Marika Tändler-Walenta
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Bereits im Juli 2022 hat die Fraktion DIE LINKE eine Große Anfrage zur Sportlandschaft Sachsen mit 89 Fragen aus sämtlichen Bereichen des Sports vom Vereinssport über Sport-Tatsächlich ist die Stimmung im Land schon ziemlich weit gekippt. Das kann ich in meiner Eigenschaft als kommunalpolitischer Sprecher meiner Fraktion bestätigen. Überall finden sich Bürger zusammen, die nicht gewillt sind, sich das Zusammenleben von weltfremden Politikern diktieren zu lassen. Gehen Sie ruhig davon aus, dass der Unmut sich nicht von selbst legen wird, sondern weiter anwächst. Dafür werden all jene sorgen, die sich wegducken, Probleme ignorieren und den Dingen ihren Lauf lassen. Zum Jahresende 2022 lebten laut Ausländerzentralregister über 300 000 Ausreisepflichtige in Deutschland. Hier fängt Wohnraumbeschaffung an. (Beifall des Abg. Timo Schreyer, AfD) Abschiebungen durchziehen, nicht nur ankündigen, Grenzen schließen sowie drastische Sanktionen für jene, die trotz Abschiebung wieder einreisen. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der AfD) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Kollege Ulbrich sprach für die AfD-Fraktion. Meine Damen und Herren, das Präsidium schlägt Ihnen vor, den Entwurf Zweites Gesetz zur Änderung des Sächsischen Flüchtlingsaufnahmegesetzes an den Ausschuss für Inneres und Sport federführend und an den Haushaltsund Finanzausschuss zu überweisen. Wer dem Vorschlag der Überweisung an diese Ausschüsse zustimmen möchte, den bitte ich jetzt um das Handzeichen. – Die Gegenstimmen? – Ich sehe keine. Stimmenthaltungen? – Auch keine. Damit ist der Überweisung zugestimmt worden. Dieser Tagesordnungspunkt ist beendet. Meine Damen und Herren, wir kommen nun zum Sports in Sachsen Anfrage der Fraktion DIE LINKE, der Staatsregierung stätten, den Schulsport, aber auch zu Themen wie Diskriminierung im Sport und Inklusion eingereicht. Heute wollen wir uns damit im Sächsischen Landtag befassen. Den meisten von uns sind die Schwachstellen der sächsischen Sportlandschaft bestens bekannt: Mitgliederschwankungen, insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie, zunehmend mangelnde motorische Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen sowie der bundesweite Investitionsstau in Milliardenhöhe. Nun kommen auch noch die durch Inflation gestiegenen Kosten für die Vereine hinzu. Die Hilferufe von den Vereinen erreichen uns regelmäßig, und wer mit offenen Augen durch unsere Landschaft fährt, dem fallen die Leuchttürme auf, der sieht aber auch viel Schatten. Dies konnte ich während meiner Sporttour in den vergangenen zwei Wochen vor Ort in den Vereinen, in den Kreisund Stadtsportbünden beobachten. Ich möchte daher insbesondere auf drei Themenfelder der Großen Anfrage eingehen: erstens Mitgliederentwicklung, zweitens Ehrenamt und drittens Schulsport. Erstens, zur Mitgliederentwicklung, ich sollte besser sagen: Mitgliederschwankungen. Im Zuge der Covid-Pandemie haben über 26 000 Menschen ihre Vereinsmitgliedschaft im Freistaat aufgegeben. Über 70 Vereine sind aus dem LSB-Register verschwunden. Gegenwärtig hat sich die Anzahl der Sporttreibenden, die über den LSB organisiert sind, wieder auf rund 670 000 Menschen stabilisiert. Gleichzeitig ist aber, insbesondere während der CoronaPandemie, der nicht organisierte Sport gewachsen. Es ist viel Dynamik in der Sportlandschaft, bundesweit und auch in Sachsen. Wir sollten auch nicht die Augen vor weiteren Entwicklungen verschließen. Auch wenn die Mitgliederzahlen, insbesondere im Kinder- und Jugendbereich, wieder angewachsen sind, bemerken wir spürbare Defizite im Seniorensport. Auch Spielgemeinschaften, wie sie vielerorts gelebte Praxis sind, Vereinskooperationen sowieso, doch auch die Anzahl an Vereinszusammenführungen nimmt zu. In flächenmäßig großen und gleichzeitig sehr ländlichen Landkreisen sind solche einschlagenden Tendenzen als