Wolfram Günther
Sehr geehrter Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Warum widmen wir uns dem Thema regionale Wertschöpfung in der Landwirtschaft? Einfach, weil es selbsterklärend ist. Wir müssen und wollen den ländlichen Raum stärken. Wir wollen gleichzeitig die sächsische Volkswirtschaft stärken. Das gelingt nur, indem wir alle Beteiligten in der gesamten Wertschöpfungskette vom Hof über die Weiterverarbeitung bis zum Handel zusammenbringen und überall dort Wertschöpfung entstehen lassen. Wir haben den Istzustand, dass genau das an ganz vielen Stellen nicht im Freistaat Sachsen passiert. Das sind die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Diese Trends müssen wir jetzt nicht nur stoppen, sondern sie umkehren. Das ist eine sehr breit angelegte Aufgabe. Wir verbinden diese Ziele mit den anderen Aufgaben, die in der Landwirtschaft anstehen, nämlich Umweltziele, Ziele der tiergerechten Haltung und nicht zuletzt verlässliche Einkommensperspektiven für die Landwirtinnen und Landwirte und für alle Beschäftigten in der Landwirtschaft. Das alles zusammengenommen ist unser Arbeitsauftrag. Ein weiterer Punkt ist das Wachstumsthema: Ökolandbau, Bioprodukte im Konsum. Das müssen wir verzahnen, damit wir nicht nur mehr Bio, sondern, wenn der Biomarkt wächst, mehr Regio-Bio haben. Auch das gehört dazu. Die Zeiten sind günstig dafür, was die Nachfrage anbelangt: Sie ist nach regionalen und BioProdukten stetig gewachsen. Deswegen ist es gut, dort hinein zu investieren. Die Direktvermarktung in Deutschland hat 2020 einen Zuwachs von 31 % zum Vorjahr bekommen. Dieser Anstieg hat sich im vergangenen Jahr verstetigt. Genauso gab es bei der Erzeugung von BioLebensmitteln im Vorjahr einen Anstieg um 22 %. Auch das verstetigt sich. Es betrifft beide Themen: Es ist für alle betriebswirtschaftlich klug, dort jetzt hineinzugehen. Was leiten wir davon ab? Allein für die Lebensmittel haben wir drei Säulen. Wir sagen: Wenn dort mehr passieren muss – vom Absatz her gedacht –, dann sowohl im Lebensmitteleinzelhandel als auch in der hier vielfach angesprochenen Direktvermarktung, aber auch in der Außer-Haus-Verpflegung. Das ist die Gastronomie, das sind aber auch die Kantinen, in denen etwa 30 % der Lebensmittel abgesetzt werden. Neben den Lebensmitteln stehen jedoch noch all die anderen Produkte. Landwirtschaft macht bekanntlich weitaus mehr. Sie produziert Fasern – wir haben schon den Hanf angesprochen –, aber es gibt da auch noch andere Produkte. Sie produziert beispielsweise auch nicht fossilen Kohlenstoff. Deshalb gehören etwa Systeme wie Agroforstsysteme ebenso dazu. Dort verbinden wir das wieder mit Umweltzielen, weshalb wir etwa Agroforstsysteme jetzt gezielt an Gewässerränder bringen wollen. Wir gehen dieses Thema strategisch an. Wir sagen nicht: „Wir machen mal etwas in dem Thema“, sondern wir wollen die Strukturen hier in Sachsen langfristig ändern. Wenn man jahrzehntelang gewachsene Strukturen verändern will, damit sie tatsächlich mehr Regionalität ausweisen, dann sind das eben sehr, sehr dicke Bretter, die man bohren muss, und dann geht das auch nicht von heute auf morgen. Was machen wir dort alles? Die Zeit wird hier wahrscheinlich kaum reichen, all diese Instrumente anzusprechen, die wir gerade angehen. Das eine sind natürlich die Förderinstrumente: Wir haben die europäische Agrarförderung gerade in einem langen, schwierigen Prozess von letzten Jahr bis in dieses für eine