Luise Neuhaus-Wartenberg
Vielen Dank. Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Frau Gockel! Sie ist gerade nicht da. Ich wollte sagen, wenn die Rede von Frau Gockel der Antrag wäre, dann würden wir zustimmen. Als erstes möchte ich dennoch sagen, dass viel Richtiges in dem Antrag steht. Die Förderung von Kindern, die Vernetzung verschiedener Einrichtungen, die Weiterentwicklung der Beratung von Schülerinnen und Schülern, der Ausbau von Kooperationsangeboten mit sächsischen Hochschulen usw., das ist alles nicht falsch, und trotzdem fühlt es sich im Moment nicht als das dringlichste Problem an, denn wenn wir in die Schulen schauen, sehen wir den Unterrichtsausfall und dass überall Lehrkräfte fehlen, außerdem pädagogisches Fachpersonal und auch Assistenten. Bei all dem wird unserer Meinung nach das Entscheidende, worauf es derzeit mehr denn je ankommt, zu wenig in den Blick genommen, nämlich die soziale Frage. Der Einfluss des sozialen Hintergrunds wird zu wenig berücksichtigt. Wir alle wissen sehr wohl, wie die Realität in Sachsen aussieht. Viele Studien zeigen es. Kinder aus akademischen Haushalten profitieren von der Begabtenförderung. Sie bringen gute Voraussetzungen mit, haben zumeist ein gutes Lernumfeld und Eltern, die die Zeit und Möglichkeiten haben, ihre Kinder zu fördern. Was ist mit den Kindern und Jugendlichen, die wirklich Unterstützung brauchen? Die werden weiterhin vernachlässigt oder zu wenig berücksichtigt. Kinder aus Arbeiterhaushalten und migrantische Kinder und Jugendliche haben oft aufgrund der sprachlichen Barrieren keine Chance auf die Begabungs- bzw. Begabtenförderung, weil sie schlicht nicht erkannt wird. Förderung nur für Auserwählte geht in diesen Zeiten gesellschaftlich vermutlich in die falsche Richtung. Damit befördern wir eher ein Ungleichgewicht, was gerade sowieso schlecht zu handeln ist. Wenn wir die leistungsdifferenzierte Förderung besonders begabter Schülerinnen und Schüler verstärken, wird das in der derzeitigen Situation wenig nützen; denn die Unterstützung einzelner geht immer dann zulasten aller, wenn wir nicht im Ganzen umsteuern, die Schule als Lebensort begreifen, der alle Kinder auf ihre Zukunft vorbereitet. Das sollten wir mittlerweile gelernt haben. Deshalb fordern wir schlicht und einfach Inklusion. An dieser Stelle reden wir auch über ein menschenrechtliches Prinzip. Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention 2009 ratifiziert. Das heißt: Alle Bundesländer sind verpflichtet, die Idee der Inklusion und somit das gemeinsame Lernen aller Kinder und Jugendlichen in der Schule umzusetzen – das gilt natürlich auch für Sachsen. Wir wollen eine Schule, die allen die gleichen Möglichkeiten zur Förderung ihrer Begabung eröffnet, unabhängig von den sozialen Voraussetzungen, die die Kinder und Jugendlichen mitbringen, die allen ermöglicht, ihre individualisierten Lernwege bis zu einem guten Schulabschluss zu gehen und alle gleichermaßen nach ihren Bedarfen und Begabungen unterstützt. Im Übrigen: Angeborene Talente, also auch Begabungen, sind als Grundlage für den Zugang zu besonderer Förderung genauso – ich sage jetzt mal – unverdient wie der Bildungsabschluss und das Einkommen der Eltern. Viel entscheidender an der Stelle ist das Erlernen sozialer Kompetenzen, partitives Lernen und Arbeitsverhalten der Lehrkräfte und die Chance der Kinder, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen usw. usf. Sie wissen, dass ich immer wieder hier vorn stehe und für einen gänzlich anderen Bildungsbegriff werbe, der alles das mitdenkt, der die Gesellschaft und die Realität mitdenkt. Ziel muss es sein, dass wir vom Prinzip wegkommen, dass jeder Schüler und jede Schülerin für sich und die eigene Leistung lernt. Diesbezüglich wünschte ich mir, dass zum Beispiel etwas zur Gemeinschaftsschule im Antrag steht. Aber ich weiß, dass es über das längere gemeinsame Lernen in der Koalition unterschiedliche Ansichten gibt. Wenn wir über die Förderung der Begabung all unserer Kinder und Jugendlichen diskutieren, ist das unserer Auffassung nach nur vernünftig und geboten. Deshalb bin ich sehr froh darüber, dass wir heute noch über einen anderen Bildungsantrag sprechen, und zwar über den der Gemeinschaftsschulen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei den LINKEN) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Wird des Weiteren von den Fraktionen das Wort gewünscht? – Das sieht nicht so aus. Herr Minister, Sie haben das Wort.
