Christin Melcher
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die künstlerische, ästhetische Bildung – oder anders: die kulturelle Bildung – gehört zur Allgemeinbildung. Sie ist unverzichtbar für die Persönlichkeitsentwicklung und für die kulturelle Teilhabe. Deshalb gehören Kunst und Musik mit gleicher Selbstverständlichkeit auf den Stundenplan wie Mathematik oder Deutsch. Was in der Theorie unstrittig ist, erweist sich aber in der Praxis mitunter als schwierig. Dort dominiert die Einteilung in Haupt- und Nebenfächer. Wenn nicht genug Lehrkräfte da sind – das ist bekanntlich häufiger der Fall, als uns manchmal lieb ist –, wird zuerst dort gekürzt, wo es zunächst weniger weh tut. Ich beobachte, dass der Aufschrei aus den Schulen und den Elternhäusern eher ausbleibt, wenn der Kunstunterricht ausfällt als wenn der Matheunterricht ausfällt. Das ist auch nachvollziehbar; denn das eine ist unmittelbar relevant dafür, ob ein Schüler oder eine Schülerin versetzt wird, das andere ist nur ein Randfach. Lücken in Mathe wiegen im Zweifelsfall schwerer. Das kann man bedauern oder falsch finden, ist aber in unserem System so angelegt. Für mich steht deshalb zunächst fest: Die beste Lehrkräftesicherung für die Fächer Musik und Kunst ist eine umfassende Lehrkräftesicherung für alle Fächer. Die Unwucht bei der Zuschreibung von Relevanz bekommen wir anders nicht aufgelöst. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Was wollen wir aber mit dem Antrag erreichen? Warum soll – trotz meiner Vorrede – der Fokus auf die Lehrkräftesicherung in Musik und Kunst gerichtet werden? Zunächst bitten wir mit dem Antrag die Staatsregierung um einen Bericht: Wie steht es um die Unterrichtsversorgung in den Fächern Musik und Kunst? Wie viele Lehrkräfte werden überhaupt gebraucht, und wie viele werden derzeit ausgebildet? Stimmt der Eindruck, dass der musisch-künstlerische Bereich häufiger von Unterrichtsausfall und fachfremder Vertretung betroffen ist als andere Bereiche? Hinzu kommt die individuelle Perspektive; denn die Musik- und Kunstlehrkräfte teilen ein Spezifikum: Es gibt deutlich mehr sogenannte EinFach-Lehrkräfte als in anderen Fächern und bei Musik zusätzlich die sogenannten Doppelfach-Musiklehrkräfte. Diese Lehrkräfte haben an Kunst- und Musikhochschulen studiert, sind damit aber im Schuldienst in nur einem Fach einsetzbar. Wie viele Lehrkräfte mit einer solchen Qualifikation sind an unseren sächsischen Schulen tätig? Wie viele Studierende gibt es? Wie ist der Zugang zum Studium geregelt, und wie werden die Lehrkräfte mit dieser Qualifikation vergütet? Absolventinnen und Absolventen von Musik- und Kunsthochschulen haben häufig mehr als ein berufliches Standbein. Wenn sie überhaupt im sächsischen Schuldienst ankommen, sind sie in aller Regel nicht ausschließlich dort tätig. Sie arbeiten ebenso an Musik- und Jugendkunstschulen als freischaffende(r) Künstler(in) oder als Kirchenmusiker(innen). Auch an Schulen sind sie nicht nur im Unterricht tätig. Oftmals findet man sie auch als Leiterin oder Leiter eines Ganztagsangebotes oder eines Schulprojektes. Das Herzstück des Antrags ist, Perspektiven zu schaffen. Auf der einen Seite geht es darum, den Absolventinnen und Absolventen von Musik- und Kunsthochschulen eine bessere Perspektive im sächsischen Schuldienst zu eröffnen; das gilt ebenso für Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger in den Fächern Musik und Kunst. Wenn jemand Englisch oder Biologie auf Lehramt studiert, ist die Sache einigermaßen klar. Nicht ganz so reibungslos läuft mitunter die Einstellung von Ein-Fach- bzw. Doppel-Fach-Musiklehrkräften. Das gilt umso mehr, wenn es um eine Teilzeitanstellung geht, weil die betreffende Lehrkraft einer weiteren Tätigkeit nachgeht, wie zum Beispiel in der Musikschule – ich sagte das bereits. Auf der anderen Seite wollen wir bessere Perspektiven für die Einrichtungen schaffen. Wir wollen den Lehrkräftemangel an sächsischen Schulen lindern, ohne die personellen Bedarfe von Musik- und Jugendkunstschulen zu ignorieren. Wenn man es klug anstellt und flexible Lösungen zulässt, ist die Einstellung von Ein-Fach- bzw. Doppelfach-Musiklehrkräften ein Gewinn für alle Seiten. Es ist ein Gewinn für die Schulen, weil der Kunst- und Musikunterricht abgesichert ist und weil gut ausgebildete Lehrkräfte die künstlerische, ästhetische Bildung durch weitere musikalische Angebote, wie Chöre oder Instrumentalensembles, stärken können. Es ist ein Gewinn für die außerschulischen Einrichtungen und Betätigungsfelder von Musiker(inne)n und Künstler(inne)n, weil diese für zehn oder mehr Wochenstunden auf Teilzeitbasis Personal beschäftigen können, das gleichermaßen künstlerisch wie pädagogisch qualifiziert ist. Es ist ein Gewinn für die musisch-künstlerischen Fach- bzw. Lehrkräfte, weil der sächsische Schuldienst eine gute und vergleichsweise sichere Anstellung bietet. Ich bin überzeugt: Hier schlummert ein eigenes Potenzial. Der Antrag soll dabei helfen, dieses Potenzial zu heben, und ich bitte ebenfalls um Zustimmung. Vielen Dank. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU, der SPD und der Staatsregierung) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Frau Abg. Friedel für die SPD-Fraktion, bitte.
