landtag.sachsen.de ↗

Luise Neuhaus-Wartenberg

Die Linke 18.11.2021 Sitzungen 7/38

Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ich fand es richtig, was Sabine Friedel vorhin gesagt hat: dass es nach der vorherigen Debatte irgendwie befremdlich ist, über die großen Prognosen zu reden. Trotz alledem finde ich, dass es richtig ist, darüber zu reden. Es ist vor allem richtig, jetzt über die Erkenntnisse, Wahrnehmungen und Eindrücke aus der Corona-Pandemie zu reden und es als Kriterium zu nutzen, wie wir in den nächsten Jahren planen und vorausschauend agieren können. Wir haben meiner Meinung nach eine besondere Verantwortung. Das zeigen nicht nur die prognostizierten Zahlen, sondern auch das, was wir gerade erleben. Deshalb einige Punkte von uns, von denen wir denken, was vernünftig wäre: Das Erste ist, glaube ich, für uns ein großer Merksatz: Wenn wir weiter an dem Status quo festhalten, wie er jetzt ist, werden wir nicht weiterkommen. Das heißt, es braucht nicht nur den Ersatz für Lehrerinnen und Lehrer bzw. Lehrkräfte, die jetzt aus dem System herausgehen, sondern wir brauchen weitaus mehr. Das muss klar sein. Die Corona-Pandemie hat es gezeigt, aber zumindest einige hier im Hause waren sich vorher darüber schon einig – wir gehören dazu –, dass wir unbedingt einen Zustand herstellen müssen, in kleineren Gruppen zu lernen. Das ist das Erste. Das Zweite ist, dass wir bei der Lehrkräftegewinnung tatsächlich ein manifestes Problem haben. Ich finde, dass das mit aller Deutlichkeit kommuniziert werden muss, weil es ehrlich und vernünftig ist, damit Leute tatsächlich umdenken können und verstehen, was wir hier planen. Wir müssen sehen – das haben die Prognosen gezeigt –, dass es zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz und dem ganzen Rest einen riesen Unterschied gibt. „Rest“ meine ich hier nicht despektierlich. Wir sehen, dass im sogenannten Speckgürtel von Leipzig, also Leipzig-Land und Nordsachsen, die Zahlen ansteigen und auch weiter steigen werden, aber dass in allen anderen Landkreisen die Schülerinnen- und Schülerzahlen eher rückläufig sind. Wir müssen uns die Fragen stellen: Warum ist das so? Warum sind in Leipzig, Dresden und Chemnitz die Zahlen so? Warum ist in Leipzig die Zahl von Bewerberinnen und Bewerbern – egal für welche Schulart; das ist schon genannt worden –, die sich vorstellen können, dort zu unterrichten, besonders hoch? Ich will das jetzt nicht weiter ausführen. Ich kann nur sagen, dass mich das nicht wundert. Das heißt, wir kommen an dieser Stelle, wenn die regionalen Unterschiede so deutlich sind, sicher nicht darum herum, dass wir uns das regional anschauen müssen. Wir brauchen ein kommunales Bildungsmanagement und müssen vor allem auf das Regionalisieren der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung schauen sowie Außenstellen der jeweiligen Universitäten vor allem auch in West- und in Ostsachsen eröffnen. Ich glaube, wir müssen, was die ländlichen Regionen angeht, genau hinsehen, was die Abwanderung von jungen Leuten perspektivisch mit dem Fachkräftebedarf macht. Damit sind wir wieder bei der Lehrkräfteausbildung. Ich finde trotzdem, dass man noch einen Blick darauf verschwenden sollte, was in den ländlichen Regionen in den letzten Jahren passiert ist. Ich glaube, dass man feststellen muss, dass die Leute mit den Füßen abgestimmt haben und dass dies fehlende Infrastrukturpolitik, fehlende Demografiepolitik, fehlende Regionalpolitik ist. Das bedeutet, dass auch fehlende Bildungspolitik und vor allem fehlende Sozialpolitik die Gründe sind. Das muss sich zumindest die CDU in den letzten zwei Jahrzehnten von uns auf das Butterbrot schmieren lassen. Das mache ich an dieser Stelle auch, ohne dass es mir darum geht, hier großartig Schuld zu verteilen. Ich sage es noch einmal: Ich glaube, wir haben alle miteinander ein Problem. Flexibilität ist schon genannt worden. Zum Landleben an sich möchte ich trotzdem noch etwas sagen. Das Landleben ist schön, das wird beschrieben; aber es ist nicht jugendfreundlich. Mir sagen Lehrkräfte, die aus den ländlichen Regionen kommen und eigentlich auch wieder dorthin gehen würden, um zu unterrichten, dass sie schlichtweg keine Lust darauf haben. Das hat etwas mit fehlenden Freizeitangeboten, mit Fahrplänen von Bussen und Zügen und auch mit der Möglichkeit von politischer Teilhabe zu tun, die sich derzeit ausschließlich an älteren Menschen orientiert. So wird es zumindest empfunden. Ich möchte dazu gern ein Beispiel nennen. Wenn der Gemeinderat einer Gemeinde über die Schließung eines Jugendtreffs nach 20 Uhr entscheidet und junge Leute nicht in der Lage sind, dorthin bzw. wieder wegzukommen, hat das überhaupt nichts mit Jugendfreundlichkeit und schon gar nichts mit politischer Teilhabe von jungen Leuten zu tun, die sich engagieren möchten. Nächster Punkt: Ich glaube, wir kommen mittelfristig, weil es uns in den letzten Jahren schon so schwergefallen ist, Lehrkräfte zu akquirieren oder zumindest Menschen zu akquirieren, die sich vorstellen können, auf Lehramt zu studieren, nicht darum herum, Leute von außen an die Schulen zu lassen, die die notwendige Praxis mitbringen. Wir brauchen grundsätzlich eine transparente und fachlich fundierte Bildungsplanung, die weit über die drei oder vier nächsten Jahre oder eine Legislaturperiode – wie auch immer – hinausgeht, sondern vermutlich müssen wir das in zehn Jahresscheiben anschauen. Wir brauchen – das hat Sabine Friedel schon angedeutet – ein jahrgangsübergreifendes Lernen, ganz sicher die Gemeinschaftsschulen, weil wir ansonsten die Schulen im ländlichen Raum, glaube ich, nicht halten können. Wahrscheinlich wird das alles dazu führen, dass wir den Schwankungen, die diese Prognosen darstellen, besser Herr oder Frau werden können, als wir das bis dato getan haben. Vielen Dank (Beifall bei den LINKEN) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Und die BÜNDNISGRÜNEN, bitte. Frau Abg. Melcher, bitte.

Alle Reden von Luise Neuhaus-Wartenberg Protokoll ↗