Martin Dulig
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Man merkt, dass man bei diesem Thema fast blumige Worte hört und dass einige Menschen auf einmal eine Sprache finden, die sie im normalen Umgang vielleicht nicht finden. Wer würde denn infrage stellen, dass das begeistert? Nicht alle, aber genau: Es gibt Menschen, die sind begeistert; das ist ihr Leben. Wer wird infrage stellen, dass der Sachsenring eine riesengroße Tradition hat und etwas ganz Besonderes ist? Wer würde das infrage stellen? Wer würde auch infrage stellen, dass es wichtig ist, Dinge zu bewahren – gerade in Zeiten, in denen sich so viel verändert und die Menschen Sehnsucht danach haben, dass Dinge bewahrt werden? Wer will das infrage stellen? Ist die Fankultur des Sachsenrings deshalb jetzt gleich immaterielles Kulturerbe? Nein, das ist sie nicht. Auch die letzten beiden Redebeiträge waren nicht in der Lage, wirklich zu beschreiben, was die Einzigartigkeit der Fankultur am Sachsenring darstellt und ob diese so einzigartig ist, dass sie zum Beispiel nicht vergleichbar wäre mit einer Fankultur, wie wir sie in Fußballstadien erleben oder bei anderen Events, bei anderen Sportarten oder wo auch immer. Begeisterung allein reicht nicht aus, um zu sagen: Das ist immaterielles Weltkulturerbe. Schauen Sie sich vor allem einmal die Liste des deutschen Welterbes an; das sind 168 Einträge. Dort geht es sehr wohl darum, Brauchtum und Traditionen zu wahren. Ich empfehle wirklich, dass Sie sich einmal die Kriterien anschauen, auf die die UNESCO-Kommission Wert legt: offene inklusive Partizipation, Traditionspflege und so etwas. Dort geht es um gesellschaftliche Verankerung, Engagement, Wandlungsfähigkeit, Weitergabe von Wissen, Einbindung in Trägergemeinschaften, Ausdrucksformen, Fertigkeiten, Bräuche usw. usf. (Carsten Hütter, AfD: Ja, genau! Stimmt!) Geht es jetzt um den Sachsenring? Dann ist das aber nicht mehr immateriell; dann müssten Sie sozusagen den Sachsenring zum Weltkulturerbe erklären. Ich glaube, da übertreiben wir es dann komplett. (Zuruf AfD: Was übertreiben wir?) Jetzt beschreiben Sie eine Fankultur – zu Recht – mit riesengroßer Begeisterung: Über Generationen hinweg wurde das in Familien weitergegeben. Doch dass dies ausreichen würde, um etwas zum Welterbe zu erklären, das funktioniert nicht. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin etwas irritiert, wenn ich in die Richtung Ihres Kulturpolitikers schaue, dessen Kompetenz und Expertise ich nie infrage stellen würde. Stellen Sie sich einmal vor, wir würden genau dies tun: Wir würden jetzt die Fankultur am Sachsenring zum immateriellen Weltkulturerbe erklären. Wäre das nicht auch eine gewisse Profanisierung dessen, was wir auf der Welt wirklich als kulturelle Schätze wahren müssen? Wissen Sie, warum ich so das so schwierig finde? Der eigentliche Grund steht im Antrag. Wenn man den Antrag wirklich liest und vor allem, wenn man dort war, weiß man, dass es etwas ganz anderes ist. Ich war häufig dort, und ich gebe zu, ich gehöre nicht zu jener Generation oder zu denen, die motorradbegeistert sind, dazu gehöre ich nicht. Doch ich verstehe, warum Menschen begeistert sind. Ich war dort aber sehr häufig, weil der Verkehrssicherheitstag regelmäßig dort stattfindet. Ich war im Fahrsicherheitszentrum, das hervorragende Arbeit leistet. Ich war aber auch bei der Bürgerinitiative gegen Lärm. Das heißt, es gibt auch Betroffenheiten (Valentin Lippmann, BÜNDNISGRÜNE: Ja!) im Ort selbst. Man muss mit allen einmal reden, um zu sehen: Wie schafft man einen guten Kompromiss? Zur Wahrheit gehört: Der Sachsenring steht unter wirtschaftlichem Druck. Wenn es jetzt wiederum nur darum geht, über diesen Titel ein Instrument zu schaffen, irgendwie eine Stabilität für den Sachsenring hinzubekommen, dann habe ich vielleicht strategisch ein Verständnis für das Argument, aber es entwertet komplett, was wir mit einem immateriellen Weltkulturerbe wirklich wollen. Deshalb muss man doch einmal klar sagen, worum es eigentlich geht. Ich verstehe – und unterstütze das auch –, dass wir schauen müssen, wie das Wirtschaftsunternehmen Sachsenring trotzdem unterstützt wird, damit diese Tradition auch weiterhin gepflegt werden kann. Aber man kann nicht jedes Vehikel nehmen und damit sogar den Wert dessen, was immaterielles Weltkulturerbe ist, entwerten. Damit tun Sie weder dem Sachsenring einen Gefallen noch der Fankultur oder dem immateriellen Weltkulturerbe. Das meine ich mit Profanisierung, wenn Sie mit diesem Antrag den Sachsenring – bzw. Sie sprechen ja von der Fankultur – zum Weltkulturerbe erklären wollen. Von daher, bitte, bei allem Verständnis für die Begeisterung, bei allem Verständnis dafür, dass Menschen auf einmal lyrische Sprache entwickeln usw.: Das ist ja alles in Ordnung und zeigt, wie emotional das Thema ist. Aber sortieren wir bitte, worum es wirklich geht. Wenn hier mit diesem Antrag etwas erreicht werden soll – etwas zum Weltkulturerbe zu erklären –, dann bitte nicht mit einem Antrag, in dem dies mit einer nicht definierten Fankultur, wie wir sie in so vielen Bereichen haben und die unterstützenswert ist, erklärt wird. Von daher bitte ich darum, dass wir diesen Antrag ablehnen. Wir sollten uns trotzdem darum kümmern, dass der Sachsenring eine gute Perspektive hat und dass ein vernünftiger Kompromiss gefunden wird zwischen den Anliegen der Menschen, die dort leben, und dem wirtschaftlichen Interesse der Menschen, die dort arbeiten. Auch die große Tradition des Motorsports soll am Sachsenring weiterhin eine Zukunft haben. Vielen Dank. (Beifall SPD und vereinzelt BÜNDNISGRÜNE – Beifall Staatsregierung)
