Sarah Buddeberg
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Frau Penz, es entbehrt einer gewissen Komik nicht, dass Sie gerade das Wort „empfunden“ benutzt haben, um Gleichstellungspolitik zu diskreditieren. Denn das, was Sie in Ihrer Rede gemacht haben, ist: Sie haben Ihre persönlichen Erfahrungen absolut gesetzt. Das zeigt wieder einmal, dass es der AfD an zwei Dingen fehlt: an Empathie und an Solidarität. Das ist aber nichts Neues. (Zurufe von der AfD) Man braucht sich nur einmal mit wissenschaftlichen Studien zu beschäftigen, aber mit Wissenschaft hat es die AfD ja nicht so. Ich kann nur wiederholen, was ich schon in der ersten Runde gesagt habe: Es gibt strukturelle Unterschiede, die dazu führen, dass Frauen eben nicht gestalten können, und das sind Einfluss, Geld, Zeit und Macht. Wenn wir über Macht reden, reden wir über Parität. Ich kann den Eindruck von Lucie Hammecke nur bestätigen. Es war ein krasses Bild am 4. März, als hier im Plenarsaal fast nur weiblich gelesene Personen saßen. Aber dann habe ich mich gefragt: Wäre es mir eigentlich aufgefallen, wenn es umgekehrt gewesen wäre? – Wahrscheinlich nicht. Wenn hier fast nur Männer gesessen hätten, wäre es in dieser Richtung ein sehr gewohntes Bild. Der Titel der Veranstaltung lautete „Mehr Frauen in die Parlamente“. Man muss schon so ehrlich sein zu sagen, was das in der Konsequenz bedeutet. Das heißt nämlich auch: weniger Männer in den Parlamenten. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass sich genau die Fraktionen so sehr dagegen sträuben, in denen vor allem Männer sitzen. Frag nicht die Frösche, wenn du den Teich trockenlegen willst. Deshalb ist es wichtig, dass es gesetzliche Regelungen gibt, denn ohne sie wird es nicht gehen. (Zurufe der Abg. Dr. Rolf Weigand, Hans-Jürgen Zickler und Gudrun Petzold, AfD) Bis dahin kann man noch viel machen. (Beifall bei den LINKEN) Bis dahin sind die Parteien gefragt. Im nächsten Jahr stehen Kommunal- und Landtagswahlen an und da wird genau die Frage stehen: Wie viele Frauen haben die Möglichkeit zu kandidieren? Was machen die Parteien, um das zu unterstützen? Dafür gibt es den schon erwähnten Katalog der Fachkommission. Wenn Sie sich dabei nicht ganz sicher sind und Unterstützung brauchen, dann können Sie sich diese Unterstützung aus Ihren eigenen Reihen holen. Denn die demokratischen Fraktionen waren in dieser Fachkommission vertreten: Frau Kuge für die CDU, Frau Kliese für die SPD, Lucie Hammecke für die BÜNDNISGRÜNEN und ich für DIE LINKE. Sie können die Expertinnen direkt befragen, was zu tun ist. (Zuruf des Abg. Lars Kuppi, AfD) Ich möchte zuletzt darauf eingehen, dass ich, obwohl mir das Thema so wichtig ist, ein gewisses Unbehagen beim Titel der Debatte „Frauen gestalten Sachsen – Gleichstellung in Sachsen voranbringen“ hatte. Natürlich müssen wir unbedingt Gleichstellung in Sachsen voranbringen; das ist keine Frage. Dazu gehört auch, dass wir Geschlechterstereotype und Rollenbilder aufbrechen. Es geht nicht darum, dass alle Frauen Karriere machen, sondern es geht darum, eine echte Selbstbestimmung zu erreichen. (Jaja! von der AfD) Das hängt auch damit zusammen, was Frauen sich zutrauen und was Frauen zugetraut wird. Deshalb müssen wir aufhören zu pauschalisieren und so zu tun, als ob alle Frauen Blumen und Schuhe lieben würden, nicht einparken könnten und schlecht in Mathe wären. Stichpunkt schlecht in Mathe: Es gibt eine sehr interessante Studie – Achtung, Wissenschaft! –; 220 Frauen wurden in verschiedenen Gruppen befragt. Sie sollten Matheaufgaben lösen und zuvor haben sie einen Aufsatz zu lesen bekommen. Ein Aufsatz hat gesagt: Frauen können aus genetischen Gründen keine Mathe. Ein Aufsatz hat gesagt: Es hat soziale Ursachen, dass Frauen schlechter in Mathe sind, nämlich unterschiedliche Lebenserfahrungen. Und in einem Aufsatz stand: Es gibt überhaupt keine Unterschiede. Jetzt raten Sie mal, wer in dem Test besser abgeschnitten hat. (Martina Jost, AfD: Wer gibt denn Frauen so etwas zu lesen?) Das zeigt, dass das Abschneiden von der persönlichen Einstellung abhängig war. Ich habe eine Leseempfehlung für alle, die dazu noch mehr Beispiele suchen: das sehr interessante Buch „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken, und Männer ihnen recht geben“. Das gibt es tatsächlich und das kann man einmal lesen. Wir brauchen mehr Gleichstellung auf allen Ebenen. Jetzt noch einmal zu dem Punkt, warum mir dieser Teil des Titels „Frauen gestalten Sachsen“ trotzdem ein gewisses Unbehagen bereitet hat. Ich möchte, dass das nicht missverstanden wird, und es war wahrscheinlich auch nicht so gemeint. Aber es klingt ein bisschen nach einer Zukunftsutopie, als wäre die Welt per se besser, wenn Frauen Sachsen gestalten würden. Natürlich braucht es die Stimme und die Perspektive von Frauen, wie ich bereits gesagt habe. Das haben wir beim Wahlrecht gesehen, aber auch auf anderen Feldern sehen wir, dass die Stimme und die Perspektive von Frauen gebraucht werden. Aber es gibt so eine launige Postkarte, auf der steht „Wie sähe die Welt ohne Männer aus – keine Kriege, keine Verbrechen, lauter dicke, glückliche Frauen“. (Zuruf des Abg. Lars Kuppi, AfD) Ehrlich gesagt, halte ich das für ganz großen Quatsch. Ich könnte viele Namen von Frauen nennen, die daran zweifeln, dass die Welt dann so aussehen würde. Das ist auch nicht das Ziel. Das Ziel ist nicht, dass Frauen statt Männer gestalten, sondern das Ziel ist eine echte Gleichstellung, in der das Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Das müssen wir aber erst erreichen. Wir können nicht so tun, als wäre das nicht so. Denn es gibt patriarchale Strukturen, die zerschlagen werden müssen, (Martina Jost, AfD: Welche denn? Welche? Die Frage bleiben Sie ständig schuldig!) und es gibt Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Die müssen wir abschaffen. Wir müssen zu einer Gesellschaft kommen, in der es keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts gibt. Damit meine ich übrigens ausdrücklich nicht nur das binäre Geschlecht. Das ist die Zukunftsutopie, für die wir mit unserer Gleichstellungspolitik streiten. Vielen Dank. (Beifall bei den LINKEN)
