Hanka Kliese
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zu Beginn meiner Rede will ich auf die Ausführungen von Herrn Kühne von der AfD eingehen. Man könnte es mit einem Wort zusammenfassen, was Sie hier gemacht haben: Dieses Wort heißt „infam“. Aber mir ist noch etwas anderes dazu eingefallen: In der vergangenen Woche warb eine Chemnitzer Supermarktkette neben ihren Wochenangeboten mit dem Label „Für Demokratie, gegen Nazis“. Es ist eigentlich etwas Normales, ein Bekenntnis zur Demokratie auf einem Werbeprospekt. Warum auch nicht? Ein AfD-Mann, ein Politiker namens Gumprecht meldete sich daraufhin und warf den Machern dieses Werbeprospektes vor, dass sei ja wie „ Kauft nicht beim Juden!“ Genau das ist die perfide Umkehr, die wir gerade in Ihrer Rede gehört haben. (Beifall bei der SPD, der CDU, den LINKEN, den BÜNDNISGRÜNEN und der Staatsregierung) Genau das ist die Relativierung der Shoah. Ich möchte meine Redezeit für etwas Wertvolleres nutzen. Ich möchte sie nutzen, an Jankel Rotstein, quasi Pars pro Toto, zu erinnern. Jankel Rotstein wurde im Jahr 1889 in Warschau geboren. Warschau lag damals auf russischem Gebiet. Jankel Rotstein wurde in die russische Armee, im Ersten Weltkrieg, eingezogen. Er verletzte sich und wurde schließlich von der Militärverwaltung als Dolmetscher eingesetzt. Diese Arbeit machte ihm Freude, er lernte Deutsch und wollte in Deutschland bleiben. Er zog nach Chemnitz und verliebte sich in Liddy. Jankel und Liddy Rotstein bekamen zusammen fünf Kinder. Sie hatten ein Kurzwarengeschäft. Mit ihren fünf Kindern waren sie auf dem heutigen Chemnitzer Sonnenberg bekannt als eine Familie, die andere Kinder gern zum Spielen empfängt. Sie waren beliebt. Nach 1935 änderte sich das schlagartig. Die Nürnberger Rassegesetze hatten massive Auswirkungen auf die Familie Rotstein. Die Kinder durften in der Schule nicht mehr an Exkursionen und Ausflügen teilnehmen. Das beliebte Haus, die Wohnung der Rotsteins, blieb leer. Es kamen keine Kinder mehr zum Spielen. Die Kinder verstanden das nicht. Ihrem Vater wurde, weil er inzwischen ein sogenannter staatenloser Jude war, nahegelegt, dass er die Republik schnell verlassen möge. Er wollte Deutschland verlassen, weil er die Gefahr sah – allein, ihm fehlte das Geld. Ein folgenschwerer Umstand – übrigens auch kein Einzelfall in diesem Kontext. Im September 1939, nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wurde Jankel Rotstein verhaftet. Im Kaßberg-Gefängnis sah er seine Frau zum letzten Mal. Lange Zeit hoffte er noch, dass er aufgrund seiner schweren Kriegsverletzung entlassen werden könnte. Viele Briefe dokumentieren sein Hoffen und Bangen während der Zeit der Haft. Jankel Rotstein wurde schließlich ins KZ Langwasser deportiert. Von dort aus wurde er ins Warschauer Ghetto entlassen. Als er zwei Wochen nach seinem 50. Geburtstag am Hungertod starb, hinterließ er fünf Kinder. Als ich vor zwei Wochen in der sogenannten Schauzelle im Kaßberg-Gefängnis stand, um mir die Briefe von Jankel Rotstein, die er seiner Liddy schrieb, durchzulesen, hörte ich auf einmal ein lautes Krakeelen und Grölen auf dem Gang. Ich trat aus der Zelle heraus und sah eine Schulklasse. Sie rannten über den Gang und spielten Fangen. Das hat mich sehr traurig gemacht. Zunächst habe ich versucht herauszufinden, wer die Lehrkräfte sind. Sie waren relativ schwer zu erkennen. Ich stellte dann fest, dass diese nicht in der Lage waren – wahrscheinlich genau wie das Elternhaus –, die Schulklasse auf die Würde dieses Ortes entsprechend vorzubereiten. Nun kann man dadurch kulturpessimistisch werden und man kann das beklagen. Man kann es aber auch als einen Auftrag sehen, den wir haben. Wir haben den Auftrag, den Schrecken der Shoah genau denjenigen Familien und Personen zu vermitteln, die damit überhaupt nicht mehr konfrontiert worden sind. Es ist eine sehr wichtige Aufgabe für die Zukunft. Mir ist für diese Debatte eine Botschaft sehr wichtig: Erinnerungskultur darf kein elitäres Projekt sein. Das ist unsere Aufgabe. (Beifall bei der SPD, der CDU, den LINKEN, den BÜNDNISGRÜNEN und der Staatsregierung) Ich wünsche mir, dass Erinnerungskultur weniger aus Worthülsen besteht. Sätze wie „Für Antisemitismus ist hier kein Platz“ sind wohlfeil, aber sie sind auch nicht wahr. Antisemitismus hat schon längst seinen Platz gefunden. Wir werden ihn nicht mit Worthülsen bekämpfen können, sondern mit Taten. Abschließend möchte ich etwas Versöhnliches, etwas Schönes sagen, was uns für die Zukunft vielleicht ein Ansporn sein sollte: Ein Sohn von Jankel Rotstein, Siegmund Rotstein, ist nach Chemnitz zurückgekehrt, nachdem er selbst nach Theresienstadt deportiert wurde. Er war von 1966 bis 2006 Leiter der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz. Er hat die Jüdische Gemeinde aufgebaut; sie hatte damals zwölf Menschen in ihrem Kreis. 1945 gehörten der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz zwölf Personen an. Heute sind es 600 – und das sollte uns Hoffnung bringen und für uns ein Auftrag sein. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD, der CDU, den LINKEN, den BÜNDNISGRÜNEN und der Staatsregierung) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Wir beginnen wieder mit der Linksfraktion. Frau Abg. Köditz, bitte.
