Hanka Kliese
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Internationale Frauentag, den wir letzte Woche begangen haben, hat sehr schön den gesellschaftlichen Wandel abgebildet, in dem wir uns gerade befinden. Während früher zum Frauentag Frauen freudig ihre Blumen entgegennahmen, die ihnen zugedachten Pralinen still vor sich hin mümmelten, um später dem Mann den Abendbrottisch zu decken, waren in diesem Jahr die Debatten schon ganz andere. Die GRÜNEN-Frauen beispielsweise ließen verlauten, dass sie eigentlich gar keine Blumen mehr wollten, bei den Genossinnen und Genossen der LINKEN und in der SPD war es ähnlich: Die Älteren haben noch Blumen verteilt, die Jüngeren wollen lieber Plätze in den Parlamenten als Blumen. Auch das ist nachvollziehbar. Frau Kuge hat zumindest verlautbart, dass sie keine Schnittblumen mehr möchte – ob sie noch Topfpflanzen entgegennimmt, das erklärt sie vielleicht in der zweiten Runde; das wissen wir nicht. Auf jeden Fall hat der Tag sehr deutlich gezeigt, dass die Ansprüche von Frauen andere geworden sind und dass wir heute über den Frauentag und am Frauentag anders diskutieren. Vor allem haben wir am Frauentag über Defizite gesprochen, über Dinge, die sich ändern und verbessern müssen. Genau deswegen freue ich mich, dass wir heute diese Debatte für etwas Positives nutzen können. Zumindest habe ich den Debattentitel so interpretiert, dass es heute doch darum geht, zu zeigen, was Frauen leisten, was Lebensleistungen sind und worauf wir stolz sein können – um uns in diesem Hause auch einmal gegenseitig zu ermutigen. Es gibt viele Gründe, weshalb wir stolz sein können. Ein wesentlicher ist die Erwerbsquote in Ostdeutschland. Die Erwerbsquote von Frauen ist eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. Es gibt eine Studie vom Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung, die beweist, dass westdeutsche Mütter von ostdeutschen Müttern lernen. Wenn sie gemeinsam arbeiten, folgen sie ihrem Beispiel. Das heißt, westdeutsche Frauen haben von ostdeutschen Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelernt. Das ist eine Erfolgsgeschichte, die wir viel häufiger betonen können, nämlich deswegen, weil wir momentan wieder die Debatte führen, dass der Westen dem Osten alles übergestülpt hätte. Dieser These widersprechen die ostdeutschen Frauen mit ihrem Verhalten sehr deutlich. (Unruhe bei der AfD) – Ich fände es gerade im Rahmen dieser Debatte sehr schön, wenn die Oktoberfestisierung unseres Parlaments durch die AfD-Fraktion etwas eingeschränkt werden könnte. (Beifall bei der SPD sowie vereinzelt bei den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN – Zuruf von der AfD) Die Erfolgsgeschichte ostdeutscher Frauen auf dem Arbeitsmarkt begann mit einem sehr steinigen Weg. Noch im Jahr 1994 waren nur halb so viele Männer arbeitslos, doppelt so viele ostdeutsche Frauen waren von Arbeitslosigkeit betroffen. Westdeutsche Sachbearbeiter fragten damals die ostdeutschen Frauen, die Kinder hatten: „Warum wollen Sie denn nicht zu Hause bleiben?“ Es prallten zwei vollkommen verschiedene Kulturen aufeinander. Das Ganze gipfelte in der Äußerung des damaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf; Sie alle kennen seine Formulierung von der „Erwerbsneigung“ ostdeutscher Frauen. Diese Erwerbsneigung hat sich allerdings am Ende durchgesetzt, und so blicken wir heute stolz darauf, dass Frauen mit Umschulung, Weiterbildung, viel gutem Willen und Engagement ihre Arbeitsplätze sichern konnten. (Zuruf von der AfD: Sie reden also über Westprobleme?) Erst letzte Woche hatte ich eine Bürgerin bei mir in der Bürgersprechstunde, eine Rentnerin. Sie war Ingenieurin und nach der Wende arbeitslos. Sie erzählte mir: „Als ich arbeitslos war, habe ich ein Angebot bekommen, als Museumswärterin zu arbeiten. Ich habe das gemacht, und ich habe es gern gemacht. Man wird doch durch keine Arbeit dümmer.“ Diese Lebenseinstellung ostdeutscher Frauen finde ich sehr bewundernswert. An dieser Stelle möchte ich das in dieser Debatte einmal explizit sagen: Ich bin stolz auf den ungebrochenen Willen zur Eigenständigkeit unserer Mütter, Großmütter, Tanten und Schwestern. Darauf können wir wirklich stolz sein. (Beifall bei der SPD, den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN sowie vereinzelt bei der CDU – Beifall bei der Staatsregierung) Inzwischen hat sich einiges geändert; die Arbeitswelt ist nämlich viel stärker auf Frauen angewiesen. Aus den Problemkindern der 1990er-Jahre sind diejenigen geworden, die unverzichtbar sind. Die einstigen Helden der Industriegeschichte werden weniger gebraucht. Bereits in den 1990er-Jahren beschrieb „The Economist“ den männlichen Beschäftigten mit erlernten Fähigkeiten als das zweitrangige Geschlecht von morgen. Das ist tatsächlich die Arbeitsmarktsituation, vor der wir heute stehen. An dieser Stelle, weil wir über das Thema Ermutigung gesprochen haben, möchte ich mit einem sehr schönen Zitat eines Referenten aus unserer Fraktion im Rahmen unserer Frauenpreis-Verleihung enden. Er sagte: „In einer Gesellschaft, die auf Männer zugeschnitten ist, aber auf Frauen baut, leisten Frauen täglich Außergewöhnliches.“ Vielen Dank. (Beifall bei der SPD sowie vereinzelt bei den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN – Beifall bei der Staatsregierung)
