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Nico Brünler

Die Linke 13.07.2022 Sitzungen 7/53

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir führen regelmäßig hier im Plenum diese Debatte, in der wir uns gegenseitig der Bedeutung des Handwerks versichern, nach der Eigenkampagne der Handwerkskammern: „Das Handwerk. Die Wirtschaftsmacht. Von nebenan.“ Ich muss sagen, in Sachsen ist es vielfach mehr. In vielen Regionen in Sachsen ist das Handwerk strukturbestimmend und das Fundament unserer Wirtschaft. Von daher ist es richtig, gut und wichtig, dass wir uns heute hier damit befassen und darüber sprechen, auch nicht zuletzt als Signal der Wertschätzung. Aber es geht nicht nur um schöne Traditionen. Es nutzt nichts, wenn den Debatten letztendlich keine Konsequenzen folgen. Wenn wir über Fachkräftemangel sprechen, dann ist das hier in Sachsen vor allem ein Handwerkermangel. Laut dem Engpassmonitor der Bundesagentur für Arbeit sind die meisten Engpassberufe derzeit Handwerksberufe. Unter den Top 10 der Engpassberufe in Sachsen finden sich als Erstes zwar Pflegeberufe, aber dann kommen das Lebensmittelhandwerk, die Klempnerei, Sanitär, Heizung und Klimatechnik. – Ich frage mich: Wie soll das mit der Energiewende funktionieren, wenn wir das Personal dazu nicht haben? – Dann kommen die Mitarbeiter des Tiefbaus. Es wird immer diskutiert, der Ausbau des Glasfasernetzes sei ein Konjunkturpaket für das Handwerk. Aber ich frage mich: Wie soll das ein Konjunkturpaket sein, wenn das Personal dafür nicht vorhanden ist? Ich könnte die Liste weiter fortsetzen: Bodenverlegung, Mechatroniker – überall haben wir hier im Lande Mangel. Nun können wir als Landtag nicht beschließen, dass es plötzlich genug Fachkräfte gibt. Aber wir können uns zumindest schon die Frage stellen, wie es dazu kommen konnte und inwieweit die Rahmenbedingungen falsch sind. Gerade im Handwerksbereich trifft dieser Mangel eher kleine als größere Betriebe, da die großen oft besser bezahlen können, bessere Angebote machen. Das hat auch damit zu tun, dass die Industrie in der Regel eine bessere Kapitalausstattung und entsprechend eine höhere Effizienz hat. Umgekehrt ist das Handwerk natürlich viel arbeitsintensiver, kann aber oftmals maßgeschneiderte, individuelle und passendere Lösungen anbieten. Das Handwerk ist an sich nicht schlechter, sondern es hat eine andere Kostenstruktur als die Industrie. Das muss sich letztendlich auch im Steuersystem niederschlagen. Wir müssen darüber nachdenken, ob wir den Faktor Arbeit nicht doch anders besteuern als das Kapital. Wir müssen die Besteuerung des Faktors Arbeit letztendlich zulasten einer Kapitalbesteuerung weiter zurückfahren, allgemein gesagt, wir müssen uns Gedanken darüber machen, ob unser Steuersystem tatsächlich noch nachhaltig ist. Die zweite Frage: Fachkräftemangel. Wie ist die Wertschätzung des Handwerks? Wir haben seit gefühlt 20 Jahren immer wieder eine Diskussion, dass wir in Deutschland eine zu geringere Akademikerquote haben. Meistens vergleichen wir uns mit Großbritannien oder den USA, diskutieren aber nicht darüber, dass das Ausbildungssystem in diesen Ländern anders ist, dass ein akademischer Abschluss in Großbritannien oder den USA etwas anderes besagt. Nein, diese Debatte um eine zu geringe Akademikerquote nützt uns nichts, sondern, das muss man sagen, in letzter Konsequenz hat sie uns geschadet, weil sie ein Grund dafür ist, warum wir momentan gerade im Handwerksbereich Fachkräftemangel haben; denn wir erzählen den jungen Leuten immer: Hochqualifiziert bist du nur, wenn du studiert hast. – Das stimmt aber nicht. Trotz aller Reden, die wir heute hier führen, bilden wir die Wertigkeit einer handwerklichen Ausbildung auch in unserem praktischen Handeln als Land nicht ab. Wir haben Investitionsprogramme für Unis und Forschungsinstitute. Ja, ich weiß, die Träger von Berufs- und Handwerksschulen sind andere. Die sind nicht der Freistaat Sachsen. Aber nichtsdestotrotz kann sich der Freistaat hier keinen schlanken Fuß machen, sondern muss gezielt in die Infrastruktur investieren und den jungen Menschen zeigen: Eine handwerkliche Ausbildung ist eine gute Ausbildung, eine hochqualifizierte Ausbildung, die sich lohnt. Ein weiterer Punkt: Wir fordern immer lebenslanges Lernen, aber – und da sind wir ganz ehrlich – was ist denn das deutsche Ideal? Das deutsche Ideal ist: einmal Bäcker, immer Bäcker. Welche Chance hat heutzutage – sagen wir einmal – ein vierzigjähriger studierter Kulturwissenschaftler, der immerhin nach dem derzeitigen Rentensystem noch 27 Berufsjahre vor sich hat, wenn er in der Mitte des Lebens vielleicht noch eine Bäckerlehre beginnen will? Haben wir dafür entsprechende Förderinstrumente und Systeme, die das nicht nur Jugendlichen ermöglichen, sondern vielleicht auch Menschen, die Familie haben, die laufende Kosten haben? Man muss auch ein Stück weit kritisch ans Handwerk sagen: Haben wir eine Kultur, dass ein vierzigjähriger Bewerber eine Ausbildung beginnen kann? Ich glaube, wir haben alle gemeinsam in unserer Gesamtkultur viel zu tun, dafür zu sorgen, dass Handwerk auch in Zukunft goldenen Boden hat. – In einer zweiten Runde möchte ich mich noch mit der Frage der Bürokratie auseinandersetzen. Vielen Dank. (Beifall bei den LINKEN) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Für die BÜNDNISGRÜNEN Herr Liebscher, bitte.

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