Kathleen Kuhfuß
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Kinder, Jugendliche und junggebliebene Gäste! Stellen Sie sich mal vor: In Sachsen gibt es viele kleine Think Tanks, die sich organisieren und für ihre Probleme nach Lösungen suchen. In dem einen Dorf ist es der Sportplatz, im Stadtteil 20 Kilometer weiter ist es die schlecht getaktete ÖPNV-Anbindung oder vielleicht der Wunsch nach einer Quartiersküche, in der die Kindergartenkinder, die Schulkinder, die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung, Seniorinnen und Senioren, Menschen in Elternzeit gemeinsam regionales Essen verzehren können, oder 7 Meilen weiter sind es junge Männer und Frauen, die wieder eine Feuerwehr in ihrem Dort etablieren wollen und sich mit den alten Feuerwehrlern zusammentun, um dies zu tun. Es gibt überall Zellen von Menschen, die etwas gemeinsam bewegen, weil sie gelernt haben, dass es Sinn macht, seine Ideen zu verfolgen, weil sie in der Lage sind, für ihre Ziele zu werben, weil sie es gelernt haben, Kompromisse auszuhandeln und weil es Orte gibt, an denen diese Prozesse unterstützt werden. Mir gefällt diese Bild von Sachsen, wo Menschen gemeinsam Probleme lösen, wo sie ihre Kompetenzen einsetzen und ihre Welt in die Hand nehmen. Was braucht es dazu? – Ganz einfach: Es braucht Selbstwirksamkeitserfahrungen. Wie schafft man die? – Durch Beteiligung, durch echte Teilhabe. Die Beteiligung und die Teilhabe, gerade von Kindern und Jugendlichen, ist dabei kein Selbstzweck, sondern er ist eine wissenschaftlich bewiesene Methode, um eine Gesellschaft handlungsfähiger und resilienter zu machen. Wenn Menschen die Erfahrung machen: Auf mich kommt es an, ich kann mitbestimmen, ich bin Teil der Lösung, ich möchte Verantwortung übernehmen, ich bin mündig, dann sammeln sie Erfahrungen, die wir in dieser Gesellschaft dringend brauchen, um unsere großen und unsere kleinen Probleme zu lösen. Sie werden auch zufriedener, weil sie Teil der Lösung sind, statt immer nur das Problem zu bewundern und zu beschreiben. Wie schaffen wir das nun? – Indem wir damit anfangen, Kinder und Jugendliche ernsthaft zu beteiligen, und zwar dort, wo sie den Tag verbringen, dort, wo sie leben und dort, wo sie es auch wollen. Einiges läuft in diesem Prozess schon ganz gut. Man kann zum Beispiel beobachten, dass es uns kommunalpolitisch immer besser gelingt, das Thema auf die Agenda zu setzen. Bei meiner letzten Sommertour ist mir nicht nur ein Gemeinderat begegnet, der gesagt hat: Es gelingt, Kinder und Jugendliche hierbei einzubinden. Das ist ein Standortvorteil für mein Dorf, weil hier Innovation produziert wird. Es ist vielleicht meine Chance, um die Abwanderung der Generation 16 plus zu stoppen. Was auch sehr gut in Sachsen gelingt ist, dass wir mehrere starke Unterstützer haben, zum Beispiel die Kinder- und Jugendbeteiligungsstelle des Kinder- und Jugendrings Sachsen oder auch das, was die deutsche Kinder- und Jugendstiftung macht, das, was in den Partnerschaften für Demokratie läuft. Dort sind hochprofessionelle Schätze entstanden, auf die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Stadträte und Abgeordnete, also Mandatsträger, zurückgreifen können, wenn sie sagen: Ja ich habe Lust, so etwas zu installieren. Was aber nicht gut läuft – darauf müssen wir auch schauen –, das sind die fragilen Orte für junge Menschen als Garanten für Beteiligung und Teilhabe. Wir bauen seit drei Jahrzehnten in Sachsen genau diese Orte aus Pappmaschee, die sich bei jedem Sturm auflösen, wo Mitarbeiter, egal ob ehrenamtlich oder hauptamtlich, wegrennen, wo junge Menschen keine Lust mehr haben sich wirklich langfristig zu binden. Was außerdem in Sachsen nicht gut läuft, ist, dass das ehrenamtliche Engagement unserer jungen Menschen nicht abgeholt wird. Ich zitiere gern noch einmal die Studie „Wie ticken unsere jungen Menschen in Sachsen?“ Dort wird deutlich, dass sich nur 15 % der jungen Sächsinnen überhaupt nicht ehrenamtlich engagieren. Das heißt im Umkehrschluss: 85 % tun es. Es heißt aber auch in dieser Studie, dass über 30 % der jungen Menschen mit den Orten der Freizeitgestaltung in Sachsen total unzufrieden sind. Nur 6 % suchen regelmäßig ein Jugendhaus auf oder nehmen an einer Ferienfreizeit teil. Sie tun das deshalb sehr oft nicht, weil diese Orte schier nicht vorhanden und überhaupt nicht erreichbar sind, insbesondere im ländlichen Raum. Schlussfolgernd müssen wir Folgendes feststellen: Wenn wir eine Gesellschaft und vielleicht auch eine neue, jüngere Generation wollen, die das Handwerkszeug von Mitbestimmung, von Verantwortungsübernahme, von Handlungskompetenz bekommt, dann müssen wir diese Orte und Strukturen stärken. Wir müssen sie sturmfest aufstellen. Mit Blick nach Chemnitz – das sei mir als Chemnitzerin erlaubt – oder auch in die ländlicheren Regionen haben wir diesbezüglich eine Menge zu tun. Der Wert von Mitbestimmung, von Teilhabe junger Menschen muss noch deutlicher hervorgehoben werden, weil wir ihn oft übersehen. Junge Menschen gibt es oft gar nicht mehr so viele, weil die Demografie das so macht. Junge Menschen sind oft auch nicht so gut vernetzt. Junge Menschen sind manchmal auch ein wenig plan- und orientierungslos. Das ist okay, das dürfen sie. Aber junge Menschen sind unsere Zukunft. Klar ist ihre Entscheidung, am Ort zu bleiben, –
