Martina Jost
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr verehrte Damen und Herren Abgeordnete! Mein Kollege Thomas Kirste hat zu unserem Antrag bereits ausgeführt. Ja, politische Begriffe wie „Mohr“ oder auch „Knabe“ und „Zwerg“ werden gestrichen, weil sie politisch unerwünscht sind. Ich muss sagen: Die Kollegen Sodann, Frau Dr. Maicher und Herr Richter – in seinem perfekten Framing – haben wieder den richtigen Bogen geschlagen, um unseren Antrag hier in einen Kontext zu stellen, der überhaupt nicht vorhanden ist, um uns hier zu diffamieren. Wir halten dagegen – nicht, weil wir es gut finden, jemanden als „Mohr“ oder „Zwerg“ zu bezeichnen, sondern weil es nicht einzusehen ist, dass man vergangenen Jahrhunderten unsere heutigen Moralvorstellungen überstülpt. (Zuruf des Abg. Valentin Lippmann, BÜNDNISGRÜNE) Die Vergangenheit verändert ihren Ablauf nicht, wenn man historische Bezeichnungen zensiert. Man erschwert nur die Erkenntnis. Schauen wir uns doch einmal ihre Gegenargumente an: Erstens wird immer wieder behauptet, dass die wenigsten Titel neuzeitlicher Kunstwerke auf den Künstler selbst zurückgehen. So etwas wie einen historischen Titel gebe es gar nicht; man könne ihn also ohne schlechtes Gewissen ändern. Eine Bezeichnung ist eben nicht nur dann historisch, wenn sie auf den Schöpfer selbst zurückgeht. Das gilt gerade für Werke aus der frühen Neuzeit, die oft reine Auftragsarbeiten waren. Im Grünen Gewölbe finden sich zahlreiche Kunstwerke, die seit Jahrhunderten dieselbe oder ähnliche Bezeichnungen tragen. An dieser Stelle nenne ich nochmals das Beispiel zweier sogenannter Figuren eines Hottentotten, angekauft im Jahr 1705. Für die Kunstsammlung ist dieser Name Grund genug, einzuschreiten. Das Wort „Hottentotten“ wurde im Onlinekatalog mit Sternchen versehen und zensiert. Das Problem: Die Figuren heißen seit 300 Jahren so; das belegt eine Rechnung aus dem Jahr 1705. Etliche Generationen von Sachsen sind mit diesen Begriffen, mit dieser Bezeichnung aufgewachsen. Einen solchen Namen zu zensieren, ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern man meint, Museumsbesucher wie ein Kind an die Hand nehmen zu müssen. Halten Sie unsere sächsischen Bürger eigentlich wirklich für so dumm? Ja, die Welt vor 300 Jahren war eine andere als heute. Ich kann Ihnen versichern: Die Museumsbesucher sind sehr wohl in der Lage, das einzuordnen. Das zweite Argument: Viele Objektbezeichnungen stammten nicht einmal aus der Epoche, in der sie entstanden sind. Erst durch die moderne Forschung könne man sagen, wer oder was wirklich dargestellt ist. Wenn es neue Erkenntnisse gebe, müsse man Namen eben ändern. In Wahrheit gibt es in den Museen auf der ganzen Welt Abertausende Kunstwerke, die erst durch die Nachwelt benannt wurden. Niemand stört sich daran. Bestes Beispiel ist die „Venus von Willendorf“ – eine kleine Kalksteinfigur, fast 30 000 Jahre alt, heute im Naturhistorischen Museum in Wien zu finden. Wir wissen weder, was sich der Künstler bei diesem Werk gedacht hat, noch wen es wirklich darstellen soll. Aber eines ist sicher: Es ist keine Venus, denn diese Bezeichnung stammt aus dem 20. Jahrhundert. Und dennoch würde wohl niemand auf die Idee kommen, dieses Artefakt anders zu bezeichnen oder umzubenennen. Den Museumsbesuchern ist doch klar, dass dieser Name nicht wirklich aus der Steinzeit stammt! Warum werden bestimmte Namen im Onlinekatalog geschwärzt? – Die Antwort ist ganz einfach: weil es in dem einen Fall der Politik genehm ist, dass bestimmte Begriffe verwendet werden, auch wenn sie historisch sind, und in dem anderen Fall eben nicht, (Zurufe der Abg. Sabine Friedel, SPD) zum Beispiel beim sogenannten „Mohr mit der Smaragdstufe“, neuerdings politisch korrekt als „**** mit der Smaragdstufe“ bezeichnet – wir haben es bereits gehört. Wie die Forschung heute weiß, handelt es sich nicht um einen Mohren, also einen Afrikaner, sondern um einen amerikanischen Ureinwohner. Dieser Begriff kann heute beleidigend aufgefasst werden. Aber bedeutet das, dass wir diesen Namen unbedingt zensieren müssen? Wir sagen: Nein, es hätte völlig ausgereicht, dort die kontexthistorische Bezeichnung zu setzen. Schließlich hat ein solcher Name aufgrund seines Alters selbst eine museale Bedeutung. Ein solcher Name verkörpert die Rezeptionsgeschichte in besonderer Weise. Er verrät darüber, wie das Kunstwerk im Laufe der Jahrhunderte wahrgenommen wurde. Wenn man die Bezeichnung schwärzt oder ändert, geht diese Bedeutungsebene komplett verloren, und unter diesem Gesichtspunkt ist das Vorgehen der Kunstsammlungen vor allem eines: antiaufklärerisch. Kommen wir zum nächsten und zum letzten Argument. Gerade einmal 0,01 % würden jetzt hier mit dem Namen verändert. Zweiter Vizepräsident André Wendt: Gestatten Sie eine Zwischenfrage, Frau Kollegin Jost, am Mikrofon 1?
