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Sarah Buddeberg

Die Linke 31.05.2023 Sitzungen 7/71

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleg(inn)en! Ich habe letzte Woche nach langer Zeit wieder einmal einen Film gesehen, den ich schon 1999, als er ins Kino kam, gesehen habe. Der Film heißt „Aimée & Jaguar“. Er spielt in Berlin im Jahr 1942 und erzählt die wahre Geschichte der Jüdin Felice Schragenheim, die 1944 von der Gestapo verhaftet, nach Theresienstadt deportiert und später ermordet wurde. Dieser Film erzählt aber auch die Liebesgeschichte zwischen Felice und Lilly. Es ist ein sehr bedrückender Film über die Lebensrealität von Menschen, die in Nazideutschland verfolgt und umgebracht wurden; vor allem jüdische Mitbürger(innen), aber auch Menschen, die sich heute wahrscheinlich als queer bezeichnen würden. Dass der Film mich damals so bewegt hat, hat noch einen anderen Grund. Ich weiß noch, dass ich im Kino saß und mir von der ersten Sekunde, vom ersten Bild an das Herz bis zum Hals schlug, dass ich völlig aufgewühlt war und dass ich aufgeregt, aber auch glücklich nach Hause gegangen bin; denn ich habe zum ersten Mal in diesem Film eine lesbische Liebesgeschichte gesehen. Es war der erste Film, den ich gesehen habe, in dem es um queere Menschen, ihr Leben und ihre Liebe allen Widerständen zum Trotz ging. Queer zu sein gab es in der Welt, in der ich lebte und groß geworden bin – in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen –, nicht – schon gar nicht an meiner Schule. Als ich den Film gesehen habe, war ich circa 16, 17 Jahre alt. Bis dahin hatte ich immer nur gedacht, irgendetwas stimmt nicht mit mir. Das hat mich sehr belastet und es hat mir richtig Angst gemacht. Ich hatte keine Antwort darauf und eigentlich hatte ich nicht einmal die richtigen Fragen. Deshalb habe ich angenommen, mit mir stimmt etwas nicht, ich bin falsch. Ich habe später noch oft an diesen Film und an diese Situation gedacht. Ich habe mit anderen darüber geredet und festgestellt, dass viele andere queere Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben – manchmal mit genau demselben Film –, und dass sie erst sehr spät verstanden haben, was eigentlich los ist. Vielleicht ist es wichtig, dazuzusagen, dass die meisten von uns gar nicht anders sein wollten. Wir wollten, als wir in der Schule waren, wie die meisten dazugehören, aber das ging nicht. Dort war kein Platz für uns. Ich erzähle das deshalb so ausführlich, weil ich sagen möchte, wie glücklich ich darüber bin, dass es heute queere Bildungsprojekte gibt; denn ich weiß, was es für mich bedeutet hätte, wenn queere Menschen an meine Schule, in meine Klasse gekommen wären, wenn Diversität, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität ein Thema gewesen wären. Dann hätte ich gewusst: Ich bin nicht allein und ich bin nicht verloren. Ich bin auch nicht falsch, sondern ich bin genau richtig. Deshalb bin ich froh über die Arbeit von den Vereinen in Sachsen: different people, Gerede und RosaLinde. Es ist wunderbar, dass sie in die Klassen gehen und queeren Kindern und Jugendlichen, die dort sind, Mut machen, dass sie sie in ihrem Coming-out unterstützen und für sie da sind, dass sie Vorurteile abbauen, Fragen beantworten, für Akzeptanz werben, Lehrkräfte schulen und sich der Queerfeindlichkeit entgegenstellen. Queere Kinder und Jugendliche haben – wie alle anderen auch – ein Recht auf Bildung und Entfaltung ihrer Persönlichkeit, auf Schutz vor Diskriminierung und auf körperliche Unversehrtheit. (Beifall bei den LINKEN, CDU, den BÜNDNISGRÜNEN, der SPD und der Staatsregierung) Aber die Realität sieht anders aus. Die psychische Belastung von queeren Kindern und Jugendlichen ist sehr hoch und es gibt ein signifikant höheres Suizidrisiko; es ist viermal höher als bei nicht queeren Kindern und Jugendlichen. Auch an sächsischen Schulen sieht die Realität immer noch anders aus. Das wissen wir, seitdem im letzten Jahr