Kathleen Kuhfuß
Sehr geehrter Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben im letzten Jahr das Sächsische Landarztgesetz beschlossen. Wie Frau Schaper schon angeführt hat, besteht die Aktualität heute wohl darin, dass zum 1. April die Bewerbungsphase startet. Um zu sehen, wie wir zu diesem Landarztgesetz und zu der Landarztquote gekommen sind, ist es schon wichtig, noch einmal zu betrachten, was denn die AfD wollte und wie der Kompromiss aussieht, den wir in der Koalition erreicht haben. Das Modell der AfD war aus unserer Sicht ein Knebelvertrag, der eben nichts mit der Selbstbestimmung junger Menschen, welchen Beruf sie ergreifen möchten, zu tun hatte. Was wir jetzt als Kompromiss in der Koalition haben, ist der Versuch, eine Balance zwischen Anreiz und Stimulation hinzubekommen, indem wir schauen, dass junge Menschen, die vielleicht nicht den Numerus clausus erreichen, um im allerersten Anlauf einen Medizinstudienplatz zu bekommen, die Chance erhalten, Landarzt zu werden. Dass dies sinnvoll ist, kann ich Ihnen aus meinem erweiterten Bekanntenkreis berichten. Es gibt junge Menschen, die schon sehr früh wissen, dass sie gerne eine medizinische Karriere starten möchten, die das Abitur aber nicht mit einem Schnitt von 1,1 oder 1,2 oder 1,3 absolvieren, sondern – wie etwa in meinem Fall – mit 2,0. Trotzdem haben sie sich in Berufspraktika im Krankenhaus herumgetrieben, haben ein FSJ im Klinikum vor Ort absolviert und sich dann vielleicht für eine generalistische Ausbildung als Gesundheitsfachkraft entschieden; sie haben aber immer noch den Wunsch, Medizin zu studieren. Genau diese jungen Menschen hatte ich im Blick, als es damals darum ging, dieses Landarztgesetz zu verabschieden, diejenigen, die vor Ort sehr gebunden sind, die aber eben keinen Eins-Komma-irgendwas-Schnitt im Abitur haben, sondern eine große Leidenschaft für den Beruf mitbringen. Ihnen verschaffen wir hiermit eine Möglichkeit. Diese jungen Menschen binden sich, indem sie sich für das Landarztmodell entscheiden, für zehn Jahre, in denen sie dann in eine Region mit ärztlicher Unterversorgung gehen. Ich glaube aber, es geht wirklich zu wenig in die Tiefe, wenn man sich jetzt ausschließlich das Studienmodell anschaut. Wir brauchen auch andere Arbeitszeitmodelle und andere Perspektiven für junge Menschen, die Ärzte werden. Nicht jeder Arzt, nicht jede Ärztin möchte eine Praxis übernehmen – mit zum Teil sehr langen Öffnungszeiten in den Abendstunden; denn Sie und ich gehen auch gerne um 19:15 Uhr noch einmal beim Arzt vorbei. Nicht jede junge Frau, jeder junge Mann möchte gern danach noch Notarztdienst und Hausbesuche absolvieren. Die Perspektive „Ich übernehme eine Einzelpraxis“ heißt eben auch „Ich werde Unternehmerin, ich werde Unternehmer“. Auch das ist etwas, was nicht alle jungen Ärztinnen und Ärzte wollen. Die Pressemitteilung der Sächsischen Landesärztekammer, die diese Woche zu uns ins Haus geflattert kam, hat gezeigt, dass ein angestellter Arzt zu sein um das 2,5-Fache zugenommen hat. Das heißt, es gibt eine Tendenz von jungen Menschen, sich im Arztberuf anstellen zu lassen. Das müssen wir einfach auch akzeptieren. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in der Einzelpraxis schwierig. Es gibt ein finanzielles Risiko als Einzelunternehmer, und es kommt noch ein Drittes dazu: Die jungen Ärztinnen und Ärzte haben in ihrem Studium gelernt, dass es Sinn macht, interdisziplinär zusammenzuarbeiten. Das lässt sich hervorragend in medizinischen Gesundheitszentren oder auch in Gesundheitsregionen verbinden. Also, nicht jeder möchte für sich in seiner Praxis allein arbeiten, sondern es zusammen machen. Diese Modelle der medizinischen Gesundheitszentren und Gesundheitsregionen versuchen wir gerade, in die Rahmenbedingungen zum Sächsischen Krankenhausgesetz neu einzupassen, um diesen Wachstumspfad zu verstärken. Wenn wir über Ärztinnen und Ärzte reden, reden wir auch darüber, dass es die Sachsenkinder sind, die wir gern hierbehalten wollen. Aber zu der Ehrlichkeit gehört eben auch dazu, dass wir in der Generation der jetzt kommenden Sachsenkinder zu wenig sind, um alle Bedarfe in Wirtschaft, Verwaltung und Sozialwirtschaft aufzugreifen. Deshalb müssen wir uns natürlich auch damit beschäftigen, dass wir über ausländische Ärzte, und das sind momentan 3 000 in Sachsen, diese Bedarfe befriedigen. Was brauchen wir, um ausländische Ärzte hier zu haben? Wir brauchen attraktive Orte, die sie willkommen heißen. Wir brauchen Orte im ländlichen Raum, an denen Ärztinnen und Ärzte, die keine Biodeutschen sind, die noch eine andere Sozialisation haben als deutsch, sich wohlfühlen. Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Aufgabe, dass wir daran gesellschaftlich arbeiten, dass wir diese Ärztinnen und Ärzte hier halten können. Eine Zahl möchte ich gern noch nennen, weil wir immer hier im Raum über Wirtschaftsmigranten und Asylflut und Ähnliches reden. Die Zahl der syrischen Ärzte ist von 52 auf 334 gestiegen. Das heißt, diese Bevölkerungsgruppe hier zu integrieren, ist nicht nur humanitär sinnvoll, –
