Wolfram Günther
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bei dieser Aktuellen Debatte war es mir ein Anliegen, erst einmal zuzuhören. Ich bin für ein paar Formulierungen dankbar. Herr Kollege von Breitenbuch sprach davon, dass wir uns hier in einem Graubereich befinden. Das ist, wenn es um Isegrim, den Grauen, geht, sehr passend. Es geht also nicht um eine Schwarz-Weiß-Debatte. Wenn man als Letzter redet, hat man immer das Problem, dass viele Dinge schon vorgebracht wurden. Man muss in dieser Debatte auch aufpassen, dass man noch den Wald vor lauter Bäumen sieht, man also nicht übersieht, was eigentlich der Kern der Debatte ist. Es ist oft davon die Rede – ich sage das, um zur Versachlichung beizutragen –, dass der Wolf in Deutschland wieder angesiedelt wird. Dem ist deutlich zu widersprechen. Dass sich Wölfe in Rudeln vermehren, hat der Mensch durch dessen Ausrottung erfolgreich in Sachsen und ganz Deutschland verhindert. Es hat hier aber immer durchziehende Wölfe gegeben. Die hat man aber auch erschossen. Ab dem Jahr 2000 hatten wir in Sachsen das erste Mal den Umstand, dass ein Wolfspaar wieder Nachwuchs gezeugt hat und wir das zugelassen haben. Es ist ganz wichtig, das zu erklären. Niemand siedelt aktiv irgendwo Wölfe an. Das sind vielmehr Prozesse, die in der Natur ablaufen. Da kann es zu Konflikten kommen. Darüber muss man nachdenken. Der Mensch ist in seiner Geschichte sehr erfolgreich darin gewesen, Tiere auszurotten. Er ist im Moment auch sehr erfolgreich darin, das weiter zu tun. Wir stecken in einer ganz fundamentalen Biodiversitätskrise. Wir haben vor allem viele Großsäuger in unserer Menschheitsgeschichte ausgerottet. Natürlich gibt es bei sehr vielen Tieren Konflikte. Dabei danke ich für die Klarstellung, dass es hier nicht um Ausrottung geht, weil das der falsche Denkansatz ist. Es gibt viele Tiere, bei denen es Probleme gibt. Da ist man schnell beim Biber, beim Kormoran. Vogelliebhaber nennen die Krähe. (Zuruf von der AfD: Roter Milan!) Was glauben Sie, wie viele Konflikttiere es gibt? Wenn man dann sagt, dass die Lösung ist, diese auszurotten, dann weise ich darauf hin, dass dies schon viel zu oft passiert ist. Wir müssen mit den Tieren in der Natur zusammenleben und sehen, was die realen Probleme sind, die es dabei gibt. Dem hat man sich politisch gestellt. Auch das wurde hier schon gesagt. Es gibt nicht nur die europäischen Regelungen, die FFH-Richtlinie und das Bundes- und Landesrecht, sondern auch die Berner Konvention und das Washingtoner Artenschutzabkommen. Wenn man sich die Wiederbesiedlung durch den Wolf anschaut, dann – das ist schon angesprochen worden – ist das nicht so, dass das nur ein Problem ist. Es ist erstens normal, dass hier Tiere leben. Für uns sollte normal sein, dass sie sich natürlich ausbreiten können. Zweitens bringt es für den Wald tatsächlich erhebliche Vorteile. Seit der Wolf wieder da ist, zeigt sich ein ganz anderes Äsungsverhalten der Tiere. Sie stehen besonders im Winter nicht mehr so lange an einer Stelle. Die Verbissproblematik sinkt dadurch erheblich. Dieser Verbiss ist ein reales Problem, das wir im Land haben, weil wir unseren Waldumbau, die Naturverjüngung, den Wiederaufwuchs, das, was wir mit unseren Händen pflanzen, großziehen müssen. Wir können das nicht alles umzäunen. Hier gibt es also gewisse Vorteile durch den Wolf. Wo der Wolf ist, wird das Schalenwild aber nicht ausgerottet. Ganz im Gegenteil berichten viele Jäger, dass ihre Bestände, wo der Wolf ist, deutlich gesünder sind. Er kommt nämlich seiner Funktion nach, die Schwachen und Kranken herauszuholen. Wir hatten über 100 Jahre diese natürliche Funktion eines Predators für Großschalenwildtiere nicht mehr. Es gibt also keine unmittelbare Korrelation zur Jagdstrecke. Auch dieses Narrativ, dass sich der Wolf schrankenlos immer weiter ausbreitet, stimmt so nicht. In Sachsen gibt es ihn auf 30 % der Landesfläche. Im Zähljahr 2020/2021 fand man den Wolf auf 38 Territorien. Es waren 29 Rudel, acht Paare und ein territoriales Einzeltier. 