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Lucie Hammecke

GRÜNE 23.03.2022 Sitzungen 7/46

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! Zu Beginn möchte ich kurz auf die vorherigen Redebeiträge eingehen. Ich möchte Frau Neuhaus-Wartenberg danken für Ihre überleitenden würdevollen Worte von einem sehr besonderen Tagesordnungspunkt zu dieser Aktuellen Debatte. Ich möchte ganz klar dem Framing widersprechen, das Herr Dr. Weigand versucht, immer und immer wieder zu perpetuieren: dass die Einschränkungen und die Hygieneschutzmaßnahmen natürlich nur beschlossen wurden, um den Erzieherinnen und Erziehern das Leben schwer zu machen oder um Kinder zu ärgern. Das ist doch völliger Quatsch. (Dr. Rolf Weigand, AfD: Sie haben keine kleinen Kinder!) Nein, Sachsen befand sich gemeinsam mit dem Rest der Welt in einer weltweiten Pandemie und es wurden Maßnahmen beschlossen, um vor einer Erkrankung zu schützen, von der mittlerweile viele hier im Raum wissen, dass es keinen Spaß macht sie zu erleben, und die vielen Menschen auf der Welt das Leben gekostet hat und für die es für die Kleinsten der Gesellschaft noch keinen Impfschutz gibt. Das musste ich noch einmal kurz klarstellen. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU, den LINKEN und der SPD) Aber nun zum Thema der Debatte. Vor zwei Wochen, am 8. März, wurden die Kitas bestreikt. Die Verbindung zwischen dem feministischen Kampftag und dem Erziehungsberuf kann mit einem einfachen Blick auf die Zahlen hergestellt werden. 92 % der Erzieher sind Frauen. Auch im sozialen Bereich allgemein sind die Beschäftigten mehrheitlich weiblich, ganze 84 %. Diese für das Funktionieren einer Gesellschaft essenziellen Berufsfelder sind seit jeher weiblich geprägt. Wenig überraschend, wenn man sich mit patriarchalen Strukturen im Erwerbsleben befasst, sind die unterdurchschnittlich schlechten Arbeitsund Lohnbedingungen. Spätestens am Equal Pay Day eines jeden Jahres, dieses Jahr am 7. März, werden diese Zahlen in der Öffentlichkeit diskutiert. Es sind überproportional Frauen, die im Niedriglohnsektor tätig sind und bereits zu Hause im Schnitt 87 Minuten mehr Sorgearbeit übernehmen, und dann unterdurchschnittlich bezahlt, aber sehr gut ausgebildet ihren Job machen. Das ist kein Zustand, den man als Gesellschaft hinnehmen kann oder schlicht auf die Jobwahl jeder Einzelnen verweisen kann im Sinne von „hätte sie sich doch einen besser bezahlten Beruf gesucht“. Das ist ein Zustand, der keiner sein sollte. Menschen in den Sozial- und Erziehungsberufen übernehmen für die Gesellschaft systemrelevante Aufgaben. Das hat sich in der Pandemie auch sehr klar gezeigt. Ohne Kinderbetreuung könnten auch die restlichen Dinge in unserer Gesellschaft nicht laufen, was noch einmal eindeutig zeigt, dass wir Frauen nicht vorwerfen dürfen, sich einfach besser bezahlte Jobs zu suchen, sondern, dass wir uns glücklich schätzen können, dass Fachkräfte diese Tätigkeiten ausführen. Ich möchte auch betonen, dass es sehr zentral um die Arbeitsbedingungen der Menschen in sozialen und Erziehungsberufen geht; denn es macht einen Unterschied, ob eine Erzieherin sich um zwölf oder nur um sieben Kinder kümmern muss. Das zeigt sich auch in den aktuellen Zahlen des Berufsatlasses der Krankenkasse Barmer. Menschen, die sich tagtäglich um andere Menschen in Kindergärten, Horten, Krippen oder als Tagesmutter kümmern, sind deutlich häufiger krank als die meisten anderen Berufsgruppen. Häufigster Grund für Krankschreibungen waren psychische Erkrankungen, gefolgt von Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Die Initiative von Verdi „Mehr braucht mehr“, die den Titel der aktuellen Debatte geliefert hat, macht daher zu Recht eindeutig klar: Mehr Bildung braucht mehr Fachkräfte, mehr Verantwortung braucht mehr Gehalt, mehr Entlastung braucht mehr Personal. Die Gewerkschaften leisten hier mit den gerade stattfindenden Tarifverhandlungen, die auch in verschiedenen Redebeiträgen anklangen, einen wichtigen Beitrag für mehr Lohngerechtigkeit und bessere Arbeitsbedingungen. Aber auch wir hier in Sachsen können und müssen weiter daran arbeiten, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern, die Berufe für junge Menschen attraktiv bleiben und sie gleichzeitig fair entlohnt werden. Nachdem es zuvor bereits einen Zuschuss zum Schulgeld gab, wurde die Schulgeldfreiheit für angehende Erzieher(innen) und Heilerziehungspfleger(innen) eingeführt. Die mittelbaren pädagogischen Tätigkeiten werden angerechnet und Praxisanleiter(innen) werden für zwei Stunden pro Woche vom Gruppendienst freigestellt. Mit einem Fachkräfte-Monitoring soll regional differenziert der Bedarf an Erzieher(inne)n in der Ausbildung und in den Einrichtungen frühzeitig erkannt werden, um darauf reagieren zu können. Mittel- und langfristig brauchen wir mehr Fachkräfte in den Einrichtungen. Deshalb soll die berufsbegleitende und akademische Ausbildung verstärkt und damit langfristig die Fachkraft-Kind-Relation verbessert werden. Das ist ein ganz zentraler Einflussfaktor für gute Arbeitsbedingungen. Daraus resultieren Entlastung für das Personal, kleinere Gruppen, mehr Zeit für das einzelne Kind. Sehr geehrte Abgeordnete! „Mehr braucht mehr“ – es lohnt sich, diese Debatte zu führen. Es lohnt sich, sie jetzt zu führen, aber es lohnt sich auch, sie immer wieder zu führen. Ich bin froh, dass wir hier in Sachsen vorangehen. Ich danke aber auch der LINKEN für die Anmeldung der Aktuellen Debatte. Vielen Dank. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, den LINKEN und der SPD) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Es folgt jetzt die SPD-Fraktion, Frau Abg. Pfeil.

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