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Kathleen Kuhfuß

GRÜNE 02.02.2023 Sitzungen 7/66

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Das Thema Ärztemangel ist ein sehr emotionales Thema, weil wir immer befürchten, dass wir in einer Situation, in der wir Hilfe brauchen, niemanden haben, der uns hilft. Und es ist ein Thema, bei dem wir keine Kompromisse machen wollen. Wenn ich zum Beispiel in Stollberg einen Augenarzt suche, dann ist es mir ziemlich egal, dass in Görlitz die Versorgungsquote mit Augenärzten übererfüllt ist; denn ich habe keine Chancen, für meine Angehörigen einen Termin zu bekommen. Oder wenn ich Mitarbeiter(in) in einem Pflegeheim bin, kann ich es meinen Patienten nicht zumuten, durch halb Sachsen zu fahren, um einen Facharzt zu finden. Laut der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung aus dem Jahr 2022 haben 95 % der Menschen innerhalb von 20 Minuten mit dem Pkw Zugang zu einem Hausarzt. Die Versorgungsquote der Kinderärzte und Kinderärztinnen liegt in allen Bereichen bei über 100 %. Das klingt erst mal total gut. Aber woher kommt dann die Dissonanz zwischen einem Versorgungsgrad und der Wahrnehmung, dass die ärztliche Versorgung nicht funktioniert? Erstens bin ich sicher, dass medizinische Versorgung vor Ort stattfindet und nicht in einem statistischen Durchschnitt eines Datenblattes. Es stellen sich am Ende immer nur die Fragen: Ist da jemand, der mich behandelt? Bekomme ich einen Termin? Zweitens: Die tatsächliche Erreichbarkeit ist nicht gesichert. Wenn ich im ländlichen Raum 20 Minuten mit dem Auto brauche, um als junge Frau, die vielleicht noch keine 18 Jahre ist, einen Termin bei einem Gynäkologen oder einer Gynäkologin zu bekommen, oder auch die 65-jährige Rentnerin oder der 65-jährige Rentner, wenn sie auf der Suche für eine Behandlung des Grauen Stars sind, dann ist ihnen damit nicht geholfen. Drittens glaube ich, dass die Planungsgrundlagen der Kassenärztlichen Vereinigung anscheinend nicht die richtigen sind, wenn es zwar Planungsräume gibt, weil die Kinderärztinnen und Kinderärzte mit 100 % überversorgt sind, aber trotzdem klar ist, dass ich mit einem schwer kranken Kind zwei Stunden im Wartezimmer sitze. Schon allein das Abholen einer Schulentschuldigungsbefreiung kostet mich eine Stunde an der Rezeption. Eine U-Untersuchung muss Monate vorher geplant werden, was für junge Eltern, die arbeiten gehen, ziemlich unflexibel ist. Verfügbarkeit und Erreichbarkeit sind die Kriterien, nach denen Menschen das System bewerten. Wie soll nun dieses Problem gelöst werden? Eine Idee ist natürlich, mehr Ärztinnen und Ärzte auszubilden, auch, weil in den kommenden Jahren viele ältere Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen werden und sich damit die Situation zuspitzt. Dieses Vorhaben wird gerade im Bund diskutiert und ist auch aus unserer Sicht sinnvoll, vor allem, wenn es uns dann noch gelingt, mit Anreizsystemen für Fachgebiete zu werben, die unterrepräsentiert sind, und auch für Regionen, in denen wir einen akuten Mangel haben. Mehr Medizinstudienplätze sind dafür notwendig, aber sie sind teuer und in ihrer Organisation sehr aufwändig. Das darf kein Argument gegen Studienplätze sein, aber wer sich – und auch wir als Freistaat – dazu bekennt, mehr Studienplätze haben zu wollen, muss auch die Bedingungen dafür schaffen. Lassen Sie mich kurz ein Beispiel aus Chemnitz nennen. Wir haben jedes Jahr in Chemnitz über einen Modellstudiengang 50 junge Studierende im Hausarztbereich. Das wird modellhaft erst über den Bund, jetzt über uns als Land in Lehre und Forschung finanziert. Leider lassen wir gerade diese jungen Menschen – am Ende 250 – komplett ohne Campus und obdachlos zurück. So stelle ich mir das nicht vor, dass wir uns im Freistaat Sachsen aktiv um junge Ärzte und Ärztinnen bemühen. Der zweite Weg – den ich klar sehe – ist, die Attraktivität des Umfeldes für Ärztinnen und Ärzte zu steigern, nämlich dort, wo sie am allermeisten gebraucht werden. Auch das habe ich an der Stelle immer wieder gesagt: Gerade junge Berufseinsteiger(innen) wollen nicht mehr unbedingt die Einzelpraxis mit dem unternehmerischen Risiko; sie wollen nicht mehr Einzelkämpfer(innen) sein; sie wollen nicht mehr 24/7 abrufbar sein, sondern sie schätzen das Arbeiten im Team, und sie wollen auch in gewissen Lebensphasen in Teilzeit gehen. Diese Möglichkeit haben Kommunen, hierfür attraktive Bedingungen zu schaffen, und sie haben auch die Krankenhäuser, indem sie über die jetzt entwickelten Gesundheitszentren attraktive Arbeitsorte entwickeln. Dort können Mediziner(innen) auch ohne finanzielles Risiko der Einzelpraxis und ohne betriebswirtschaftliche Aufgaben ihrer ärztlichen Tätigkeit nachgehen und sich voll und ganz der Patient(inn)enversorgung widmen. Ein weiterer Weg für eine bessere Versorgung ist, die gemeinsame Versorgung der Patient(inn)en zu stärken. Bundespolitisch wird die Ampelregierung im Jahr 2023 die Reform der Notfallversorgung auf den Weg bringen. Kassenärzte und Krankenhäuser sollen dabei viel enger zusammenarbeiten, sozusagen an einem Tresen entscheiden, welcher Patient wo und wie versorgt wird. Diese Reform war zu Minister-Spahn-Zeiten liegengeblieben. Jetzt drängt es, Angebote zu sichern, aber auch neue niederschwellige Versorgungsformen zu etablieren. Die Idee des Gesundheitskiosks wird wahrscheinlich eher in urbanen Räumen attraktiv werden, aber die pflegerische Akutversorgung, die uns ein wenig an die Gemeindeschwester, an den Gemeindepfleger erinnert, ist auf alle Fälle für ländliche Räume sehr gut vorstellbar. Wichtig ist, dass diese bundespolitischen Aufgaben jetzt klar und auch in ihrer Finanzierung klar artikuliert werden. Herzlichen Dank für die erste Runde. In der zweiten Runde werde ich eher über Atmosphärisches reden, über Dinge, die man tun soll, oder vielleicht über Dinge, die man vielleicht auch lassen sollte. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN und der Abg. Susanne Schaper, DIE LINKE)

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