Luise Neuhaus-Wartenberg
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Da wir seit drei Jahren, wenn Sie sich erinnern, tatsächlich einen Runden Tisch für Bildung usw. fordern, kann ich an dieser Stelle nur sagen, dass wir den Prozess „Bildungsland 2030“ tatsächlich begrüßen und finden, dass es richtig ist, dass er jetzt losgeht. Zu ein paar kleinen „Aber“ würde ich am Ende meiner Rede kommen. (Zuruf des Staatsministers Christian Piwarz) – Ja, muss ja. Es ist ja unsere Aufgabe. Wenn wir über das „Bildungsland 2030“ sprechen, könnten wir über zahlreiche Bereiche sprechen. Sabine Friedel hat das vorhin schon sehr anschaulich dargestellt. Wir könnten darüber sprechen, dass die Kinder und Jugendlichen tatsächlich ins Zentrum gestellt werden, dass sie gehört werden und dass sie partizipieren können. Wir könnten darüber sprechen, ob unsere Schule der Zukunft nach denselben Zeiteinheiten funktionieren muss, die tatsächlich immer noch aus dem preußischen Schulsystem herrühren, als Kinder ihren Eltern das Mittagessen auf das Feld bringen mussten. Wir könnten über die sogenannte Digitalisierung sprechen und darüber, warum dieser Begriff in die Irre führt und wir längst hätten verstehen müssen, dass eine digitale Gesellschaft Digitalität in jedem Fach braucht. Wir könnten über moderne Schulneubauten sprechen, die zum Lehren und Lernen einladen. Wenn wir über das „Bildungsland 2030“ reden, könnten wir darüber sprechen, warum wir ein System haben, in dem man mutig sein muss, um etwas anders zu machen, selbst wenn sich eine veränderte Praxis lange bewährt hat. Wir könnten darüber sprechen, ob wir ein Mehr an Verwaltungsvorschriften brauchen oder mehr Möglichkeiten für Experimente, ob wir weiter und weiter und weiter strukturelle Debatten führen oder eigentlich eine Vision von Schule aufmachen müssten. Natürlich müssen wir auch darüber sprechen, wie der Beruf der Lehrkraft so attraktiv gemacht werden kann, dass wir genügend Lehrkräfte haben. Lehrkräfte, die ihrer Kernaufgabe nachgehen können und nicht gleichzeitig Psycholog(innen), Sozialarbeiter(innen) oder ITler(innen) sein müssen. Wir könnten darüber sprechen, welche Fähigkeiten Kinder und Jugendliche brauchen, darüber, ob die Schule, wie wir sie jetzt haben, in der Lage ist, Kinder auf eine Zukunft vorzubereiten, deren Wandel schneller ist als je zuvor. Wir könnten darüber sprechen, welche längst überkommenen Inhalte nur noch auf eine Vergangenheit vorbereiten, die aber längst vorbei ist. Wir könnten auch darüber sprechen, ob die Lehramtsausbildung dazu befähigt, Kinder und Jugendliche auf eine solche Zeit vorzubereiten, auf das Lernen in einer solchen Zeit. Und wenn wir der Meinung sind, dass sie das nicht tut, sollten wir die Frage stellen, wie das möglich wäre. Ich rede viel mit Menschen – Lehrkräften, Eltern, Kindern und Jugendlichen usw. usf. – und kann immer nur zu einem Schluss kommen – das mögen Sie mir verzeihen –: dass gefühlt alles irgendwie vom Zufall abhängt, ob man eine gute Schulzeit hat, vom Zufall, in welche Familie man hineingeboren wird, vom Zufall, ob die Eltern auf einer Schulform bestehen, vom Zufall, in welchem Bundesland man wohnt, vom Zufall, in welche Schule man kommt, vom Zufall, welche Lehrkräfte man hat, vom Zufall, ob man dort den Abschluss schafft, und außerdem vom Zufall, ob man schon zu Beginn der eigenen Zukunft überhaupt noch eine Zukunft hat. Meine Forderung an eine Schule der Zukunft ist, eine einzige Frage zu beantworten – und das ist die wesentliche – und dafür jede mögliche Konsequenz zu akzeptieren, die die Antwort auf die Frage nach sich zieht: Wie sorgen wir dafür, dass kein – und ich meine wirklich kein – Kind zurückbleibt? Da sind viele Antworten möglich. Es geht um Veränderungen der Schul- und Unterrichtszeiten. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen man mutig experimentieren kann. Das kann bedeuten, dass das Lehramtsstudium so zu verändern ist, dass Lehrerinnen und Lehrer auf die Realität vorbereitet werden, dass die Kinder und Jugendlichen ernst zu nehmen sind, dass ihnen zuzuhören ist und dass sie mitgestalten dürfen. Die Antworten, wie gesagt, können vielfältig sein; aber wir müssen sie eben endlich geben. So, nun habe ich ganz viel darüber gesprochen, wie die Zukunft aussehen könnte. Ja, ich weiß, dass das ganz große Veränderungen im laufenden Betrieb erfordert und dass sie dauern werden. Dennoch wissen wir alle, dass wir im Moment manifeste Probleme haben, die kurzfristige Lösungen brauchen. Ich meine 16 % Unterrichtsausfall an Förderschulen, 15 % an Oberschulen, 10 % an Gymnasien, 6 % an Grundschulen. Ich meine die IGLU-Studie, die belegt, dass ein Viertel der Schülerinnen und Schüler am Ende der 4. Klasse eine geringe Lesekompetenz hat. Ja, das ist richtig. Wir kommen aber an der Stelle zu völlig anderen Schlüssen und Konsequenzen als die AfD. Ich meine, dass wir einen akuten Lehrkräftebedarf haben und dass von den Seiteneinsteiger(innen)n jeder fünfte aufhört. (Zuruf des Abg. Thomas Thumm, AfD) Das alles kann keine sieben Jahre mehr warten. Junge Leute, die im Moment in der 8. oder 9. Klasse sind, werden die erhofften Veränderungen 2030 gar nicht mehr mitbekommen. Sie wollen jetzt von uns wissen, was ihr Abschluss wert ist, wenn sie sich in dieser Welt irgendwie zurechtfinden müssen. Die Ausschussreise nach Estland hat gezeigt – und ich war an der einen oder anderen Stelle tatsächlich sprachlos darüber –, wie mutig man sein kann. Damit meine ich vor allem einen Punkt – dazu würde ich in einer zweiten Runde noch kurz ausführen –, was es nämlich bedeutet, wenn Kinder zum Beispiel nicht sitzen bleiben, was es bedeutet, wenn man scheitern darf, was das für die Bildungsbiografie usw. usf. bedeutet, was es bedeutet, wenn Rahmenlehrpläne möglich sind und wenn Lehrkräfte an Schulen gemeinsam mit der Schulleitung usw. usf. in der Lage sind, den tatsächlichen Bedarf vor Ort selbst zu organisieren. Wie gesagt, dazu in einer zweiten Runde. Danke schön. (Beifall bei den LINKEN)