2021/2022 waren es nur noch 36 Territorien mit 31 Rudeln, vier Paaren und einem territorialen Einzeltier. Vorhin kam von der AfD der Hinweis: Ja, es ist kein Wunder, dass man hier nur auf die Vorteile in Richtung Wald schaut, weil der Sachsenforst für den Wolf zuständig ist. Ich möchte dazu etwas klarstellen. Es ist wieder so eine Mischung: Erzählt man hier bewusst etwas Falsches, um eine Verschwörungstheorie zu bringen, oder weiß man es nicht besser? (Oh-Rufe von der AfD) Ich darf darauf hinweisen, dass die Fachstelle Wolf nicht beim Sachsenforst angesiedelt ist, sondern im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Das ist genau die Fachbehörde des LfULG, die für Landwirtschaft und für Weidehaltung zuständig ist. (Jörg Urban, AfD: Ja, ja, weil Sie immer hin- und herwechseln!) Den Menschen dort eine Unfachlichkeit zu unterstellen, ist einfach absurd, und ich möchte das deutlich zurückweisen. (Jörg Urban, AfD: Bleiben Sie bei der Wahrheit!) Das war quasi kein Höhepunkt dieser Debatte. Wenn man sich die Probleme anschaut, die mit dem Wolf zusammenhängen, dann ist klar: Es gibt keine Wiederansiedlung, sondern ein natürliches, aber deutlich gebremstes Wiederausbreiten des Wolfes. Es gibt diese Geschichte – und das wurde schon genannt –: Wir Menschen müssten uns fürchten. Dem muss man deutlich widersprechen. Nein, der Mensch gehört nicht zum Beuteschema des Wolfes, und deshalb gibt es 0,0 gefährliche Übergriffe in Europa, in Sachsen. Seit 2000 gibt es diese nicht. Man muss aber darauf hinweisen, dass es umgekehrt für den Wolf nicht ganz ungefährlich ist, mit den Menschen zusammenzuleben. Rein statistisch betrachtet, gibt es in Sachsen 161 Totfunde und davon waren 14 eine illegale Tötung. Es ist also umgekehrt eher der Fall. Das Abschießen findet bereits statt. Nur 24 mal war es natürlich, 12 mal unklar und 109 mal waren es Verkehrsunfälle. Das ist tatsächlich relevant. Vorhin wurden die Kühe kurz angesprochen. Es gibt einen engen Verwandten vom Wolf, und zwar den Hund. Es wird keiner darüber diskutieren, dass man ihn abschafft. Wir hatten im Jahr 2020 329 Übergriffe durch Hundebisse und es gab tatsächlich schon Todesfälle. Das ist etwas statistisch Relevantes, aber damit müssen wir klarkommen. Aber es ist nicht der Wolf, bitte sehr! Wo die Probleme mit dem Wolf ganz real sind – und das müssen wir wirklich in den Blick nehmen –, das ist bei der Weidehaltung. Aber auch das muss man erst einmal zur Einordnung bringen; auch wieder reine Statistik. Kann man denn sagen, weil der Wolf da ist, geht es mit der Weidehaltung bergab? Im Jahr 1990 wurden in Deutschland über 3 Millionen Schafe gehalten. Im Jahr 2000, als sich der Wolf das erste Mal wieder bei uns in der Lausitz angesiedelt hat, waren es nur noch 2,6 Millionen. Das war ein Rückgang um etwa 20 %. Die Anzahl hat sich in der letzten Zeit – seit 2021 – auf 1,5 Millionen gegenüber 1990 halbiert. Aber zehn Jahre, 20 Jahre – wir sehen, das geht zurück. Es gibt, statistisch gesehen, keine Korrelation dazu, dass der Wolf da ist. Im Übrigen war der Rückgang für Sachsen von 1990 mit ungefähr 275 000 gehaltenen Schafen, also 100 %, gegen 2000 auf nur noch knapp 140 000. Das ist ein Rückgang um 50 %, also um die