Sabine Friedel
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es sind schon viele Stichworte gefallen. Wir haben in der Überschrift zum Debattentitel eine Wendung, die ich etwas in den Vordergrund stellen möchte, nämlich: Schule als Ort zum Lernen. Das ist ja das, wie wir Schule eigentlich kennen. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Schule nicht nur ein Ort zum Lernen ist, sondern dass auch die Schule selbst ein lernendes System sein sollte. Damit bin ich bei einer der Forderungen des Bildungswende-jetzt!-Aufrufes, nämlich der Forderung nach einer zukunftsfähigen Schule. Ich glaube, völlig zu Recht beklagen viele Menschen die Trägheit des Systems, was Veränderungen angeht. Ich würde meinen Vorrednerinnen und Vorrednern durchaus zustimmen: Trotz dieser Trägheit haben wir in den letzten Jahren einiges erreicht; nicht nur bei dem Thema Studienplätze und neue Studiengänge oder dem Thema multiprofessionelle Teams. Trotz alledem brauchen wir dort weitere Schritte. Ich erinnere mich: Es war ein ganz schöner Kampf, die Schulsozialarbeit ins Schulgesetz einzubringen und sie somit zum festen Bestandteil zu machen. Warum war das ein Kampf? Das war kein Kampf der Bildungspolitiker untereinander, sondern es war ein Kampf der Bildungspolitik mit dem Rest dieses Hauses, der sagte, damit hätten wir dann aber neue Aufgaben und müssten mehr Ausgaben bewerkstelligen. Oder: Es war ein großer Kampf, die Schulassistenz – zumindest teilweise unbefristet – zu erreichen. Wir haben sie nach wie vor nicht als Stellen im Haushalt verankert, wollen dies aber gern schaffen. Da wäre es gut, wenn wir beim nächsten Mal auch jenseits der Bildungspolitik die entsprechende Solidarität bekämen. Schule zukunftsfähig zu machen, ist aber auch eine Frage der Inhalte. Auch das ist nichts Neues von mir an diesem Platz. Die Entschlackung der Lehrpläne ist für uns ein wichtiger Punkt, weil sowieso niemand mehr alles wissen kann, wir aber vielmehr ein tieferes Verständnis bei Kindern und Jugendlichen für das brauchen, was sie lernen. Fächerübergreifender Unterricht ist das Gebot der Stunde, um dieses vernetzte Denken hinzubekommen, das man später im Leben braucht, (Zuruf von der AfD: Oder Fachwissen!) und mehr praktisches Lernen, um Berufsorientierung wirklich handhabbar zu machen und nicht nur theoretisch; auch das ist etwas. Ich möchte die verbleibende Zeit nutzen, um einen Punkt in den Vordergrund zu stellen, der auch etwas mit zukunftsfähiger Schule zu tun hat und aus meiner Sicht so viel ändern würde, aber noch viel zu wenig vorankommt. Es ist das Stichwort: jahrgangsübergreifender Unterricht an Grundschulen. Wir haben hier in Sachsen eine ganze Menge Grundschulen, die jahrgangsübergreifend unterrichten. Sie machen das sehr erfolgreich, sind aber fast alle Grundschulen in freier Trägerschaft. An den Schulen in öffentlicher Trägerschaft hat das jahrgangsübergreifende Unterrichten Seltenheitswert. Das ist sehr schade; denn eigentlich wurde es im Jahr 2013 noch von Herrn Kupfer als Möglichkeit zum Erhalt von Schulen im ländlichen Raum eingeführt. Wir haben im Jahr 2017 im Landtag eine große Anhörung gemacht und nach Erfahrungen gefragt. Alle, die hier saßen – Lehrer, Schüler, Eltern –, haben nur positiv berichtet. Das ist auch kein Wunder; denn sowohl die wissenschaftlichen als auch die praktischen Erkenntnisse sagen: Jahrgangsübergreifender Unterricht erleichtert die Eingewöhnung enorm. Man hat nicht die ersten Monate damit zu tun, dass die Kleinen überhaupt still sitzen, sondern sie haben Vorbilder, die ein Jahr älter sind das schon können und von denen sie sich das abschauen. Der Rollenwechsel, den Kinder von der ersten zur zweiten Stufe haben, bringt enorm etwas für das Selbstvertrauen. Er hilft ihnen dabei, Zuwendung von Mitschülern zu erhalten und solche selbst zu geben. Soziale Kompetenzen und das Schulklima verbessern sich enorm. Nicht zuletzt ist der jahrgangsübergreifende Unterricht eine absolute Entlastung für die Lehrkräfte; denn nachdem er einmal eingeführt ist, werden die Mitschülerinnen und Mitschüler zu Mitlehrenden. Das ist wiederum etwas Tolles für die individuelle Förderung. Warum gibt es das noch so wenig? Nicht, weil es in Sachsen verboten ist, sondern weil es Impulse braucht – auch Impulse von einer aktiven Schulaufsicht, die Lehrkräften oder der Schulleitung dabei keine Steine in den Weg legt, sondern sie wirklich dazu ermuntert, ein lernendes System zu sein und Dinge, die gut funktionieren, anzunehmen, auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Damit sind wir bei der letzten Forderung von „Bildungswende jetzt!“; die lautet: Dialog auf Augenhöhe. Sachsen macht das gerade, das glaube ich auch. Bildungsland 2030 ist genau dieser Prozess, er ist ein Dialog auf Augenhöhe. Da ist es kein Wunder, dass der jahrgangsübergreifende Unterricht in den vielen Empfehlungen eine Rolle spielt: Empfehlung 4.8, Empfehlung 4.10, Empfehlung 4.23. Ich glaube, der Lackmustest für uns alle wird sein: Wir diskutieren hier über Augenhöhe – wird dann auch auf Augenhöhe entschieden? Schaffen wir es wirklich, die vielen klugen und guten Empfehlungen Schritt für Schritt in Sachsen umzusetzen? Das wäre toll; denn es würde unser Schulsystems wirklich zukunftsfähig machen. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD, den BÜNDNISGRÜNEN und der Abg. Luise Neuhaus-Wartenberg, DIE LINKE) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Wir beginnen wieder mit der einreichenden Fraktion. Frau Abg. Neuhaus-Wartenberg, bitte.
