landtag.sachsen.de ↗

Dr. Frank Kromer

CDU 26.03.2025 Sitzungen 8/10

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der 8. Mai 1945 ist nicht zu denken ohne die Tage, die ihm vorausgegangen sind – wir haben es zum Teil schon gehört –: der 30. Januar 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, der 9. November 1938 mit der sichtbaren Entrechtung der Juden und deren vielfachen Mord sowie der 1. September 1939, an dem das Deutsche Reich Polen überfiel. Viele weitere Tage könnten genannt werden. Es bleibt die Tatsache, dass wir es als Nation nicht selbst vermochten, uns vom Nationalsozialismus zu befreien, auch wenn es manche versucht haben: die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 oder schon viel früher Georg Elser. Es bedurfte der vollständigen militärischen Niederlage, damit die nationalsozialistische Terrorherrschaft enden konnte. Es bedurfte der Befreiung von außen. Meine Damen und Herren! Es bedurfte auch einer inneren Befreiung vom Nationalsozialismus, einer Befreiung vom Denken in rassischen Kategorien, von der Überzeugung, die Juden hätten sich gegen die Völker der Welt verschworen, eine Befreiung vom Wahn, ein starker Führer würde Deutschland wieder großmachen. Wegmarken dieser inneren Befreiung waren die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, viele persönliche Auseinandersetzungen, aber auch das laut hörbare Schweigen über diese Zeit innerhalb vieler Familien. Dieser Prozess der inneren Befreiung hat keinen eigenen Tag, keinen Zeitpunkt, auf den alles hinausläuft, aber er hat ein Startdatum, und das ist der 8. Mai 1945. Diese innere Befreiung war ein langer Prozess, er hält in vielen Teilen noch an, bei manchen steht er auch noch aus. Wir wollen am 8. Mai den Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs in Europa und in der Welt gedenken. Wir erinnern daran, dass dieser Krieg seinen Ausgang und Ursprung in Deutschland nahm. Wir wollen an diesem Tag den Toten und Opfern nationalsozialistischer Rassenideologie und Gewaltherrschaft gedenken, und wir erinnern daran, dass die Nationalsozialisten einst durch freie Wahlen an die Macht kamen. Der 8. Mai beinhaltet daher ein mahnendes und ein werbendes Gedenken. Der Tag mahnt uns, nicht zu ignorieren, dass Demokratien den Weg in eine Diktatur gehen können. Wir Deutschen haben es erlebt, und wir haben erlebt, was am Ende stand. Warum waren so viele den Verführungen des Nationalsozialismus erlegen? Es lohnt sich genau darüber zu sprechen, zu diskutieren, in Familien, in der Schule, mit Freunden und Bekannten, mit politischen Verantwortungsträgern. Auch dazu kann ein solcher Gedenktag ermuntern. Das Gedenken zum 8. Mai 1945 ist nicht neutral, es ist ein werbendes Gedenken, ein Werben für Menschenrechte, für Demokratie, für ein friedliches Zusammenleben der Völker in Europa und in der Welt. Die Verständigung und Aussöhnung mit unseren europäischen Nachbarn ist ein Geschenk – ein Geschenk, das zu geben Überwindung gekostet hat und noch weiter kostet. Ein Geschenk ist übrigens etwas, was der eine gibt und der andere auch annehmen muss. Diese Überwindung für die Annahme eines solchen Geschenkes macht es aber umso wertvoller. Das ist die Kraft, die dem 8. Mai noch heute und vielleicht ganz besonders heute innewohnt. Deshalb lohnt es sich, diesen Tag heute zu einem Gedenktag zu machen. Wir vergessen darüber nicht das Leid, dass die Generation damals erlitten hat, so wie die Frau, aus deren Brief ich anfangs zitiert habe und die meine Großmutter war. Wir vergessen ebenso wenig, dass es die selbe Generation war, die Leid über sich, über unser Vaterland, über ganz Europa gebracht hat. Beidem zu gedenken und Lehren für unser eigenes Denken und Handeln zu ziehen, das bleibt die Aufgabe, die ein Gedenktag zum 8. Mai 1945 stellt. Ich bitte Sie daher, der Beschlussempfehlung des federführenden Ausschusses entsprechend zuzustimmen. Danke schön. (Beifall CDU, SPD, BÜNDNISGRÜNE, Die Linke, Matthias Berger, fraktionslos, und vereinzelt BSW) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Kollege Dr. Kromer sprach für die CDU-Fraktion. Ich frage noch einmal: Gibt es weiteren Redebedarf seitens der Fraktionen? – Das sehe ich nicht. Dann übergebe ich jetzt an die Staatsregierung. Staatsministerin Frau Prof. Geiert. Bitte schön.

Alle Reden von Dr. Frank Kromer Protokoll ↗