Sabine Friedel
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als Letzte in der Runde hat man immer die Schwierigkeit, dass schon viele Aspekte angesprochen worden sind. Das ist auch eine Chance und etwas Positives; denn es gibt mir die Gelegenheit, mich auf einen der drei Aspekte, die im Debattentitel genannt wurden, zu konzentrieren, nämlich den Fachkräftebedarf, und vielleicht eine besondere Perspektive einzubringen, von der ich glaube, dass sie es wert ist, gehört zu werden. Ich beginne einmal mit dem Positiven: Wir haben in diesem Schuljahr, in diesem Ausbildungsjahr wieder einen Anstieg der abgeschlossenen Lehrverträge für die duale Ausbildung. Die Zahl ist um 7 % gestiegen, und das ist in diesem Jahr nicht zum ersten Mal der Fall, das war auch schon letztes Mal so. Das Erfreuliche daran ist, dass sich die künftigen Fachkräfte, der Nachwuchs, inzwischen etwas mehr für das Handwerk interessieren. Das ist auch Ergebnis der Politik in diesem Haus; denn wir bemühen uns seit vielen Jahren, die Oberschulen als das Rückgrat des Handwerks und der sächsischen Wirtschaft zu stärken. Wir haben sie flächendeckend mit Praxisberatern ausgestattet, die Berufsorientierung intensiviert, Praktika anders organisiert, Werkstattphasen ermöglicht, den Arbeitskreis Schule/Wirtschaft in vielen Landkreisen gestärkt, und insgesamt ist gerade von den Oberschulen sehr viel getan worden, was großen Respekt und große Wertschätzung verdient. Ich hätte jetzt geklatscht. Das ist nicht so schlimm. Es könnte sich noch mehr tun. (Beifall bei der SPD und den BÜNDNISGRÜNEN) Die Kolleginnen und Kollegen aus dem Bildungsausschuss erinnern sich vielleicht daran: Vor zwei Wochen hatten wir den Bürgerrat Bildung hier im Haus. Das ist ein zufällig zusammengesetztes Gremium aus Bürgerinnen und Bürgern, aus allen Altersgruppen und Berufen, auch Schülerinnen und Schüler waren dabei. Die haben uns vorgestellt, was sie wichtig finden, was sich in der Schule ändern muss. Ganz oben stand die Bitte, der dringende Wunsch, das Bedürfnis nach mehr lebensnahem Lernen. Das gipfelte in dieser schönen Feststellung, die eine Schülerin machte, nachdem sie uns gesagt hat, dass sie in der 3. Klasse Werken das ganze Jahr Werken-Regeln aufgeschrieben hat. Sie sagte am Ende – vielleicht haben es manche im Fernsehen gesehen: „Wir haben dieses Schuljahr nicht ein Brett zersägt.“ Was lustig klingt, hat einen ernsthaften Hintergrund. Es ist für Schülerinnen und Schüler immer schwerer, den Wert von handwerklicher Arbeit überhaupt zu erfassen. Woher denn? Wir haben Schulen, die sie zu Schreibtischarbeiterinnen und Schreibtischarbeitern ausbilden – durch die Bank weg. Eine Schule wird nicht lebensnah und praxisorientiert, wenn nur der Text der Sachaufgabe lebensnah und praxisorientiert formuliert wird. Ich kann eine Fläche nicht dann besonders gut ausrechnen, wenn in der Sachaufgabe steht: Die Fläche befindet sich in einem Schulhaus. Ich könnte einfach die Klasse und Maßbänder nehmen, das Schulhaus ausmessen und rechnen. Schon habe ich etwas an Bewegung, an Lebensnähe, an Praxisorientierung im Unterricht gewonnen. (Beifall bei der SPD und den LINKEN) Wir haben in Sachsen den Zweig „Produktives Lernen“. Das ist eine Art, Schule zu machen, und richtet sich an Jugendliche, die abschlussgefährdet sind. Dort läuft Schule anders. Da ist man drei Tage in der Praxis und zwei Tage in der Lernwerkstatt in der Schule, und Praxis heißt dort, in einem Betrieb, in einem Unternehmen zu arbeiten. Es ist möglich mit diesem anderen Programm. Das zielt auf Eigenständigkeit, auf Kompetenzentwicklung. Es ist möglich, damit einen Hauptschulabschluss zu machen. Warum sollte es nicht möglich sein, mit nur einer kleinen Einführung in das produktive Lernen an allen Schulen Realschuloder Abiturabschlüsse zu ermöglichen? Das ist momentan nicht möglich, weil wir andere Standards in der Schule haben. Ich nehme das Stichwort von Herrn Ritter zum Thema Standardabbau gern auf. Wir müssen auch unsere Bildungsstandards an Schulen überprüfen. Wenn Sie sich die Stundentafeln in der Oberschule anschauen, dann stellen Sie fest, dass Werken in der Klasse 4 endet und WTH in Klasse 7 beginnt. Dadurch habe ich aber auch nicht viel Auseinandersetzungen mit Werkstoffen, sondern meist mit Lehrstoffen, vom Gymnasium ganz zu schweigen. Es gab vor Jahren einen Beschluss des CDU-Parteitages, den auch wir sehr begrüßt haben, WTH auch an Gymnasien einzuführen. Wo ist er hin? Wir haben das nicht. Hier muss sich noch sehr viel tun. (Zuruf des Abg. Sören Voigt, CDU) Das beginnt bei den Lehrkräften, aber auch beim Kultusministerium, das seine Lehrpläne, Stundentafeln überdenken und Drive in die Sache bringen muss. Es betrifft auch die Universitäten, die ihre Lehramtsausbildung auch dazu nutzen müssen, praktisches Lernen zu vermitteln, und wieder das Kultusministerium, das solche Inhalte auch in die Lehramtsprüfungsordnung schreiben muss. Das sind viele Ressorts, das ist eine gemeinsame Aufgabe. Mit ein wenig mehr Mut können wir viel mehr erreichen als jetzt schon passiert. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD, den LINKEN, den BÜNDNISGRÜNEN und der Staatsregierung) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Wir beginnen mit der nächsten Runde. Es beginnt wieder die CDU-Fraktion. Herr Dr. Meyer, bitte.
