Christin Melcher
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich hoffe, dass viele Menschen, insbesondere Erzieherinnen und Erzieher, aber vor allem auch Eltern, heute diese Debatte verfolgen, denn der Antrag der AfD-Fraktion zeigt einmal mehr ihr Menschenbild, insbesondere das Bild von Kindern. Der Antrag zeigt, was die AfD von der Arbeit der sächsischen Erzieherinnen und Erzieher hält, nämlich nichts. Das sollte man wissen, ernst nehmen, insbesondere und gerade als pädagogische Fachkraft oder als Elternteil. Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Antrag der AfDFraktion ist ein Frontalangriff auf offene Konzepte, also die pädagogische Arbeit in Kitas jenseits fester Gruppenstrukturen. Als Feindbild wird das INFANS-Konzept ausgemacht. Dieses pädagogische Konzept beruht auf der Beobachtung des Kindes. Ausgehend vom Kind werden Wege zu Lern- und Erziehungszielen gesucht, um nachhaltiges Lernen zu ermöglichen. Das Konzept ist anspruchsvoll und es ist weit verbreitet. Im Sächsischen Bildungsplan wird formuliert, dass das Kind grundsätzlich Akteur seiner eigenen Entwicklung im sozialen Miteinander ist. Auch der Bildungsplan denkt somit Bildung vom Kind aus. Nun meint die AfD-Fraktion, es besser zu wissen. Sie fordert einen strukturierten Tagesablauf in festen Gruppen, die Verankerung fester Lernziele und verbindliche Lerneinheiten mit angemessener Zeitdauer. (Jan-Oliver Zwerg, AfD: Leistungsgesellschaft nennt man das!) Eigentlich kann man es gar nicht treffender kommentieren, als es die Staatsregierung selbst in ihrer Stellungnahme getan hat. Dort heißt es: „Die Antragsteller verfügen über geringe Fachkenntnisse zur pädagogischen Praxis an Kindertageseinrichtungen im Freistaat Sachsen, wenn sie […] feststellen lassen wollen, dass dort flächendeckend ein bildungshemmendes Diktat des Kindes herrscht.“ (Unruhe im Saal) Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das könnte man getrost noch belächeln und beiseiteschieben. Aber eines möchte ich auf keinen Fall unkommentiert lassen. Ich sage es ganz deutlich: Ich verwahre mich ausdrücklich gegen eine derartige Diskreditierung von Erzieherinnen und Erziehern und ihrer pädagogischen Arbeit. Die AfD dezimiert ihre Rolle als Lenker von Lernprozessen, und das ist nicht hinzunehmen, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN und vereinzelt bei der SPD) Dem Ganzen wird dann noch die Krone aufgesetzt mit der Forderung: Wissen und Können soll ausschließlich ideologiefrei und auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse vermittelt werden. Das zeugt von Unwissenheit und einem schlichten Geist und ist am Ende einfach unverschämt. Und das muss man auch so deutlich benennen können, liebe Kolleginnen und Kollegen. Das Menschenbild der AfD und deren Bild vom Kind zu entlarven, fällt mit diesem Antrag leicht. Für Sie sind Kinder lenkungs- und korrekturbedürftig. Wichtiger als der eigene Wille, wichtiger als Fantasie und Lernfreude ist die Einsicht, dass sich Anstrengung und Mühe lohnen. Noch deutlicher wird es in dem Satz: „Der Leistungsgedanke muss wieder im gesamten Bildungsbereich verankert werden.“ Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich sage es ganz klar: Wir BÜNDNISGRÜNE lehnen sowohl ein solches Menschenbild als auch die Forderung der AfD ab. Wir stellen uns gegen Pläne, die frühkindliche Bildung zu verschulen. Wir werden es nicht mitmachen, den Bildungsplan mit seinem sehr progressiven Bild vom Kind zu einem ersten Lehrplan zu stutzen. Ja, Kitas leisten einen wichtigen Beitrag zur Schulvorbereitung, aber sie leisten doch noch viel mehr. Sie haben einen eigenen Bildungsauftrag, den engagierte Fachkräfte täglich mit Leben füllen. Es ist richtig, dass das Kultusministerium zunächst den Austausch mit Expertinnen und Experten der frühkindlichen Bildung sucht; denn erst darauf aufbauend kann eine fundierte Fortschreibung des Bildungsplanes erfolgen, ohne dass Kitas einfach zu Vorschuleinrichtungen erklärt werden. Diese Mühe macht sich die AfD-Fraktion selbstredend nicht, weshalb wir diesen Antrag natürlich ablehnen werden. Der AfD ist eine relativ einheitliche Wissensbasis bei den Einschulungen ganz offenbar wichtiger als die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Dabei ist die freie Entfaltung der Persönlichkeit kein neumodisches Konzept aus der Erziehungswissenschaft, sondern ein Grundrecht. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir lehnen Ihren Antrag ab. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Für die SPDFraktion spricht Frau Abg. Pfeil.