Strukturschwund zu betrachten; denn nichts anderes stellt das Vereinssterben dar. Differenzen zu urbanisierten Regionen nehmen somit unweigerlich zu. Doch warum ist das so? – Weil sich zunehmend weniger Ehrenamtliche zur Aufrechterhaltung der Vereinsstrukturen finden. Ich spreche hier von Vorstandsmitgliedern, Übungsleiter(inne)n, Kassenprüfer(inne)n usw. Ein großer Bedarf besteht auch im Kampfrichter(innen)- und Schiedsrichter(innen)bereich. Aber warum? – Weil Ehrenamt Zeit erfordert. Natürlich war das Ehrenamt Thema im Sportteil der Großen Anfrage. Die Staatsregierung möchte laut eigener Aussage Ehrenamtstragende stärken – das ist absolut notwendig; denn mit Verweis auf die Sporthochschule Köln kann man der Großen Anfrage entnehmen, dass allein im Sportsektor über 100 000 Menschen in Sachsen ehrenamtlich aktiv sind. Dass aber dem gegenüber im Jahr 2022 in ganz Sachsen laut Bürgerstiftung Dresden nur 25 000 Menschen die Ehrenamtspauschale erhalten haben – übrigens einschließlich des Kulturbereichs und sonstiger ehrenamtlicher Betätigungsfelder –, sollte uns Politiker(innen) unzufrieden stimmen; denn die Ehrenamtspauschale erreicht als politisches Mittel der Wertschätzung und Anerkennung die Basis offensichtlich nicht wie angedacht. Von einer Beantwortung der Frage, welche Maßnahme die Staatsregierung plant, um ehrenamtliche Tätigkeiten im Sport stärker zu würdigen und zu unterstützen, wurde vonseiten der Staatsregierung abgesehen. Hierauf liegen aus unserer Sicht die Antworten bereits seit Jahren auf dem Tisch; denn es geht nicht nur ums Geld, sondern vor allem um Wertschätzung. Eine Antwort wäre die Einführung eines Bildungsfreistellungsgesetzes. Ein Beispiel: Die Übungsleitungskurse finden gegenwertig überwiegend an Wochenenden statt. Für Menschen, die sowieso schon an Wochenenden ehrenamtlich eingebunden sind – zum Beispiel im Wettbewerbsbetrieb oder für Personen, die einem Job nachgehen, eine Familie haben usw. –, ist das oft ein Hindernis, dem man mit dem Bildungsurlaub Abhilfe schaffen kann. Für uns als LINKE ist es nicht nachvollziehbar, dass Sachsen neben Bayern eines der wenigen Bundesländer ist, in denen es kein Bildungsfreistellungsgesetz gibt. Aber wir haben ein noch größeres Problem innerhalb der sächsischen Sportlandschaft. Ich werde Sie nicht sonderlich überraschen, wenn ich auf das bereits seit Jahrzenten bestehende Problem des Investitionsstaus im Sportbereich eingehe. Marode Sportstätten, geschlossene Schwimmhallen oder Außensportanlagen, welche seit Jahrzehnten keine Sanierung erleben durften, sind hierfür die Zeugen. Der Städte- und Gemeindebund geht bundesweit von einem Investitionsrückstand bei kommunalen Sportstätten in Höhe von 20 Milliarden Euro aus. Hinzu kämen Bedarfe in Höhe von 11 Milliarden Euro bei den Vereinssportstätten. Schlechte Infrastruktur, teils aus den 1970er-Jahren, kann so nicht saniert werden. Wie hoch der Förderbedarf in den einzelnen Ländern ist, kann aktuell niemand genau beziffern – eine Frage, zu der es keinerlei Auskunft vonseiten der Staatsregierung gibt. Klar ist, dass der Bedarf an finanziellen Mitteln – und ich betone: nicht zur Neuerrichtung von Sportstätten, sondern für eine zeitgemäße und mittlerweile hoffentlich energetisch-nachhaltige Instandsetzung – enorm ist. Abschließend zum Thema Ehrenamt noch eine kleine Anmerkung aus der Praxis: Ja, die Fördermittelpraxis schützt vor Subventionsbetrug, aber sie ist insbesondere für Ehrenamtstätige oft umständlich, zeitintensiv und im Kern im Ehrenamt nicht leistbar. Ein richtiger Schritt wäre eine ehrenamtsfreundliche Verwaltung und die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen. Das dritte Thema, dem ich mich widmen möchte, ist der Sportunterricht. Nun ist der Kultusminister leider nicht da, aber hierzu finde ich die gelieferten Zahlen besonders besorgniserregend. 