Martin Dulig
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich habe noch das Bild vor Augen, als die Akteure im Foyer der Stadthalle Chemnitz saßen, Barbara Ludwig als damalige Oberbürgermeisterin in der Mitte, und die Entscheidung verkündet wurde. Diese ehrliche Freude, die dort bei allen, die da waren, übergesprungen ist, spürten auch die, die nicht dort waren. Bei der Eröffnungsveranstaltung, als uns Sven Schulze auf seine Reise mitgenommen hat, hat mich die 11-Jährige, die ihn auf die Bühne geholt hat, am meisten beeindruckt. Sie hatte einen schönen Pullover an, auf dem stand: „EU Ja“. Der Sachse versteht die Doppeldeutigkeit. Man kann es als „Euja“ lesen oder als „EU Ja“. Was ich damit sagen will, ist Folgendes. Der Funke, der übergesprungen ist, beinhaltet eine Botschaft: Wir sind Kulturhauptstadt. Es ist eben kein regionales Ereignis. So dürfen wir es auch nicht betrachten. Das ist auch nicht ein Event oder eine Ansammlung von Events. Die 40-jährige Reihe dieser Initiative will etwas bewirken, eben nicht nur eine Ansammlung von Dingen sein, die man zusätzlich macht. Was ist Kulturhauptstadt? „C the Unseen“, die Macherinnen und Macher werden in den Fokus gestellt. Chemnitz spielt ganz bewusst mit seiner Geschichte, mit seiner Tradition, die sich immer als die Macherinnen und Macher, als die Werkstatt, als das industrielle Herz Sachsens verstanden haben. Sie binden sich in Europa ein, vor allem in Osteuropa. Sie reden über Nachbarschaft. Ich finde das Garagenprojekt spitze- „Makers“, also Macherinnen und Macher, auch im kreativen Sinne, die das kreative Sachsen auf die Beine stellen. Oder „in Bewegung“, das ganze Thema Mobilität, das maßgeblich mit Chemnitz verbunden ist. Das, was vor allem Chemnitz, diese Kulturhauptstadt, ist, ist Lebenskultur. Das ist das Aktivierende. Das meint, die Herkunft in Zukunft zu überführen. Das ist das Spannende an diesem Projekt. Natürlich stellt sich die Frage: Was bleibt? Das ist eine Frage, die sich jetzt stellt und nicht am Ende eines Prozesses. Ich glaube auch nicht, dass eine Konferenz im Herbst dafür ausreicht. Es ist eine Haltungsfrage, wie man jetzt an diese Frage herangeht, was bleiben soll. Die Frage ist: Welchen Fokus legen wir? Es wird Sie vielleicht wundern, dass mein Fokus dabei nicht auf den Kulturschaffenden liegt, nicht auf den Macherinnen und Machern des jetzigen Programms. Wenn wir wirklich darüber reden, was bleiben soll, dann muss die Stadtgesellschaft in den Mittelpunkt der Nachhaltigkeit gestellt werden. Legacy im Sinne der Frage: Was bleibt? Das Erbe, die Nachhaltigkeit muss in der Stadtgesellschaft verankert sein. Das ist aber kein Widerspruch, weil die Leute, die in der Kultur tätig sind, genauso Teil der Stadtgesellschaft sind. Der Fokus muss sich verändern, weil es eben nicht darum geht, die Kultur der Kultur wegen zu schaffen, sondern weil es darum geht, den Anlass für weitere positive Auseinandersetzungen in dieser Stadt zu suchen. „C the Unseen“ ist natürlich auch ein therapeutischer Ruf der Stadt Chemnitz, die nicht ohne Grund – ich will es nicht direkt so sagen – manchmal von ihrem Minderwertigkeitskomplex lebt, die aber genau deshalb ruft: Seht doch, was wir haben! Wenn es um die Frage der Nachhaltigkeit geht, dann geht es darum: Worauf kann man stolz sein? Das ist nicht nur das, was war, sondern auch das, was ist und was bleiben soll. Man ist stolz auf das Gesehenwerden. Vor allem – Frau Jost, das ist vielleicht das Problem, das Sie haben – geht es um den Stolz auf das aktive Auseinandersetzen mit den Widersprüchen. Es geht nicht um das Wegschauen, das Wegducken, das Nicht-darüber-reden-Wollen, sondern um die aktive Auseinandersetzung. Daraus einen Stolz, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, das ist das, was bleiben soll. „C the unseen“ – wir sind Kulturhauptstadt! Vielen Dank. (Beifall SPD, CDU und BSW) Dritter Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Scheibe: Danke, Herr Dulig. Wir hören als Nächste Frau Dr. Claudia Maicher von den BÜNDNISGRÜNEN.
