Sabine Friedel
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Dank der guten Vorarbeit in den vorangegangenen Reden kann ich mir zum Schluss dieser ersten Runde erlauben, den Blick ein wenig weiter zu spannen, denn wir haben schon viel über die Chancen, aber auch die Risiken von künstlicher Intelligenz – von dieser noch recht neuen Technologie – gehört. Ich denke, dass die bestehenden Risiken mit einer vernünftigen und klaren Regulierung recht gut in den Griff zu bekommen sind. Darum – da widerspreche ich Ihnen, Herr Peschel – muss der Staat sich kümmern: Er muss klare, eindeutige Regelungen treffen, die diese Technologie kontrollieren, damit die Menschen darauf vertrauen können, dass sie zum Vorteil der Menschheit eingesetzt wird. Darin hat Herr Meyer ganz recht: Neue Technologien sollen dem Menschen dienen und künstliche Intelligenz hat ein riesiges Potenzial dazu. Deshalb will ich über die Chancen reden. Künstliche Intelligenz kann, wie jede neue Technologie, das Leben der Menschen erleichtern, wenn man die Risiken in den Griff bekommt. Und das haben neue Technologien in den vergangenen Jahrhunderten getan. Sie haben viel Arbeit abgenommen, die früher von Menschen gemacht worden ist und die heute von Werkzeugen, von Maschinen und schließlich von künstlicher Intelligenz erledigt wird. Dieses Freiwerden von menschlicher Arbeitskraft ist in den vergangenen Jahrhunderten in zwei Richtungen genutzt worden: Zum einen konnten Menschen den Arbeitstag verkürzen. Wir sind von 16 Stunden über 12 Stunden, 10 Stunden jetzt bei 8 Stunden pro Arbeitstag, wie er in der Welt Normalität ist, zumindest in Deutschland und Europa. Es ist folgerichtig, dass sich die Gewerkschaften dafür einsetzen, weitere technologische Fortschritte für eine weitere Verkürzung von Arbeitszeit einzusetzen. Zum anderen gibt uns das Freiwerden menschlicher Arbeitskraft die Chance, dass sich die Gesellschaft immer wieder neue Arbeitsfelder erschließen kann. Das hat sie vollzogen mit dem Handwerk, später mit der Industrialisierung und danach mit dem Schritt in die Dienstleistungsgesellschaft. Diese Chance bietet uns nun auch die neue Technologie künstliche Intelligenz, menschliche Arbeit ganz anderer Art, die jetzt von Maschinen erledigt werden kann, zu automatisieren und frei zu machen, damit sie für andere Felder aufgewendet werden kann, zum Beispiel für die Arbeit von Menschen mit Menschen. Die KI-Strategie des Freistaates Sachsen ist eine recht gute Grundlage, um mit diesen Chancen kurzfristig und instrumentell umzugehen. Aber es ist eher eine KI-Taktik sozusagen: Die Technologie ist vorhanden; wir müssen jetzt irgendwie dabei sein. Was mir ein wenig fehlt, ist der Blick auf das Potenzial, was künstliche Intelligenz ausmacht. Wir als Politik müssen dieser Strategie ein zehntes Ziel hinzufügen, nämlich die Antwort auf die Frage: Wozu machen wir das Ganze eigentlich? Eine der wichtigen Antworten ist, die Arbeitszeit- und Produktivitätsgewinne in neue Lebensqualität zu stecken. Das ist zum einen Arbeitszeitverkürzung. Das ist zum Zweiten auch die Chance, mit diesen Automatisierungsgewinnen personalintensive und regionale Wertschöpfung mit Arbeitszeit auszustatten. Wenn ich beginne, maschinelle Arbeit zu besteuern und menschliche Arbeit von Steuern zu befreien, dann haben das regionale Handwerk und ökologische Tier- und Landwirtschaft ganz andere Chancen, auf dem Markt zu bestehen. So schaffen wir es, die Art und Weise unseres Wirtschaftens nachhaltig umzugestalten. Automatisierungsgewinne eröffnen uns aber auch die Chance, in einem dritten Bereich tätig zu werden, soziale Arbeit massiv zu stärken, die Arbeit von Menschen für Menschen bei Schule und Bildung, Pflege und Gesundheitsversorgung. Dabei wäre es extrem hilfreich, diese kulturelle und soziale Arbeit auf ein völlig neues Niveau zu bringen. Was der Schlüssel dazu ist, dafür brauche ich noch eine zweite Runde. Deshalb vielen Dank erst einmal bis hierher. (Beifall bei der SPD, der CDU und der Staatsregierung)