4 404 Lehrkräfte in Sachsen dürfen Sportunterricht erteilen, weitere 931 Lehrkräfte machen das ohne Lehrbefähigung – das sind ungefähr 20 % –, davon die meisten in der Grundschule. Von 931 Personen ohne Lehrbefähigung befinden sich gerade einmal 25 in einer entsprechenden Qualifizierungsmaßnahme. Bei einem Altersdurchschnitt von 47,5 Jahren der Sportlehrkräfte – oder anders ausgedrückt: circa 1 000 dieser Sportlehrkräfte sind heute über 60 Jahre alt – sollte der politische Handlungsbedarf für die Koalition offensichtlich sein. Um die Attraktivität dieses Berufsfeldes zu erhöhen, brauchen wir aber eine Weiterentwicklung des Sportunterrichtes, eine Modernisierung. Dazu ein Zitat von Antje Klinge, Professorin für Sportdidaktik: „Wenn ich mir die Geschichte des Schulsports angucke – ich bin jetzt seit über 40 Jahren in diesem Feld tätig –, hat sich eigentlich die Welt sehr entwickelt in dieser Zeit und auch die gesellschaftlichen Verhältnisse hier bei uns. Aber der Sportunterricht ist vom Prinzip her genau das, was er auch seit der Nachkriegszeit ist. Da hat sich nicht viel verändert. Von daher kann man sagen: Das ist nicht zeitgemäß.“ Doch Grundvoraussetzung ist, dass der Unterricht überhaupt stattfindet. Gegenwärtig fallen aber jedes Jahr Tausende Unterrichtsstunden im Sport aus. Zum Abschluss möchte ich noch etwas zum Reha- und Behindertensport in Sachsen sagen. Dieser umfasst immerhin knapp 35 000 Mitglieder in Sachsen. Das entspricht 5 % der LSB-Mitgliedschaft. Dabei sollte der Freistaat die Arbeit von Reha- und Behindertensportgruppen mehr würdigen. Doch schon allein beim Lesen der Großen Anfrage zu diesem Bereich habe ich mich gefragt, ob das Thema Inklusion im Sport überall angekommen ist; denn Inklusion ist mehr als der Verweis auf „Jugend trainiert für Olympia“ und „Paralympics“. Das Thema ist im Breitensportbereich als Querschnittsthema ausbaufähig. Ich möchte es Ihnen an einem Beispiel beschreiben. Mit Mitteln eines Drittanbieters, beantragt durch den Sächsischen Reha- und Behindertensportverband, wird ein Projekt finanziert, dass es dem Landessportbund ermöglicht, drei Inklusionskoordinatoren einzusetzen – wohlgemerkt bei 13 Kreis- und Stadtsportverbänden. Nun kann man streiten, ob überall ein Koordinator sitzen muss. Aber wovon ich völlig überzeugt bin, ist, dass es sich hierbei um eine staatliche Aufgabe handelt und wir ganz schnell eine institutionelle Förderung vonseiten des Landes bereitstellen müssen. Inklusion ist eine klare, staatliche Aufgabe mit dem Ziel, erstens Barrierefreiheit an Sportstätten herzustellen, zweitens Schnittstellen zu schaffen und damit eine Sensibilisierung der Sportvereine voranzutreiben und drittens vor allem das übergeordnete Ziel zu ermöglichen, das „inklusiv im Regelsport“ lautet. Inklusion im Sport, aber auch die Themen Diskriminierung und sexuelle Übergriffe, sollten mehr in den Fokus von politischen Akteur(inn)en rücken. Hier ergab die Große Anfrage noch erheblichen Nachholbedarf. Zum Abschluss noch eine Frage: Was glauben Sie, wie hoch der Anteil der weiblichen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder in Leitungspositionen in sächsischen Sportvereinen ist? (Martina Jost, AfD: Ich kann’s nicht mehr hören!) Genau: zu gering! Auch hier besteht Handlungsbedarf. Es ist leider noch viel zu oft so, dass die Rolle der Frau im Sport auf das Waschen der Trikots, die Versorgung der Kinder und im besten Fall noch die Übungsleitung oder Schatzmeisterei beschränkt ist. Entscheidungen werden im Regelfall von Männern getroffen. (Tobias Keller, AfD: Ah!) Ich möchte meine Rede damit beenden, dass die Aufgaben, vor denen wir stehen, gewaltig sind. Wir haben einen Marathon vor uns, doch leider trainiert die Staatsregierung nur Dreierhopp. Das Problem: Man kommt zwar irgendwann aus der Puste, aber man kommt nie an. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei den LINKEN) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Kollegin TändlerWalenta sprach für die Fraktion DIE LINKE. Nun spricht Kollege Rost für die CDU-Fraktion. Bitte schön.
