Hanka Kliese
Sehr geehrte Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mädchen erhalten häufiger Bildungsempfehlungen für das Gymnasium. Demgemäß machen Mädchen dann auch häufiger Abitur. Und tatsächlich sind bei Mädchen auch im Durchschnitt die Noten des Abiturs besser. Warum ist das denn so? Zunächst, und das besitzt eine empirische Evidenz – das sind keine gefühlten Fakten, das ist Empirie –, sind Mädchen klar im Vorteil, was das Lernverhalten angeht. Sie besitzen oftmals mehr Selbstdisziplin und eine höhere Lernkompetenz, eine positivere Lerneinstellung und passen damit besser in unser derzeitiges Bildungssystem in Deutschland, in dem Disziplin nach wie vor eine Rolle spielt. Man kann das natürlich infrage stellen; aber das ist nicht das Thema der heutigen Debatte. Das können wir gern mal anderweitig diskutieren. In der Tat ist es so, dass Mädchen an dieser Stelle durch ihr Lernverhalten im Vorteil sind. Wenn es nun aber so ist, dass Mädchen häufiger Abitur machen, dass ihre Noten besser sind – warum ist es denn am Ende so, dass sich das in unserer Arbeitswelt überhaupt nicht widerspiegelt? Dafür sind die Gründe sehr vielfältig. Sie sind eben nicht so eindimensional, wie das vorhin herüberkam, dass es angeblich nur daran liegt, dass Mädchen sich die falschen Berufe – die sozialen, schlecht bezahlten Berufe – aussuchen. Es gibt sehr viele Gründe dafür. Ein wesentlicher Grund ist – und auch das ist empirisch bewiesen –, dass Frauen viel häufiger in Berufen arbeiten, für die sie überqualifiziert sind. Es gibt sehr interessante Statistiken, dass Frauen, die Akademikerinnen sind, sich viel häufiger, wenn sie arbeitslos sind, für Berufe bewerben, die man als Akademikerin normalerweise dem Abschluss gemäß nicht unbedingt annehmen sollte, als männliche arbeitslose Akademiker. Das ist eine Tatsache. Eine weitere Tatsache wurde schon ins Feld geführt, das ist die Teilzeit. Bis zum sechsten Lebensjahr der Kinder müssen Eltern zum Teil aufgrund der schwierigen Betreuungszeiten in den Kitas oder ihrer schwierigen Arbeitszeiten in Teilzeit arbeiten. Hauptsächlich machen das Frauen, viel häufiger als Männer. Das führt dann wiederum dazu, dass diese Frauen klassisch in die Armutsfalle für ihr Alter treten. Das heißt, diese Frauen sind jetzt schon von Altersarmut bedroht – nicht, weil sie zu wenig arbeiten, sondern weil sie in der Zeit Sorgearbeit leisten. Das ist ein großes Problem. Ein weiterer Grund sind Stereotype. Mädchen werden mit Rollenstereotypen groß – Jungs übrigens auch – und suchen sich oftmals diesen Stereotypen gemäß ihre Berufe aus, die, wie es bereits schon mehrfach ausgeführt wurde, leider die schlechter bezahlten sind. Nun bin ich nicht dafür hier vorn, um die ganzen Probleme noch einmal zu referieren. Ich glaube, die Bestandsaufnahme der Istsituation ist von einigen hier schon deutlich zum Tragen gekommen. Wir wollen heute auch nach vorn schauen und fragen: Was kann man dagegen machen, dass es so ist, wie es momentan noch ist? – Da gibt es eine sehr gute Nachricht für alle, die hier im Hause die Sparfüchse sind: Es gibt eine Maßnahme, die kostet keinen Cent. Sie hat etwas mit Bewusstseinswandel, mit Denken zu tun. Da möchte auch keiner etwas von irgendeinem Kuchen. Das kostet nämlich gar nichts. Es geht darum, dass man Stereotypen entgegenwirkt. Es ist so, dass wir alle mit Stereotypen nolens volens groß werden. Das haben wir uns alle nicht ausgesucht, das passiert, ob wir das wollen oder nicht. Wir werden alle mit Geschlechterstereotypen groß. Die gute Nachricht ist aber: Wir können sie erkennen, und wenn wir in der Lage sind, sie zu erkennen, dann können wir ihnen auch entgegenwirken. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, der uns in diesem Fall weiterhelfen kann. Was hilft außerdem? Es wurde schon ausgeführt: der Mindestlohn. Natürlich hilft der Mindestlohn, weil Frauen vorrangig von Niedriglöhnen betroffen sind. Der Mindestlohn hilft, die Lücke zu schließen. Ein weiteres Mittel sind Tarifverträge, Tarifverträge, Tarifverträge. Tarifverträge sind ein probates Mittel zum Schließen der Lohnlücke. Ein weiteres Mittel, das ich jedoch ambivalent bewerten möchte, ist der Ausbau der Kindertagesstätten. Ja, es ist wichtig für die alleinerziehende Mutter, dass sie eine Kindertagesstätte hat, die es ihr ermöglicht, beispielsweise ihren Beruf im Einzelhandel fortzuführen. Ganz ehrlich: Mein Ziel und meine Vision ist nicht eine Gesellschaft, in der sich Kinder und Mütter weiter flexibilisieren und sich weiter den Arbeitszeiten anpassen müssen, damit die alleinerziehende Mutter auch jeden Abend bis 22 Uhr bei Edeka an der Kasse sitzen kann. Mein Ziel und meine Vision ist eine Gesellschaft, in der sich der Arbeitsmarkt auch an die Bedürfnisse von Kindern und Müttern anpassen kann. Das ist ein Punkt, der mir in der Debatte sehr wichtig ist. Natürlich brauchen wir 24-Stunden-Kitas; für einige Berufszweige ist das sehr wichtig. Aber gehen Sie einfach davon aus, dass auch berufstätige Mutter – ich kann das zumindest von mir so sagen und ich kenne viele Frauen, denen es genauso geht – das Bedürfnis haben, einfach Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Diese gibt ihnen der Ausbau des Betreuungssystems nicht zurück; da muss sich der Arbeitsmarkt flexibilisieren. Jetzt komme ich zu meinem letzten Punkt, da meine Redezeit gleich abläuft: Was kann man noch machen, um die Gleichstellung im Freistaat Sachsen voranzubringen? Ein modernes Gleichstellungsgesetz! Das wäre das probateste Mittel. Der öffentliche Dienst hat eine Vorbildfunktion. Ich wünsche mir, dass die PISA-Siegerinnen von heute im Freistaat Sachsen im öffentlichen Dienst morgen genau die Angebote bekommen, die ihnen zustehen. Dafür brauchen wir ein modernes Gleichstellungsgesetz. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD, den BÜNDNISGRÜNEN sowie vereinzelt bei der CDU und den LINKEN)
