Wolfram Günther
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Danke erst einmal für den Antrag, über den wir heute hier diskutieren. Wir hatten heute schon einmal den Versuch gestartet, auch über Landwirtschaftspolitik zu sprechen. Hier geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern wir müssen immer mehrere Dinge unter einen Hut bekommen. Alle wissen, dass die hohe Produktivität, die wir in der Landwirtschaft erreicht haben, und die Tatsache, dass wir damit so viele Menschen ernähren können und dass wir in Europa keinen Hunger mehr kennen, sehr viel mit einer Intensivierung der Landwirtschaft zu tun haben, zu der auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erheblich beigetragen hat. Das haben wir auch im Hinterkopf, wenn es um die Zukunft geht. Wir wissen aber auch, dass der so massive und breite Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erhebliche Folgen für die Umwelt hat. Wir finden sie im Wasser. Es gibt erhebliche Auswirkungen auf die Biodiversität. Wenn ich Herbizide gegen Pflanzen einsetze, hat das Auswirkungen auf das Vorkommen von Pflanzen. Wenn ich Insektizide einsetze, hat das Auswirkungen auf Insekten. Der Einsatz von Fungiziden hat Auswirkungen auf Säuger. Dafür sind diese Mittel gemacht. Genau diese Folgen müssen wir feststellen. Wir müssen auch feststellen, dass wir Rückstände dieser Pflanzenschutzmittel mittlerweile im Körper von Menschen finden, die diese nicht freiwillig als Medikamente eingenommen haben, sondern das gar nicht steuern konnten. Auch das ist ein Faktum, mit dem wir umgehen müssen. Deswegen brauchen wir eine Reduktion, aber wir haben eine Strategie: Wir wollen den Einsatz halbieren. In diesem Zielkonflikt brauchen wir auch in Zukunft den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft. Diese Mittel wurden schon eingesetzt, solange Landwirtschaft betrieben worden ist. Wir brauchen sie, aber wir müssen von der Menge herunterkommen. Deswegen ein ganz klares Bekenntnis: Es geht niemals darum, Pflanzenschutzmittel abzuschaffen. Wir können es aber auch nicht so laufen lassen, wie es ist, und wir müssen den Konflikt lösen, wie wir den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Politik und in der Gesellschaft steuern. Immer, wenn wir Vorgaben machen, die zu einer Reduktion führen und bei denen die Alternativen noch nicht bekannt sind, kommt logischerweise aus dem Berufsstand die Frage: Wie soll ich mich denn verhalten? Wenn man keine Vorgaben macht, gibt es auch nie den Druck, sich ändern zu müssen. Auch das ist etwas, was wir ausbalancieren müssen; dabei macht man bessere und schlechtere Erfahrungen. Kollege Lippmann hat eben die Initiative der EU angesprochen. Den Pflanzenschutzmitteleinsatz per Verordnung zu reduzieren war wunderbar, weil wir das bisher nur auf der Grundlage von Richtlinien getan haben. Deutschland ist dabei bereits viel weiter als andere Länder; deshalb haben wir einen Wettbewerbsnachteil. Aber es wurde nicht auf das Detail geachtet. Diesen Fakt haben wir gerade hier in Sachsen schwer thematisiert; deshalb haben wir den Bundeslandwirtschaftsminister hierhergeholt. Ich bin sehr froh, dass es abgewendet worden ist, denn das wäre das Aus für unseren Weinbau gewesen. Der Weinbau hat sich gerade sehr intensiv auf den Weg gemacht und schon ganz viele Instrumente gefunden. Insbesondere ist er auch mit den neuen Sorten, den Pilzwiderständigen, den PIWIs, auf einem sehr guten Weg. Das heißt, wir benötigen für unsere Strategie immer Wege. Das ist nichts, was wir von heute auf morgen hinbekommen. Deshalb müssen wir alle Instrumente des integrierten Pflanzenschutzes anwenden, zu den Betrieben bringen und sie dort auch beraten. Es geht um eine riesige Palette von vorbeugendem Pflanzenschutz. Dazu gehören die Sortenwahl, die Fruchtfolgen, anbautechnische Fragen wie Reihenabstände, Saatdichte, der biotechnische Aussaatzeitpunkt, biologische Maßnahmen, auch der Einsatz von Nützlingen. Mit Pheromonen kann man Schädlinge verwirren, die man dann nicht mehr totspritzen muss. Das alles sind Instrumente, die man nutzen kann, bevor man Pflanzenschutzmittel einsetzen muss. Auch hierbei unterstützen wir mit unseren Fachbehörden, und zwar mit dem LfULG, das genau diese Beratung anbietet und die Betriebe unterstützt. Im Übrigen fördern wir auch viele Dinge in der Präzisionslandwirtschaft bis hin zur Robotik. Wir bieten Feldversuche als Alternative an. Wir führen Fachveranstaltungen durch. Es gibt Publikationen, auch eine landesweite Schaderregerüberwachung, ein Agrometeorologisches Messnetz, einen Pflanzenschutzwarndienst und sehr viele Prognosemodelle. Das alles hilft den Betrieben vor Ort, weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Auch wenn es bereits angesprochen worden ist: Der Einsatz kostet Geld. Deshalb gibt es mehrere Interessen, auch vonseiten der Landwirtschaft, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Ich bin froh, dass es darüber keinen Dissens gibt, auch in der Branche nicht. Alle sind sich einig, dass wir diesen Weg gehen müssen. Es hilft auch nicht, wenn die oder der eine oder andere immer versucht, dieses Thema zu skandalisieren. Es ist keine grüne Ideologie oder irgend so etwas, sondern es ist eine Frage der Vernunft, hier runterzukommen. Diesen Weg gehen alle gemeinsam, vor allem alle in der Branche, weil sie ein ganz großes eigenes Interesse daran hat. Dafür bin ich sehr dankbar. Tagesordnungspunkt Erste Beratung Gesetz zur Änderung des Waldgesetzes Drucksache 7/15174, Für die einreichende Fraktion spricht Herr Hein. Bitte schön.
