Thomas Schmidt
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir leben in Zeiten tiefgreifender Veränderungen, die auch Verwerfungen mit sich bringen und noch dazu, wie Kollege Homann gerade erläutert hat, von plötzlichen Ereignissen, die nicht so richtig vorausschaubar sind, überlagert werden. Das können politische Ereignisse sein. Das kann ein querliegendes Schiff im Suezkanal sein. Das kann eine Naturkatastrophe sein. Das können viele Dinge sein, die Lieferketten plötzlich stören und zu Folgen führen. Deshalb brauchen wir Kriseninterventionsmechanismen. Die Frage ist: Wie tun wir das? Der aktuelle Fall bei Volkswagen, der nun einen Produktionsstopp in verschiedenen Werken nach sich ziehen kann, ist auf ein solches Ereignis zurückzuführen. Es ist bereits erläutert worden: Nexperia, ein chinesischer Hersteller in Noord-Brabant – auf die speziellen Probleme der Mikroelektronik wird Frank Kromer anschließend noch eingehen –, führt plötzlich zu Problemen. Ich muss Ihnen aber sagen, dass das nicht nur etwas mit der Halbleiterproduktion zu tun hat, sondern auch in vielen anderen Bereichen erpresserisch ausgenutzt werden kann. Die Abhängigkeiten in einer globalen Wirtschaft sind nun einmal gegeben, und es gäbe eine ganze Liste von Dingen zu nennen, bei denen wir von China oder anderen Ländern abhängig sind. Das sind: die Aufarbeitung von seltenen Erden, Dauermagnete, Naturgraphit – 100 % aus China, Magnesium – über 90 % aus China. Hier ließe sich eine lange Liste fortsetzen. Wenn wir dies erkennen, dann müssen wir uns folgende Fragen stellen: Wie reagieren wir darauf? Wie machen wir unsere Wirtschaft widerstandsfähiger? Es ist ein sehr wichtiger Aspekt, die Wirtschaft zu diversifizieren, und deshalb sind die Investitionen in die Halbleiterindustrie extrem wichtig. Es ist ein schneller Technologietransfer notwendig. Wir haben immer noch eine exzellente Forschung in Sachsen, in Deutschland und in Europa, aber es gelingt uns zu wenig, die Ergebnisse in Wertschöpfung umzusetzen. Wir nutzen auch zu wenig privates Risikokapital, VentureCapital-Unterstützungen sind aus der öffentlichen Hand noch zu verstärken, und es braucht eine klare Rohstoffstrategie. Wir müssen uns breiter aufstellen in Bezug auf die Lieferantenbasis, von der unsere Rohstoffe und Komponenten herkommen. Auch dafür, gerade bei der Gewinnung von Rohstoffen, haben wir in Europa und speziell in Sachsen durchaus Voraussetzungen, die wir nutzen können. Es wird auch das Thema Lagerhaltung wieder einmal eine Rolle spielen. Das ist auch eine Unternehmensentscheidung. Just in time gehört in vielen Bereichen, gerade wenn es um kritische Komponenten geht, der Vergangenheit an. Und wir müssen unsere Kompetenzen bündeln. Ich meine jetzt nicht nur die großen Netzwerke wie Silicon Saxony. Kennt jemand von Ihnen CADA? CADA ist eine Abkürzung für Chemnitz Automated Driving Alliance. Das ist ein Verbund aus sechs Unternehmen in Chemnitz mit circa 1 000 Beschäftigten, der sich vom Konzept bis zur Integration in das Fahrzeug mit einer Software für autonomes Fahren befasst und weltweit aktiv ist. Wenn man die Kompetenzen also bündelt, kann man vieles erreichen. All das, was ich jetzt angesprochen habe, schließt nicht aus, dass es trotzdem noch die Achillessehne gibt, die reißen kann. Wenn wir wissen, dass wir in Europa eine vollkommene Unabhängigkeit von Partnern – da rede ich nicht nur von China; Herr Homann hat ja schon die USA angesprochen, es gäbe auch anderes zu nennen – nicht erreichen können, dann brauchen wir eine Balance der Abhängigkeiten. Das heißt, wir müssen Lücken schließen. Wir müssen Schwächen abbauen. Wir müssen aber auch um jeden Preis und entschlossen unsere Stärken stärken. Dort wo Europa, Deutschland und Sachsen führend sind, müssen wir mit aller Kraft diesen Vorsprung halten. Es geht um Exzellenz, nicht nur um das Streben nach Durchschnitt. In Zeiten des Wandels gibt es nicht nur Risiken, sondern immer auch große Chancen. Wir brauchen wieder den Willen, diese mit Begeisterung zu nutzen. Vielen Dank. (Beifall CDU und vereinzelt SPD)