Ökologisierung der Landwirtschaft, aber auch für mehr Regionalität verändert. Da geht es immerhin für den Förderzeitraum von 2023 bis 2027 um 718 Millionen Euro, die wir hier in die sächsische Landwirtschaft fließen lassen können. Da haben wir die einzelnen Maßnahmen angepasst, vor allem in der zweiten Säule, nämlich die Agrarumwelt- und Klimaschutzmaßnahmen nicht nur für den ökologischen Landbau, sondern auch für regionale Wertschöpfung und für Investitionen in artgerechte Tierhaltung. Doch wir haben auch ein Existenzgründungs- und Hofnachfolgeprogramm etwa gegen den Ausverkauf unserer Betriebe. Das alles werden wir, nachdem wir es jetzt aus eigenen sächsischen Mitteln bestreiten, dann in den LEADER-Programmteil überführen. Wir haben auch die gesamten Förderkonditionen angepasst, insbesondere für Landwirtschaftsbetriebe in der Direktvermarktung, zum Beispiel die Hofläden, die wir angesprochen haben, damit das systematisch besser funktioniert. Natürlich sichern wir ab, dass die Aufwendungen für die sächsischen Betriebe, die sich auf Öko umstellen lassen wollen, ausfinanziert sind. Wir hatten schon angesprochen, dass das ein Wachstumsmarkt ist – und zwar nicht nur in der Nachfrage, sondern auch bei den Umstellern. Hier wachsen wir stetig, und zwar sehr stark. Andere Mittel sind etwa die GAP und der Europäische Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds von 2021 bis 2027. Dort unterstützen wir strategisch die regionale und wirtschaftlich tragfähige Fischproduktion, vor allen Dingen in der Lausitz, aber auch darüber hinaus. Wir nutzen ebenfalls die Instrumente der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz, der GAK, damit Unternehmen der Ernährungswirtschaft in Vorhaben der regionalen Wertschöpfung investieren. Das sind immerhin noch einmal 3 Millionen Euro jährlich. Dazu kommen Sonderprogramme, wie etwa im vergangenen Jahr die Mehrwertinitiative, die im Millionenumfang in regionale Wertschöpfungsketten investiert hat. Seit dem Jahr 2020 wird jährlich – das kommt in diesem Jahr also zum dritten Mal – unser eku-ZUKUNFTSPREIS des Ministeriums aufgelegt, der eine ganze Reihe von Projekten, die besonders innovativ sind, unterstützt. Dort waren unter anderem kleine Hofläden dabei. Aber da geht es bis zu Schlachtkapazitäten etc., also die gesamte Bandbreite. Neben den Förderinstrumenten geht es um die gezielte strategische Herausforderung, Vermarktungsstrukturen zu verbessern, resiliente, kurze Wertschöpfungsketten, direkte Beziehungen zwischen Erzeugern und Verbrauchern zu schaffen. Da haben wir unser Regionalportal. Dahin kann ich immer wieder alle einladen: www.regionales.sachsen.de. Das wurde richtig ausgebaut. Das ist ein Suchportal, in dem man alle Betriebe, Anbieterinnen und Anbieter, aber auch Verbrauchergenossenschaften finden kann. Das sind mittlerweile knapp 400 Anbieter, davon sind nur etwa 80 Bio. Nur einmal am Rande: Es wird die Geschichte erzählt, wir würden immer nur Bio fördern, die konventionelle Landwirtschaft aber nicht. Das wird aber nicht dadurch richtiger, dass man es immer wiederholt. Hier sind es also 392 Anbieter, davon 77 Bio. Da kann jetzt jeder mit Hilfe der Minusrechnung ermitteln, wie viele konventionell anbieten. Uns geht es um beides: Wir wollen Regionalität und wollen, wenn wir Bio machen, Bio mit Regionalität verbinden. Ich glaube, das ist die richtige Strategie. Die Zugriffszahlen auf dieses Portal haben sich verdreifacht, seit wir es eingerichtet