Kathleen Kuhfuß
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleg(inn)en! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir in Sachsen haben mit der Schulsozialarbeit ein echtes Erfolgsmodell. Wenn wir bundesweit schauen, sind wir einer der Spitzenreiter, was das Verhältnis von Schulen zu Schulsozialarbeitern angeht. Wir sind auf einem guten Weg, auch wenn – und das hat meine Vorrednerin schon deutlich dargestellt – wir noch nicht fertig sind mit dem Weg. Wir haben momentan ein Verhältnis von einem Schulsozialarbeiter auf ungefähr 620 Schüler(innen). Die Fachkriterien sagen: Ein Schulsozialarbeiter sollte auf 150 Schüler(innen) kommen. Es geht nicht darum, wie die AfD-Fraktion auf der rechten Seite ausgeführt hat, mehr erziehendes Personal an Schulen zu haben, sondern es geht darum, dass wir auch in Sachsen verstanden haben, dass Schule nicht mehr nur ein Lernort ist, sondern ein Lebensort geworden ist. Und an einem Lebensort spielt es nicht nur eine Rolle, dass man einen Lehrplan vermittelt bekommt, sondern an Lebensorten spielen Persönlichkeiten eine Rolle. An Lebensorten akzeptiert man, dass Persönlichkeiten auch mal straucheln. Jeder, der mal jung gewesen ist oder sich zumindest noch daran erinnern kann, weiß, dass es dabei nicht darum geht, Sachbeschädigung zu begehen oder seiner Aggressivität Ausdruck zu verleihen, sondern dass es Lebensfragen gibt, die man zwischen sechs und 18 Jahren hat und die geklärt werden müssen. Daran hat die Schulsozialarbeit einen ganz wichtigen Anteil. Bei aller Wertschätzung – und die können Sie mir abnehmen –, die ich gegenüber Lehrkräften habe, weiß ich, dass Lehrkräfte mit den Themen, die Kinder und Jugendliche in Schulen mitbringen, häufig und auch schnell überfordert sind. Schauen wir uns Mobbing an, schauen wir uns Umgang mit sozialen Medien an, schauen wir uns auch das Problem Mediensucht an, weil das Gehirn eines Zwölfjährigen eben manche Dinge nicht so gut verkraftet wie das Gehirn eines Dreißigjähren glaubt, es zu verkraften. Schauen wir uns das Thema Sexualaufklärung an, schauen wir uns das Thema Teenagerschwangerschaften an, schauen wir uns die Frage von Kindeswohl an, schauen wir uns verzweifelte Eltern an. Alles das sind Themen, die bei Schulsozialarbeiter(inne)n auf dem Tisch landen, und wir tun gut daran, wenn wir uns auch hier in diesem Haus weiter damit beschäftigen, wie wir das System Schulsozialarbeit und das System Schule gut zusammenbekommen, weil – auch wenn es ein Erfolgsmodell ist – wir hier bei Weitem noch nicht fertig sind. Schule akzeptiert mittlerweile Schulsozialarbeit, aber Schule ist noch nicht zu 100 % an dem Punkt angekommen, zu sagen: Wir akzeptieren den Ansatz von Schulsozialarbeit. Auch hier gehe ich gern noch mal auf meine Vorgängerin ein. Es ist eine sehr bewusste Entscheidung des Bundesgesetzgebers gewesen, zu sagen: Schulsozialarbeit ist Jugendhilfe. Jugendhilfe ist ein freiwilliges Angebot, nicht wie Schule; da sollte man pflichtgemäß hingehen. Schulsozialarbeit ist ein freiwilliges Angebot. Wir finanzieren Schulsozialarbeit über den Sozialhaushalt – übrigens unser größtes sozialpolitisches Projekt außerhalb des ganz strengen Pflichtenkanons –und das heißt auch: Schulsozialarbeit kann keine Kompensation für das System Schule darstellen und Unterrichtausfall kompensieren oder den Strafraum bewachen, in den alle die hingehen, die sich scheinbar gerade mal wieder nicht benommen haben im Unterricht, sondern Schulsozialarbeit ist ausschließlich den Schülerinnen und den Schülern verpflichtet und hat diesen zu dienen. Deshalb – bei allem Herzschmerz, den ich immer wieder bei dieser riesigen Summe habe, die wir quasi in das System Schule hineintragen – bin ich eine absolute Verfechterin dessen, dass es auch weiterhin bei der Jugendhilfe bleiben muss. Wir sind aber noch nicht fertig, was deren Ausbau angeht. Alexander Dierks hat es so schön gesagt: Politik hat auch die Aufgabe, Prioritäten zu setzen. – Wenn wir uns diese Prioritäten anschauen, dann muss es uns allen wehtun, dass wir noch knapp 80 Standorte mit Förderschulen haben, an denen wir keine Schulsozialarbeit haben. Zumindest diese 80 Standorte müssen wir schnell mit Sozialarbeit bestückt bekommen, weil Förderschulen ganz andere Bedarfe haben. Jetzt möchte ich keinem Gymnasiasten und keiner Gymnasiastin absprechen, dass sie Probleme haben, dass sie Dinge haben, über die sie sich gern entwickeln möchten, dass sie gern an Projekten teilhaben möchten. Aber das Thema Förderschule sollte uns ein Herzensanliegen sein, hier wirklich überall Schulsozialarbeit zu implementieren. Vielleicht müssen wir uns dabei als Land auch ein wenig über die Gebietskörperschaften stellen, weil sie das hätten machen können. Es ist nicht so, dass wir als Land hingehen und denen verbieten, das zu machen, sondern sie entscheiden das ja kommunalpolitisch im Landkreistag, wo sie das machen, und sie müssen noch ein wenig an dem Rädchen drehen und sagen: An jede Förderschule kommt Schulsozialarbeit, weil wir dort den Bedarf am allergrößten sehen. Ich bedanke mich in meinen letzten 10 Sekunden noch bei den Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern, die in der Corona-Zeit, die auch in ihrem Berufsfeld alles andere als ruhig und geordnet war, an der Seite von Schülerinnen und Schülern gestanden haben, für die Schulschließungen und Homeschooling eine besondere Herausforderung waren, und bedanke mich bei der SPD für diese Debatte. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN)