Hälfte. In den über 20 Jahren hat sich das noch einmal halbiert. Das sind die Zahlen, die einen wirklich zu denken geben müssen. Kollege Zschocke hat es schon ausgeführt und andere Redner haben es auch gesagt: Die Weidehaltung, insbesondere die Schafhaltung, ist etwas sehr Wichtiges für unser Land. Sie ist, was das Offenland anbelangt, auch aus naturschutzfachlichen und artenschutzfachlichen Gründen etwas eminent Wichtiges. Das brauchen wir und deshalb muss man schauen, was wirklich zum Rückgang führt. Das sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Erstens ist es wichtig, dass wir die Gestaltung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen angehen, und das ist auch mir ein Anliegen. Dabei sehe ich ein großes Zusammenstehen in der Koalition, was die Förderung im Land anbelangt. Es ist gelungen, die Förderung in der neuen Agrarförderperiode der EU deutlich zu verbessern. Das heißt, dort müssen wir herangehen. Deshalb ist es unsere Strategie im Landwirtschaftsministerium, regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen. Dabei spielt das Schaf eine ganz wichtige Rolle: ganz andere Verwertungsmöglichkeiten bis hin zur Wolle, die man auch als Dünger einsetzen kann. Das sind alles Dinge, die man in der Vergangenheit nicht gemacht hat. Dort müssen wir ansetzen. Zweitens: Sehr wichtig ist aber auch der Herdenschutz. Bei Übergriffen sind die Herdenhalter nicht alleinzulassen. Auch hierzu muss man feststellen, dass wir den Herdenschutz zu 100 % tragen. Diese Unterstützung gibt es für Schafe, Ziegen und Gatterwild. Wenn Risse stattfinden, ersetzen wir diese zu 100 %. Das war am Anfang nicht immer so. Damals musste uns teilweise eine Stiftung helfen. Das haben wir im Freistaat Sachsen sichergestellt. Man muss aber auch feststellen, dass bei den im Jahr 2022 gemeldeten 208 Übergriffen nur in 50 % der Fälle der Mindestschutz gegeben war, als man dort genauer hingeschaut hat. Das ist genau das Problem. Wieder reine Wissenschaft: Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen zur Korrelation der Anzahl der Wölfe mit Schäden und Übergriffen. Demnach ist die Anzahl der Wölfe nicht der entscheidende Parameter, sondern der Herdenschutz; denn es ist relativ egal, ob das Rudel aus sechs oder fünf Tieren besteht. Entweder funktioniert der Herdenschutz oder er funktioniert nicht. Deshalb müssen wir genau dort heran, um besser zu werden. Wir dürfen den Wölfen nicht beibringen, dass es sich in irgendeiner Art und Weise lohnt, den Herdenschutz zu übergreifen. Es ist schon angeführt worden und dafür bin ich auch sehr dankbar; denn wir in Sachsen waren die Ersten in Deutschland, die ein sehr gutes Wolfsmanagement aufgebaut haben. Genau darum geht es im Artikel 16 der FFHRichtlinie. Wenn es Probleme gibt, können Wölfe auch geschossen werden. Das ist bereits so geregelt und das halte ich auch für sehr richtig. Wenn es die Gründe dafür gibt, wird – völlig unabhängig von den Parteifarben in dem jeweiligen Land – einer Entnahme zugestimmt. So wäre das auch hier in Sachsen, wenn die Voraussetzungen dafür vorhanden sind. Das heißt, es geht um die Mischung: Wir brauchen eine gute Unterstützung für die Weidehalter. Wir müssen im Einzelfall einen Problemwolf entnehmen, aber vor allem müssen wir den Herdenschutz administrativ gut umsetzen. Das sind die Parameter, die wir brauchen. Vielen Dank. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN und der Abg. Sabine Friedel, SPD – Beifall bei der Staatsregierung) Zweite Aktuelle Schluss mit grüner Energiepolitik: Antrag der Zunächst hat die einbringende Fraktion das Wort. Das Wort erteile ich Herrn Kollegen Urban.
