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Valentin Lippmann

GRÜNE 01.02.2023 Sitzungen 7/65

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! In vino veritas – im Wein liegt bekanntlich die Wahrheit. In diesem Sinne beschrieb einst der römische Historiker Tacitus den Brauch der Germanen, vor Ratssitzungen Wein zu trinken, weil es sich nach dessen Genuss schlechter lügen ließe. Die Vorstufe der Wahrheit ist bekanntermaßen die Erkenntnis, und genau darum soll es in diesem Antrag heute gehen. Die Koalition will Erkenntnisse über die Lage des Weinbaus in Sachsen verbessern – ich hoffe, anders als die Germanen, ohne den vorherigen Genuss des gekelterten Produktes. Der Weinbau in Sachsen hat eine erhebliche Bedeutung für den Freistaat: Er ist wichtiger Wirtschaftszweig, elementarer Bestandteil unserer Kulturlandschaft und auch zunehmend relevanter Teil der Außendarstellung unseres Freistaates. Werte Kolleginnen und Kollegen, zunächst könnte man mit Blick auf die Zahlen und die jüngere Presseberichterstattung meinen, dass die Lage des Weinbaus in Sachsen sehr gut sei und keines umfassenden Berichtes bedürfe. So hat sich die Zahl der bestockten Rebflächen bis 2020 konstant erhöht, die Zahl der Winzerinnen und Winzer im Haupterwerb ist gestiegen und neben vielen Prämierungen für sächsischen Wein konnte erst kürzlich der Erfolg verbucht werden, dass nun auch mit Martin Schwarz einer der nächsten herausragenden Winzer in die Riege der VDP-Weingüter aufgestiegen ist. Dennoch muss konstatiert werden, dass der Weinbau in Sachsen vor ernsten Herausforderungen steht. Als Erstes muss auch hier der Klimawandel genannt werden. Denn während einige Konsumentinnen und Konsumenten fälschlicherweise frohlocken, dass die zunehmende Erwärmung Sachsens demnächst eine toskanagleiche Rotweinregion hervorbringen könne, bringt der Klimawandel indes erhebliche Probleme für den Weinbau mit sich. Zum einen führt die zunehmende Trockenheit zu deutlichen Herausforderungen bei der Bewässerung der Rebstöcke, insbesondere in den bereits genannten Steillagen. Zum anderen ändern sich auch die Bedingungen für Krankheiten, Schädlinge und abiotische Schäden im Weinbau. Reblaus, Sonnenbrand, Esca, Traubenwickler sowie bisher unbekannte Krankheiten und Schädlinge werden durch den Klimawandel begünstigt und machen neue, chemiearme und -freie Pflanzenschutzstrategien notwendig. Gleiches gilt auch in den umgekehrten Fällen zu hoher Niederschläge – Thema innovative Pflanzen, pilzwiderstandsfähige Rebsorten zur Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmittel und zur Steigerung der Nachhaltigkeit. Das ist wichtig und notwendig und zugleich ein sehr dickes Brett, weil gerade in starken Befallsjahren mit hohen Niederschlägen wie beispielsweise 2021 sogar pilzwiderstandsfähige Sorten mit Fungiziden behandelt werden mussten. Im Hinblick auf die Folgen des Klimawandels braucht es daher eine umfassende Bestandsaufnahme, um anschließend eine gezielte und umfassende Beratung und Unterstützung für die Betriebe sowie die Winzerinnen und Winzer im Freistaat zu leisten. Werte Kolleginnen und Kollegen, die Weinbergs-Steillagen gehören zu den prägenden und landschaftlich und touristisch unverzichtbaren Elementen der sächsischen Kulturlandschaft. Genau diese landschaftsprägenden Elemente sind allerdings teilweise bedroht: Der Terrassensteillagenbau ist mit großer Anstrengung und auch mit zunehmenden Kosten verbunden. Eine Flucht in die Ebene wäre mit dem Verlust eines wichtigen Kulturgutes verbunden und muss durch eine weitere starke Förderung des Terrassensteillagenbaus im Freistaat Sachsen unterstützt werden, damit diese zweifelsohne eine Zukunft hat. Hier bedarf es einer eingehenden Prüfung, inwieweit die Förderrichtlinie zum Erhalt der Steillagenbewirtschaftung im sächsischen Weinbau weiterentwickelt werden kann, um eine dauerhafte und nachhaltige Bewirtschaftung zu gewährleisten. Das gilt insbesondere für die Förderung von Bewässerungsanlagen oder Begrünungsmaßnahmen, aber auch für einmalige Maßnahmen zur Umgestaltung der Weinberge im Sinne der Bewirtschaftungserleichterung. Es muss definitiv verhindert werden, dass die alten Weinberge verfallen, weil diese in der Steillage nur noch mit großen Mühen sinnvoll zu bewirtschaften sind. Ebenso muss auch die Unterstützung