haben. Allein im Jahr 2021 gab es eine Steigerung um 34 %. Wir haben jetzt schon circa 100 000 Besucher auf dieser Webseite. Es lohnt sich also, dort hineinzuschauen. Sie finden dort alles, was Sie regional kaufen wollen. Liebe Verbraucherinnen und Verbraucher, bitte werben Sie bei Ihren Erzeugerinnen und Erzeugern, dass Sie dort mit hineingehen. Wir haben im letzten Jahr das Regionalfenster Sachsen eingeführt, damit man endlich Klarheit erhält, welches Produkt aus Sachsen kommt. Wir haben es geschafft, mit diesem Kennzeichnungssystem zu vereinbaren, dass das sächsische Wappen neben dem Regionalfenster platziert wird. Das ist bisher einmalig in Deutschland. Das ist ebenfalls ein Beitrag zur Regionalität, denn ich kann nur regional kaufen, wenn ich das irgendwie erkennen kann. Es gibt daneben noch eine ganze Reihe von Initiativen, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Dazu gehört zum Beispiel die Öffentlichkeitsarbeit zum Tag des offenen Hofes. Hier geht es mit dem Bauernverband nicht nur um Bio, sondern darum, dass man die Betriebe vor Ort erleben kann. Da gibt es eine sehr große Palette. Schauen Sie sich das an. In diesem Jahr starten wir dieses Programm wieder. Wir finanzieren die Servicestelle „Lernen in der Agrarwirtschaft“. Dabei geht es darum, dass dort strukturell Umweltbildung für Schülerinnen und Schüler stattfindet, die auf Bauernhöfe kommen oder verschiedenste andere Module machen. Suchen Sie das einmal im Netz. Das stellen wir ebenfalls sehr breit auf. Außerdem unterstützen wir gemeinschaftsgetragene Vermarktungsformen. Die solidarischen Landwirtschaften sind schon angesprochen worden. Diese unterstützen wir nicht nur mit Fördermitteln in erheblichem Umfang, wir organisieren mit ihnen auch gemeinsam Fachworkshops oder Forschungen zu kooperativen Vermarktungsformen am LfULG. Wir haben InnoLand-Sachsen-Vorhaben gefördert: „Nachhaltig aus der Krise“ für nahversorgende Lebensmittelerzeuger. Da gibt es einen bunten Blumenstrauß. Wir haben es geschafft, die Bio-Regio-Modellregionen starten zu lassen. Das war wirklich ein hartes Stück Arbeit. Da haben wir in ganz konkreten Regionen individuelle Konzepte zur regionalen Wertschöpfung erstellt. Dort haben wir Menschen, Kümmerer, die jetzt voll bezahlt werden, weil sich jemand des Themas annehmen muss, wie die Erzeugerinnen und Erzeugern ihre Produkte tatsächlich regional verkaufen können. Wir haben zwei Projekte gestartet. Ende letzten Jahres gab es die „Stadt-Land-Brücke 4.0 – Lausitz goes Dresden“. Da haben wir die regionale Erzeugung in der Lausitz auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Großstadt Dresden. In einem zweiten Projekt geht es darum, Regionalwert in der Lausitz selbst zu schaffen. Es ist nicht nur ein Thema, Nachfrage für Regio und Bio in großen Städten zu schaffen, sondern wir brauchen das landesweit. Wir werden Anfang des Jahres noch eine dritte Region starten lassen. Da sind die Beratungen in der Endphase. Wir werden im Jahr 2023 über ELER weitere Bio-Regio-Modellregionen starten, weil wir das flächenhaft ausbreiten wollen. Dann gibt es diese Strukturen ganz konkret. Daneben gibt es Info- und Medienkampagnen, vom SMEKUL beispielsweise zehn gute Gründe für Bio-Regio. Infos für Eltern und Kinder finden Sie im Internet außerdem unter www.bio.sachsen.de. Wir arbeiten viel mit dem Bauernverband zusammen. Wir haben Influencer-Kampagnen, eine Kochbox, Instagram-Werbung, alles Mögliche. Wir machen