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Antonia Mertsching

Die Linke 22.09.2022 Sitzungen 7/57

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Abgeordnete! Der Prioritätenantrag der Koalitionsfraktionen lautet: „Land-, Forst-, Ernährungswirtschaft und Gartenbau in der schulischen Bildung im Freistaat authentisch vermitteln“. Was aber heißt „authentisch“? „Authentisch“ heißt glaubhaft, stimmig. Wenn das der Anspruch ist, verstehe ich nicht, was dieser Antrag soll. Im ersten Teil lassen Sie sich vom Stand der Dinge berichten. Sie können das Ergebnis im EDAS nachlesen. Im zweiten Teil greifen Sie zum mildesten Mittel und ersuchen bzw. bitten die Staatsregierung, sich doch dafür einzusetzen, dass Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft und der Gartenbau wertschätzend vermittelt werden sollen. Im Begründungsteil erfährt man dann auch das Ziel. Ich zitiere: „Durch das Aufgreifen der Themen Land-, Forst-, Ernährungswirtschaft und Gartenbau in Verbindung mit Umwelt- und Klimaschutz soll ein breites Verständnis für die wirtschaftliche Nutzung natürlicher Ressourcen erreicht, das Bewusstsein für einen sorgsamen, nachhaltigen und respektvollen Umgang mit Natur und Umwelt geschärft und die Wertschätzung für die Arbeit der Landwirtinnen und Landwirte erhöht werden.“ Dann hört es auch schon auf. Aber was vermittelt tatsächlich Wertschätzung für unser täglich Brot? Ich zitiere: „Bei der Erziehung ist das Beispiel die Hauptsache, ohne dieses hilft alles Belehren und Zureden nichts.“ Und in diesem Fall ist es ganz simpel das praktische Beispiel: dass man sich um ein Beet beständig kümmern muss, dass Bärchenwurst nicht aus Bären gemacht wird, dass Tomaten und Erdbeeren nicht im Winter wachsen oder dass jeden Tag Fleisch essen einfach ungesund und ökologisch schädlich ist. Wenn Kinder und Jugendliche also erfahren könnten, wie lange es dauert, bis etwas gewachsen und erntereif ist, welchen Aufwand man betreiben muss, damit Obst, Gemüse und Getreide wachsen, wie Tiere gehalten, gemolken und geschlachtet werden, was die Zubereitung von Essen bedeutet, dann könnten wir tatsächlich von authentischer Vermittlung sprechen. Für all das bräuchte man Schulküchen und Schulgärten. Wenn Sie Ihr Anliegen ernst nehmen würden, stünde etwas davon im Antrag. Aber dazu habe ich leider nichts gefunden. Es ist eher das Gegenteil der Fall, wie eine Kleine Anfrage meiner Kollegin Luise Neuhaus-Wartenberg zeigte: Die Staatsregierung weiß nicht einmal, wie viele Schulen über eine eigene Schulküche verfügen. Ich zitiere: „Es wird statistisch nicht erfasst, ob die Mittagsversorgung von Schulküchen, Essenausgaben, Cateringfirmen oder von den kooperierenden Kindertageseinrichtungen abgesichert wird.“ Auf diese Weise findet witzigerweise eine authentische Vermittlung statt, allerdings wahrscheinlich zum Gegenteil hin. Auch an Schulen wird also mit geringster Wertschätzung für regional produzierte Nahrungsmittel täglich Essen serviert, das nicht einmal den Gesundheitsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung entspricht. Dabei wird weder die Bedeutung des saisonalen Aspekts noch Wertschätzung für die harte und komplexe Arbeit der Nahrungsmittelproduktion und -zubereitung vermittelt. Also eigentlich alles in bester Ordnung? Oder wollten Sie mit Ihrem Antrag etwas anderes erreichen? Vielleicht so etwas wie mehr Interesse an grünen Berufen? Dieses entsteht zwar sicherlich, wenn man schon in jungen Jahren mit ihnen in Kontakt kommt, richtig. Ob aus Interesse aber auch eine konkrete Umsetzung wird, hängt doch von einem anderen Umstand ab, nämlich: Welchen Stellenwert haben denn diese Berufe in unserer Gesellschaft? Dass sie unsere Lebensgrundlage organisieren, steht außer Frage. Doch welchen Stellenwert geben wir Nahrungsmitteln und ihren Produzentinnen und Produzenten? Wie kann es sein, dass regional produziert teurer ist als von weit importiert – und dass die Produzentinnen und Produzenten hier wie drüben trotzdem darunter leiden? Wie kann es sein, dass ich an der Supermarktkasse selbst entscheiden darf, ob ich Schokolade mit oder ohne ausbeuterische Kinderarbeit kaufe – und sich andererseits heutzutage immer mehr Menschen fragen, welches Essen sie sich überhaupt noch leisten können? Es läuft etwas gewaltig schief in der Herstellung unseres täglich‘ Brots und unserer Versorgung. Der Beruf des Landwirts oder der Gartenbauerin ist ein Knochenjob, über Subvention organisiert und immer wieder mit massiven Kapitalinvestitionen konfrontiert. Von einer EU-Landwirtschaftspolitik, die sozialversicherungspflichtige Jobs fördert statt Flächenbesitz, sind wir weit, weit entfernt. Wir können Ihren Antrag nicht ablehnen, weil er keinen Schaden anrichtet. Wir können ihm aber auch nicht zustimmen; dazu müsste er die Forderung nach Schulgärten und Schulküchen enthalten. Er müsste ein für alle Kinder kostenloses Mittagessen fordern, das im besten Fall mit den Kindern in den Schulen nach DGE-Standards gekocht wird, aus regionaler Produktion oder fair gehandelt. Doch davon sind wir noch viel weiter entfernt. Wir werden uns daher enthalten. (Beifall bei den LINKEN) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Kollegin Mertsching sprach für die Fraktion DIE LINKE. Nun die Frage von mir: Wird eine zweite Rederunde gewünscht? Ich frage CDU, BÜNDNISGRÜNE und SPD, ob Redebedarf besteht. – Das sehe ich nicht. Dieselbe Frage an die AfD. – Da gibt es Redebedarf. Kollege Prantl, bitte schön.

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