die Lebenslagen-Studie veröffentlicht wurde. Fast die Hälfte der queeren Menschen hat angeben, an der Schule Diskriminierung erlebt zu haben. Die Studie macht deutlich, dass Schule eines der wichtigsten Handlungsfelder ist. Das wird auch dadurch klar, dass der Bedarf an den Schulen so groß ist. Es ist gar nicht so, dass die Vereine hinaus ins Land fahren, bei den Schulen anklopfen und sich hineindrängen, sondern die Schulen haben die Bedarfe und wenden sich an die Vereine. Es gibt sachsenweit Anfragen und teils lange Wartelisten. Das zeigt doch nur eines: Es muss mehr Schulaufklärungsprojekte geben und diese müssen im Haushalt ordentlich finanziert werden. (Beifall bei den LINKEN und der SPD) Es ist eine so wichtige Arbeit. Es kann nicht sein, dass es dafür keine gesicherte Finanzierung gibt. Das ist Aufgabe des Kultusministeriums; denn das Kultusministerium ist dafür zuständig, queere Kinder und Jugendliche zu schützen. Sie müssen geschützt werden – unter anderem vor der AfD. (Oh-Rufe von der AfD – Beifall bei den LINKEN und der SPD) Am 17.05.1990 hat die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel gestrichen. Es macht mich so wütend, dass wir 33 Jahre später über so einen Antrag hier diskutieren müssen. Queer zu sein, das ist keine Krankheit. Das heißt, dass es auch nicht „heilbar“ ist. Die queeren Kinder und Jugendliche werden nicht verschwinden. Es lässt sich nicht verbieten, queer zu sein. Die queeren Themen finden an Schulen statt, weil queere Menschen existieren. Dass queer zu sein keine Krankheit ist, heißt auch, dass es nicht ansteckend ist. Kinder und Jugendliche werden nicht queer durch Schulaufklärungsprojekte. Aber dieser Antrag suggeriert das. Die AfD leugnet die Existenz queerer Menschen. Sie will uns unsichtbar machen, sie will uns auslöschen. Das zeigt dieser Antrag, der vor menschenfeindlicher Ideologie nur so trieft. Und das zeigt die hässliche Plakatkampagne, die queere Menschen verunglimpft und zu Monstern machen will. Wir müssen uns dieser Menschenfeindlichkeit entgegenstellen. (Beifall bei den LINKEN, der SPD und den BÜNDNISGRÜNEN) Aber das können wir queere Menschen nicht allein tun. Ich will meine weitere Redezeit nicht auf die AfD verschwenden; denn ich werde nicht mit Hetzerinnen und Hetzern diskutieren, die unsere Existenz und unsere Identität leugnen. Deshalb möchte ich mein Wort an die Anständigen richten. Damit meine ich alle, die eine Gesellschaft wollen, in der niemand aufgrund der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität diskriminiert, gedemütigt, verletzt, verfolgt oder getötet wird. Ich möchte das nicht mit meinen eigenen Worten tun, sondern – – (Zuruf des Abg. Norbert Mayer, AfD – Weitere Zurufe von der AfD) Ein Appell an die Anständigen! Ich möchte das nicht mit meinen eigenen Worten tun, sondern mit einem Zitat aus einer Rede, die hier in Dresden am 17.05. dieses Jahres anlässlich des Tages gegen Queerfeindlichkeit gehalten wurde: „Bitte seid mutig, steht für eure Freundinnen und Freunde ein, die lesbisch, schwul, bi-, pan- oder asexuell, trans, geschlechtsinkongruent, nonbinär, a-gender oder inter oder queer sind: am Arbeitsplatz, in den Medien, bei Gesprächen mit Unwissenden, nicht nur im Privaten, vor allem dann, wenn ihr etwas verlieren könntet, wenn ihr euch für uns angreifbar macht. Wir stehen jeden Tag für uns ein, oft ganz alleine. Das kostet Kraft und tut weh, manchmal so viel, dass wir am Ende des Tages überhaupt keine Kraft mehr haben. Das ist die Kraft, mit der Personen, die der Mehrheitsgesellschaft angehören, ihre Kinder erziehen und ihre Jobs meistern. Diese Kraft müssen wir oft für die Verteidigung unserer bloßen Existenz aufbringen.“ Wir werden den Antrag ablehnen. (Beifall bei den LINKEN, den BÜNDNISGRÜNEN und der SPD – Frau Jost, AfD, steht am Mikrofon.) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Frau Jost, eine Kurzintervention, bitte.

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