das Neue ist das Wechselspiel zwischen eigener und der Außenwahrnehmung. Und die ist in diesem Jahr ins unendlich Positive gekippt. (Beifall BSW und Staatsministerin Barbara Klepsch) Draußen war Chemnitz aufregend und das spiegelt sich zurück. Wenn dann die Leute aus halb Europa sagen, Chemnitz ist toll, die Chemnitzer sind toll, und die Leute aus Chemnitz sagen, ja, das finden wir auch, dann ist das richtig. Was machen wir nun mit diesem Antrag? Der erste Teil ist eine Aufforderung zum Berichten. Das macht die Staatsregierung gewiss gern. Der freundliche Text, den die Frau Staatsministerin dazu vorgestern hat übersenden lassen, ist im Moment noch nicht viel mehr als die Ankündigung dieses Berichts, im Sinne von: Wenn wir Näheres wissen, sagen wir es dann. Vielleicht ist es auch richtig, erst einmal durchzuschnaufen und alles zu prüfen und abzurechnen, alles aufzuzählen, was man hatte. Dass es die nächste Etappe dieses Berichtes erst im März geben soll, ist nicht ganz nah. Nach dem Kulturhauptstadtjahr ist seit Montag, also seit vier Tagen. Manchmal ist es so, dass man erst eine Sache zu Ende bringt und dann nachdenkt, was danach kommt. Im zweiten Teil geht es um Geld. Für das, was mit dem scheußlichen Wort „Legacy“ bezeichnet wird und Nachwirkung meint, ist für 2026 Geld im Doppelhaushalt eingeplant: 900 000 Euro. Gemäß dem Antrag soll der Landtag heute beschließen, dass die notwendigen finanziellen Mittel auch für 2027/2028 und über das Jahr 2028 hinaus zur Verfügung gestellt werden. Das ist ein richtiger Wunsch. Die Frau Ministerin hat in ihrer Antwort auch den Wunsch ausgedrückt, dass das noch einmal klappt. Als Vorfestlegung für den nächsten Doppelhaushalt wird sich das wohl nicht machen lassen, aber der Impuls ist schön. (Heiterkeit BSW) Ein wenig verstellen solche optimistischen Forderungen den Blick darauf, dass es für die Kultur in Chemnitz – wie in allen anderen sächsischen Kommunen – in den folgenden Jahren sehr eng werden könnte. Selbst für die großen Tanker – für die Kunstsammlungen, die Theater – und daneben für die ganze Breite des Kulturlebens in Chemnitz: für die Jugendkultur, für die Freischaffenden, für die Feste, für dieses ganze riesige Geflecht, das wir in diesem Jahr mehr als sonst wahrgenommen haben – das war schon vorher da, aber wir haben es jetzt besser gesehen – und für das wir verantwortlich sind. Wir werden heftig kämpfen müssen, und wir werden kämpfen. Ganz zum Schluss möchte ich noch auf einen Punkt zu sprechen kommen, der mich sehr berührt hat. In Teil II Nr. 5 steht, die Staatsregierung soll den Transfer erfolgreicher Projekte und Konzepte der Kulturhauptstadt in andere Regionen Sachsens unterstützen. Das klingt ambitioniert und man denkt: Hm, wie wird das gehen? Aber vielleicht erinnern sich diejenigen daran, die am Sonnabendvormittag beim Abschlussempfang im Industriemuseum dabei waren, dass der Oberbürgermeister, nachdem über die Besucherströme aus dem In- und Ausland berichtet worden war und das alle gelassen zur Kenntnis genommen haben, den schönen Satz sprach: Es waren sogar Leute aus Leipzig und Dresden da. Das gab Applaus. (Heiterkeit) Conclusio: Trotz der Befürchtung über die Verwirklichungsmöglichkeiten findet die BSW-Fraktion den Gedanken, der hinter dem Antrag steht, richtig und wird dem Antrag zustimmen. Und auch wir sagen: Danke, Chemnitz. Glück auf! (Beifall BSW, SPD und Staatsministerin Barbara Klepsch) Dritter Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Scheibe: Wir hörten für die BSW-Fraktion Herrn Abg. Dr. Huhn. Als Nächster spricht Herr Abg. Dulig für die SPD-Fraktion. Bitte schön.
