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Antonia Mertsching

Die Linke 10.02.2022 Sitzungen 7/45

Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Die Debatte heute ist wichtig; Volkmar Zschocke hat es gesagt. Erst einmal klingt es nach einem Wohlfühlthema, aber es ist eigentlich eine ziemlich schwierige bzw. kritische Debatte. Regionalität ist wichtig, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen – Sie haben es gesagt, und das fehlt leider auch in der Überschrift –, sondern vor allen Dingen aus ökologischen Gründen. Wenn die Lebensmittel vor Ort produziert werden, haben sie kurze Wege und sind auf die Ressourcen angewiesen und zurückzuführen, die hier vor Ort zur Verfügung stehen. Wenn wir uns regionaler ernähren, ist das ein Beitrag zur Nachhaltigkeit, ein besserer Beitrag zum Ressourcenschutz und vor allem zum Klimaschutz. Die Debatte über dieses Thema ist längst überfällig. In der zweiten Runde reden wir bestimmt über die Bio-Regio-Modellregion, die es in anderen Bundesländern schon seit 20 Jahren gibt. In Bayern gibt es bereits 27 dieser Regionen, in Hessen 13 und in Baden-Württemberg 14. Schwierig – Frau Springer hat es angesprochen – ist die Definition des Begriffs Regionalität. Wählt man als Bezugsrahmen ein Bundesland aus, muss ich aber sagen: Wenn ich in Weißwasser lebe, sind Produkte aus Polen teilweise näher als die aus dem Erzgebirge. Deswegen ist der Kilometerradius wahrscheinlich eine bessere Bezugsgröße, um Regionalität zu definieren. Auf der anderen Seite muss ich auch fragen, was das Produkt beinhaltet: Geht es nur um Sachen, die hier produziert worden sind, oder um die, die weiterverarbeitet sind? Dazu braucht es Richtlinien, die das Ganze transparent machen und die Lücken aufzeigen. Vielleicht gibt es regionale Getreideproduzenten, die ihr Getreide auch zu Brot verarbeiten, aber manchmal nicht alle Zutaten zur Verfügung haben und diese zukaufen müssen. Wenn diese aber nicht mehr aus der Region kommen, muss es auf irgendeine Art und Weise gekennzeichnet werden. Man braucht den Mut zur Lücke, um anzuzeigen, dass Regionalität schwierig zu definieren ist. Schwierig an der Regionalität ist auch, dass hier drei Akteure zusammenkommen müssen: Die einen sollen die regionalen Produkte einkaufen, die anderen müssen sie produzieren, und wieder andere müssen sie vermarkten. Fangen wir einmal bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern an. Bei Umfragen geben die meisten an, dass sie auf regionale Produkte zurückgreifen. Tatsächlich sind das aber nur 20 %. Ausschlaggebend dafür ist auf der einen Seite der höhere Preis. Das ist aber meistens noch nicht einmal das ausschlaggebende Argument. Die auschlaggebendsten Argumente sind Alltagstauglichkeit und Zeit. Kann ich auf dem Weg zur Arbeit oder sonst wohin nebenbei noch einkaufen gehen? Kann ich mich entsprechend organisieren? Will ich Umwege fahren oder nicht? Auf der anderen Seite ist es die Auswahl, die durch Regionalität begrenzt ist. Regionalität bedeutet auch immer, dass es bestimmte Produkte nur zu bestimmten Zeiten gibt. Nachdem bei uns die meisten Menschen zu jeder Jahreszeit Tomaten essen wollen, sind wir bis jetzt darauf angewiesen, zu jeder Jahreszeit Tomaten aus allen Weltregionen zu importieren. Die meisten Menschen sind noch daran gewöhnt, jeden Tag Kolonialwaren wie zum Beispiel Bananen, Kaffee oder Schokolade zu konsumieren. Auch diese Produkte müssen weiterhin importiert werden; denn sie sind regional nicht verfügbar, und bei uns gibt es eine Anspruchshaltung, dass immer alles zur Verfügung stehen muss. Auf der anderen Seite stehen die Produzentinnen und Produzenten. Gerade wenn sie kleinere Betriebe haben, müssen sie sich damit herumschlagen, dass die meisten Gesetze und Verordnungen nur für Großbetriebe erlassen worden sind und für sie deshalb häufig unüberwindbare Hemmnisse, wie zum Beispiel Vorgaben zur Lebensmittelproduktion, darstellen. Kontrolleure bemängeln dann, dass ein Raum zum Beispiel zu klein ist oder ein Gerät nicht mehr den neuesten Richtlinien entspricht, obwohl alles im Grunde ordnungsgemäß verläuft. Schließlich kommen noch die Vermarkter. Sie haben damit zu tun, dass manche Nahrungsmittel, die aus der Region kommen, nur begrenzt verfügbar sind oder dass es bei der geforderten Menge Lieferschwierigkeiten oder Mängel bei der Qualität gibt. Sie haben auch mit den ganzen Einzelanlieferungen und den Einzelabrechnungen oder der zusätzlichen Kennzeichnung einen erhöhten Arbeitsaufwand. Hinzu kommt eine geringe regionale Vernetzung, sodass nicht alle potenziellen Produkte aus der Region bekannt sind, die verteilt werden können. Bei diesen drei Akteuren stoßen wir schon auf Probleme, das Thema Regionalität voranzubringen. Das Ganze steht auch noch in einem größeren gesellschaftlichen Kontext; denn wir müssen uns immer noch fragen, ob die Marktlogik die Beste ist, um die produzierten Nahrungsmittel aus unserer Region zu verteilen. Darüber können wir uns aber in der zweiten Runde noch einmal unterhalten. Vielen Dank. (Beifall bei den LINKEN)

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