gemeinsamer anwendungsorientierter Forschung im Weinbau durch die Nutzung regionsübergreifender Synergieeffekte vorangetrieben werden. Die Stärkung der ökologischen Forschung und Wissenschaft ist in Zeiten der aktuellen Herausforderungen elementar für die Zukunft des Weinbaus in Deutschland, ja in ganz Europa. Werte Kolleginnen und Kollegen! Sächsischer Wein ist zwar weiterhin im Vergleich der Menge eine Rarität, aber bundesweit zunehmend geschätzt und beliebt. Dennoch gibt es einen stetigen Konkurrenzdruck von Wein vergleichbarer Qualität aus anderen Regionen Deutschlands oder auch Europas. Darauf und auch auf die grundsätzlichen Änderungen beim Weingenuss muss sich auch Sachsen einstellen. Ein Thema ist dabei die ökologische Zertifizierung des Weins. Ich weiß, dass einige Winzerinnen und Winzer existieren, die diesen Schritt aufgrund hoher bürokratischer Anforderungen nicht gehen wollen, obwohl sie eigentlich die entsprechenden Herausforderungen meistern könnten und die Voraussetzung grundsätzlich erfüllen. In Sachsen gibt es derzeit nur fünf Ökoweinbaubetriebe, die sich in der Umstellungsphase befinden bzw. schon auf die ökologische Produktion umgestellt sind. Da ist sicherlich noch Luft nach oben, zumal die Förderung mit einer Flächenprämie von 890 Euro je Hektar durchaus ein nicht unerheblicher Anreiz sein dürfte. Entscheidend ist aber, dass für immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten die biologische Zertifizierung der Weine einen zentralen Aspekt ihrer Kaufentscheidung darstellt. Hier darf Sachsen als Weinbauregion definitiv nicht den Anschluss verlieren. Auch bei der Vermarktung kann sicherlich noch eine Intensivierung erfolgen, denn gerade bei den im Vergleich durchaus höherpreisigen Weinen muss vor allem die Vermittlung der hohen Qualität der entsprechenden sächsischen Weine weiter verstärkt werden. Hier gibt es definitiv noch Marktanteile in Deutschland, ja auch in Europa, die durch einen weiteren Aufbau des spezifischen Marketings für sächsischen Wein erschlossen und ausgebaut werden können. Dabei gilt es auch, ergebnisoffen die Einführung einer Pflichtabgabe für die Gebietsweinwerbung zu diskutieren. Für uns BÜNDNISGRÜNE ist dabei aber klar, dass dies nur im größtmöglichen Konsens mit den Winzerinnen und Winzern und dem Weinbauverband in Sachsen erfolgen kann; denn am Ende geht es um den Weinbau in Sachsen, den es als ganzen zu vermarkten gilt. Werte Kolleginnen und Kollegen! Schließen möchte ich mit einer kleinen Anregung, an welcher Stelle sich vielleicht noch Marketing lohnen könnte. Der Politikwissenschaftler Knut Bergmann hat in seinem sehr lesens- und empfehlenswerten Buch mit dem Titel „Mit Wein Staat machen“ die Menü- und Weinkarten deutscher Staatsempfänge sehr unterhaltend und kenntnisreich aufgearbeitet und in das jeweilige politische Gesamtgeschehen eingeordnet. Nach der Lektüre dieses Buches muss man zu der Schlussfolgerung kommen, dass Staatsempfänge von Bundeskanzlerinnen oder Bundeskanzlern und Bundespräsidenten zumindest hinsichtlich der Weinauswahl einen Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Genüsse darstellen, im Guten wie im Schlechten. Immerhin wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren wohl auch reihenweise nachgezuckerte Tropfen ausgeschenkt, heute unvorstellbar. Mit Blick auf ihre herausragende Qualität dürfte sich daher gern auch einmal das eine oder andere große Gewächs mehr aus Sachsen auf den Karten der entsprechenden Staatsempfänge wiederfinden, quasi als der verkorkte Botschafter des Freistaates in Berlin – vielleicht einmal ein Aspekt für eine ganz andere Lobbyarbeit in der Hauptstadt. Werte Kolleginnen und Kollegen! Über Sachsens Weinbau und Sachsens Wein könnte man ohne Probleme noch stundenlang reden. Das verhindert dann leider die reglementierte Redezeit. Mit dem Vorlegen des Antrags geht es uns als Koalition um eine wichtige Bestandsaufnahme. Ich bitte daher um Zustimmung, damit der Erkenntnis dann vielleicht auch die Wahrheit, ob mit oder ohne Wein, folgt. Vielen Dank. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU und der SPD) Dritte Vizepräsidentin Luise Neuhaus-Wartenberg: Das war Valentin Lippmann für die BÜNDNISGRÜNEN. Für die SPD-Fraktion jetzt bitte Volkmar Winkler.

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