Sabine Friedel
Vielen Dank, Herr Präsident. Ich muss noch kurz auf einen Aspekt eingehen, weil ich glaube, dass er wichtig ist und noch nicht genug angesprochen wurde. Das ist das Thema Angst. Ich denke, das ist ein wesentlicher Kern in dieser Debatte. Es gibt Menschen, die haben Angst vor dem Fliegen. Die kann ich nicht mit Zahlen überzeugen, dass das Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel der Welt ist, wie viele Millionen Kilometer es unfallfrei fliegt usw. usf. Sie haben Angst vorm Fliegen und behalten sie auch angesichts der Zahlen. Sie fliegen nicht. Ich glaube, Angst spielt auch hier eine entscheidende Rolle, nämlich die Angst, dass der schlimmste Fall eintritt, dass ich mich gegen Corona impfen lasse und sterbe. Da kann man natürlich genauso mit Zahlen argumentieren, wie ich das hier versucht habe, als ich sagte: In zwei von einer Million Fällen passiert so etwas. Das nimmt die Angst nicht weg. Das ist aber nicht die einzige Angst. Genauso sehr haben Menschen Angst, dass sie sich mit Corona infizieren und sterben. Auch diese Angst kann man nicht mit Zahlen wegnehmen. Selbst wenn ich sage, 10 000 von einer Million ist nicht so viel – die Angst bleibt trotzdem da. Worüber wir hier reden, das ist: Wessen Angst wiegt schwerer? Das ist der eigentliche Kern. Wenn Menschen unfreiwillig in ein Krankenhaus müssen, wenn Menschen auf eine Pflegestation müssen, wenn sie ohnehin schon in einem schwierigen gesundheitlichen Zustand sind und dann Angst haben müssen, sich tödlich mit Corona zu infizieren, und zwar unter Umständen, die vermeidbar gewesen wären, dann finde ich, dass diese Angst nicht weniger berechtigt ist als die Angst, einer von zweien von einer Million zu sein. Die schlimme Situation, in der wir alle miteinander, aber vor allem die Gesundheitsämter vor Ort sind, ist zu entscheiden: Wie gehen wir mit diesen Ängsten um und wie sorgen wir dafür, dass diese Ängste das Versorgen von kranken Menschen nicht allzu sehr beeinflussen? Angesichts einer solchen Situation hier so zu argumentieren, so einen Klamauk zu machen und diese grundsätzlichen ethischen und moralischen Fragen nach Freiheit und Freiwilligkeit völlig wegzuwischen, halte ich in dieser Debatte wirklich für unwürdig. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD, der CDU, den BÜNDNISGRÜNEN und der Staatsregierung)
