Sarah Buddeberg
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen! Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau, die ihm den Rücken freihält – ich glaube, diesen Satz haben alle schon einmal gehört. Auch wenn er ein wenig angestaubt daherkommt und man denkt, das war vielleicht vor ein paar Jahren einmal so, so möchte ich dieses Bild doch noch einmal hervorholen, weil sich an dieser Pseudo-Wertschätzung für das, was Frauen leisten, doch recht deutlich machen lässt, was hier natürlich auch klar ist, dass mit diesem Satz ganz klar der Frau eine Rolle in der Gesellschaft zugewiesen wird. Sie soll sich kümmern, unterstützen, regeln und organisieren, um dem Mann den Rücken freizuhalten, damit der Mann was tun kann? Genau: Gestalten! Damit sind wir schon beim Punkt. Zur Klärung der Frage, ob dieses Bild eigentlich sehr antiquiert ist oder nicht, lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Denn bis heute leisten Frauen den überwiegenden Teil der Sorgearbeit: Sie kümmern sich um den Haushalt, sie kümmern sich um die Kinder und um die zu pflegenden Angehörigen. All das machen sie natürlich unbezahlt. Sie tragen hier die Last der Verantwortung. Ich habe einmal ein interessantes Kunstprojekt gesehen: Da ging es darum, dass Leute sich darüber lustig machen und es witzig finden, dass Frauen immer mit einer Handtasche herumlaufen. Männer brauchen das nicht; sie haben ihr Handy und ihren Schlüssel und ihr Portemonnaie dabei und das reicht ihnen. Da ist es natürlich sehr lustig, dass Frauen immer so eine große Handtasche tragen. Aber es ist total interessant, sich einmal darüber Gedanken zu machen, warum das eigentlich so ist – und deswegen hat dieses Kunstprojekt ausgestellt, was sich eigentlich in solch einer Frauenhandtasche befindet: zum Beispiel Taschentücher, Kopfschmerztabletten, Schnuller, Pflaster, Schreibzeug, Tampons oder Müsliriegel. Damit wird nämlich diese Handtasche genau zum Symbol für das, was wir Mental Load nennen – also diese Last der Verantwortung, mitzudenken, vorauszudenken und Verantwortung für andere zu übernehmen. Und auch das zeigt, dass dieses Bild der Frau, die dem Mann den Rücken freihält, leider überhaupt nicht angestaubt ist. Wenn wir nach Sachsen schauen: Sachsen hat die höchste Quote von erwerbstätigen Frauen, und trotzdem ist es immer noch so, dass auch hier die Frauen den größten Teil der Sorgearbeit übernehmen. Es ist also nicht gleich verteilt. In Stunden ausgedrückt: Frauen leisten dreieinhalb Stunden Sorgearbeit pro Tag – das sind anderthalb Stunden mehr als Männer. Das ist nur der Durchschnitt; das kann also im Einzelfall natürlich noch ganz anders aussehen. Deswegen ist am 8. März übrigens nicht nur – darüber habe ich bereits gestern gesprochen – von Verdi zum Streik aufgerufen worden, sondern auch vom feministischen Streikbündnis zum sogenannten feministischen Streik. Dieser ist eher eine symbolische Aktion, der sagt: Am 8. März sollten eigentlich alle Frauen die Sorgearbeit niederlegen und schauen, was dann passiert. Die Aussage ist ganz klar: Ohne euch steht die Welt still. Wenn man sich das noch einmal anschaut und auf den heutigen Debattentitel bezieht, „Frauen gestalten Sachsen“, frage ich mich: Was braucht es denn eigentlich, um zu gestalten? Ich bin auf vier wesentliche Punkte gekommen: Macht, Einfluss, Geld und Zeit. Wenn wir über Zeit reden, dann sind wir wieder beim Thema Sorgearbeit. Sorgearbeit muss gerecht verteilt werden, wenn Frauen gestalten sollen. Da möchte noch einmal kurz auf Alleinerziehende eingehen, weil beim „Runden Tisch Alleinerziehende“ darüber diskutiert wurde, wie Frauen auf den Arbeitsmarkt kommen können. Aber es geht um mehr als das: Man muss sich einmal klarmachen, dass alleinerziehende Frauen, die sich 24 Stunden am Tag um ihre Kinder kümmern und dann noch arbeiten gehen, überhaupt keine Teilhabemöglichkeiten haben. Sie haben keine Möglichkeit, sich zum Beispiel kommunalpolitisch zu engagieren. Deshalb haben wir an diesem runden Tisch Forderungen aufgemacht – zum Beispiel nach Betreuungsgutscheinen, nach einer höheren Flexibilität in der Betreuung und viele andere. Diese Forderungen müssen umgesetzt werden. An dieser Stelle – Martin Dulig ist gerade nicht anwesend – würde ich doch einmal darum bitten, dass das Bündnis des „Runden Tischs Alleinerziehende“ einmal einen Termin bei ihm bekommt. Darauf warten wir nämlich seit Dezember. Dazu möchte ich sagen: Das ist nicht der runde Tisch der LINKEN – wir haben das nur organisiert –, sondern eine Initiative des Landesfrauenrats, des Alleinerziehendenverbands SHIA und des AlleinerziehendenNetzwerks vom Frauenförderwerk. – Da ist der Herr Minister: Wir würden uns sehr über einen Termin freuen, um unsere Forderungen zu diskutieren. Das ist das Mindeste. Der zweite Punkt: das Geld; dazu hatten wir gestern einen Antrag. Die Lohnlücke muss geschlossen werden. Es muss einen familienfreundlichen Arbeitsmarkt geben. Aber wir müssen natürlich auch über Führungspositionen reden, über die „gläserne Decke“, darüber, dass Frauen erfolgreich im Bildungssystem sind, sich das beim Berufseintritt dann aber umkehrt. Damit sind wir auch schon beim Thema Einfluss. Hier geht es nicht nur um Führungspositionen, sondern auch um Entscheidungskommissionen: Sind sie paritätisch besetzt? Haben Frauen dort eine Stimme? Dabei geht es natürlich auch darum: Wer gestaltet eigentlich den gesellschaftlichen Diskurs mit? Wer sitzt auf Podien? Wer wird als Expertin oder Experte angehört? Auch da besteht noch viel Gelegenheit, um zu ermöglichen, dass Frauen gestalten können. Der letzte Punkt: Macht. Da sind wir bei einem Thema, das gerade schon angesprochen wurden, nämlich: Parität, Frauen in den Parlamenten. Aber dazu gibt es ein paar Worte mehr zu sagen; deswegen würde ich das in der zweiten Rederunde tun. Vielen Dank bis hierhin. (Beifall bei den LINKEN sowie der Abg. Lucie Hammecke, BÜNDNISGRÜNE, und Hanka Kliese, SPD)
