Dr. Matthias Rößler
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich stelle nun die Drucksache 7/9746 zur Abstimmung und bitte bei Zustimmung um Ihr Handzeichen. – Vielen Dank. Gegenstimmen? – Danke. Stimmenthaltungen? – Keine. Damit ist die Drucksache 7/9746 nicht beschlossen. Der Tagesordnungspunkt ist beendet. Meine Damen und Herren! Ich rufe auf Schule und Lernen – sozial. Jetzt! der Fraktion DIE LINKE um 6 000 gestiegen. Gleichzeitig sind aber, wenn man es zusammenrechnet, nur 38 Lehrkräfte mehr gestartet. Das steht in keinem guten Verhältnis. Unsere Lehrkräfte sind an vielen Stellen völlig überfordert, weil die Belastungen immer mehr werden und sie ihren Unterricht noch weniger flexibel gestalten können. An vielen Schulen mangelt es den Kindern an ordentlicher Betreuung. Ständig fällt ihr Unterricht aus, und sie haben oft keinen geregelten Schultagesablauf. Parallel dazu flattern gerade unzählige Briefe zum Lehrermangel in Sachsen bei uns herein. Sie enthalten Forderungen wie Ausbau der Lehrerausbildung, Schaffung neuer Studiengänge außerhalb der klassischen Orte Chemnitz, Leipzig und Dresden, Erhöhung der Attraktivität der Lehrerausbildung oder mehr Personal für pädagogische Unterstützungsmaßnahmen. Nichts davon kann man ignorieren. Wir sollten das auch nicht ignorieren. All das – das muss ich sagen – fordern wir als LINKE schon geraume Zeit, um nicht zu sagen: schon Jahre. Des Weiteren wird uns Folgendes mitgeteilt: Erstens. Werden die altersbedingten Abminderungsstunden gekürzt oder gestrichen, dann werden die älteren Kolleginnen und Kollegen eher die Schule verlassen, und es fallen weitere Unterrichtsstunden aus. Zweitens. Werden Abminderungen für spezielle Aufgaben und Funktionen gekürzt, finden Schulen noch schwerer Fachleiter(innen) und Fachberater(innen). Aufgaben außerhalb des Unterrichts bleiben liegen. Ich will dazu nur auf die Digitalisierung verweisen. Drittens. Werden Pflichtstunden erhöht, werden Bewerber(innen) genau schauen und vergleichen, ob sie das wirklich mitmachen wollen. Zudem wird sich der überlastungsbedingte Krankenstand weiter erhöhen. Das waren alles Zitate aus den Briefen. Deshalb geht eine einfache Rechnung – wir lassen die Lehrkräfte einfach mehr arbeiten, und dann schaffen sie den Lehrplan oder mehr Stunden – im realen Leben eben nicht auf. Das reale Leben ist keine Mathematik, und Lehrkräfte sind keine Variablen in einer Gleichung. Lösungen können keine Flickschusterei mehr sein. Sie müssen breit getragen und vor allem unter den Betroffenen – und die Bezeichnung „Betroffene“ wähle ich hier ganz bewusst – diskutiert werden. Wir fordern ein Sofortprogramm, ohne aber das Grundsätzliche aus den Augen zu verlieren: die soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem. Unser Sofortprogramm bildet dabei drei Stränge ab, die alle ineinandergreifen. Diese möchte ich kurz skizzieren. Der erste Strang: Wir müssen zusehen, dass wir Lehrkräfte für jede Schule, jedes Fach und jede Region gewinnen. Dafür müssen natürlich auch unkonventionelle Wege gegangen sowie bürokratische Berge einfach mal liegen gelassen werden. Niemand wird sich später daran erinnern, dass dieses oder jenes Formular nicht korrekt ausgefüllt wurde, sondern hoffentlich daran, dass jede Schülerin und jeder Schüler trotz schwieriger Zeit gut vorbereitet aus der Schule ins Leben entlassen wurde. Möglichkeiten könnten dabei sein: Damit Lehrkräfte eben auch Lust auf ländliche Regionen haben, braucht es Anreize, zum Beispiel die kostenfreie Nutzung des ÖPNV. Vielleicht gibt es ja Student(inn)en eines fachwissenschaftlichen Studiums, die man für bestimmte Unterrichtsfächer gewinnen kann. Ausländische Abschlüsse, aber auch erbrachte Leistungen von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern sollten schnell und unbürokratisch anerkannt werden. Wir sollten uns in den Verwaltungen umschauen; es gibt hier in Sachsen Menschen mit pädagogischen oder fachwissenschaftlichen Hochschulabschlüssen, die man in diesem oder vielleicht in einem kommenden Schuljahr als Lehrkraft einsetzen könnte – selbstverständlich freiwillig. Das hätte einen wunderbaren Nebeneffekt: den Perspektivwechsel. Der zweite Strang: Zur Ehrlichkeit gehört eben – und Ehrlichkeit ist an dieser Stelle sehr wichtig –, dass die Lehrpläne in ihrer jetzigen Form einfach nicht zu schaffen sind. (Staatsminister Christian Piwarz: Ach!) Deshalb müssen die Lehrpläne dringend zur Kur und sich entschlacken lassen. Diese Ehrlichkeit nimmt Druck vom Kessel; das ist wichtig. Gleiches gilt für die derzeitigen Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer. Das heißt zum Beispiel, man lässt die jeweilige Schulkonferenz bei zu wenigen Lehrkräften eigenverantwortlich entscheiden, welche Fächer sie wie anpassen will, oder darüber, wie die Schulstunden am Tag zu begrenzen sind und wie der Unterrichtsbeginn zeitlich anzupassen ist; gerade seit Beginn von Corona ist das eigentlich nichts Neues mehr, finde ich. Das sollte auch mit der digitalen Infrastruktur klar sein, mit geschultem Personal für digitale Lernangebote. Wir haben es schon so oft gesagt, wiederholen es aber gerne: Es braucht außerschulische Lernorte wie Bibliotheken, Museen, Konzerthäuser, Forschungszentren und, und, und – sowie auch externe Bildungsträger oder Menschen aus der Berufspraxis. Ich sehe darin eine absolute Bereicherung. Das hat ganz direkt mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun. Steht denn nicht häufiger die These im Raum, dass die Kinder in der Schule Dinge lernen, die sie später nie brauchen werden? Wäre das denn noch so, wenn immer wieder mal eine Tierärztin, eine Archäologin oder ein Tischler vor ihnen stünde? Dritter und letzter Strang: Eine Schule besteht ja nicht nur aus Lehrkräften sowie aus Schülerinnen und Schülern. Dort findet doch sehr viel mehr statt, und dieses Mehr sollte ausgebaut werden. Das heißt, es werden mehr Menschen gebraucht, die Verwaltungsaufgaben übernehmen: in der Schulassistenz, in der Schulpsychologie und in der Schulsozialarbeit. Kostenfreies Schulessen und ein ÖPNVTicket für die Kinder sollten das Mindeste sein.