die Bio-Erlebnistage auf sächsischen Biohöfen. Das haben wir im Jahr 2021 zum ersten Mal aus dem Ministerium heraus gestartet. Wir erhoffen uns, dass wir das mit den Verbänden zusammen in diesem Jahr verstetigen können. Es gibt neben der Förderung der Vermarktungsstrukturen ein drittes Standbein der Wertschöpfung, nämlich Kompetenz und solide Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Dazu haben wir sehr viele verschiedene Module zum Wissenstransfer, zur Vermarktung im Einzelhandel. Wie schaffen wir es, dass unsere Landwirtschaftsbetriebe tatsächlich auf höchstem Niveau mit dem Handel zusammenkommen können? Diese Betriebe sind nicht immer unbedingt Vermarktungsstrategen. Da haben wir Online-Seminare für Erzeugerinnen und Erzeuger gestartet, die den Einzelhandel direkt beliefern wollen, damit Regionalität dort nicht nur ein Marketinginstrument ist, sondern tatsächlich funktioniert. Wir haben da drei eigene Veranstaltungen des SMEKUL durchgeführt mit über 70 Teilnehmenden. Darunter waren auch große Handelsunternehmen. Da gab es eine Vielzahl von Gesprächen, die ich auch persönlich mit dem Lebensmitteleinzelhandel geführt habe. Das betraf auch die großen Ketten wie Rewe, Edeka, Konsum, Verbrauchergenossenschaften. Das geht hin bis zu Aldi, mit denen wir sprechen, damit wir die Absatzmengen bekommen und der Handel tatsächlich die regionalen Produkte abnimmt. Wir haben im Januar das Kompetenzzentrum Ökolandbau gestartet, in dem wir Wissenstransfer, hofnahe Verarbeitung, Modelle und Know-how haben. In diesem Zusammenhang bringen wir alles ein, was der allgemeinen Landwirtschaft zur Verfügung gestellt wird. Wir machen Regionalmarketing und haben zusammen mit den Akteuren eine große Machbarkeitsstudie mit mehreren Fachworkshops und Verbändebeteiligungen durchgeführt. Wir haben im Januar die Sächsische Agentur für Regionale Lebensmittel – AgiL – mit Sitz in Leipzig ihre Arbeit aufnehmen lassen. Dabei geht es ganz konkret darum, in der BioRegio-Modellregion regionalspezifisch landesweit Strukturen aufzubauen, die dies unterstützen. Dazu gibt es nicht nur Infos, sondern auch Beratungen, Workshops, Schulungen und Exkursionen – all das kann man sich dort abholen. Daneben gibt es viele andere konkrete Themen, in denen wir für Regionalität arbeiten, etwa das Thema Schlachtmöglichkeiten. Es würde jetzt jeden Rahmen sprengen, das Bündel einzelner Maßnahmen zu benennen, mit denen wir dort dran sind. Neben diesen konkreten Wertschöpfungspunkten haben wir das Thema Außer-Haus-Verpflegung. Auch hierbei werden Vernetzungen geschaffen, beispielsweise mit der Bio-Regio-Kantine; denn in der Gemeinschaftsverpflegung liegt ein Riesenpotenzial. Dort haben wir eine Arbeitshilfe für Vergabestellen, damit bei der öffentlichen Vergabe von Kantinenaufträgen Regio und Bio eine Rolle spielen können. Dies ist deutschlandweit betrachtet worden, weil sich dort noch niemand so richtig herangetraut hat. Dort ist bis hin zu juristisch geprüften Handlungsempfehlungen und konkreten Textbausteinen etwas enthalten. Wir führen Veranstaltungen durch, etwa „Reuse & Rebe“, bei denen wir Weinverarbeitung und Fischproduktion zusammenbringen. Wir haben „Küchenwunder“ und die Landhausküche auf der Messe ISS GUT! Ich könnte dies noch endlos fortsetzen; das führt dann aber nur dazu, dass Sie ganz viel zusätzliche Redezeit bekommen. Deshalb breche ich hier einfach ab. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN und der CDU)
